Agostino Steffani
Orlando Generoso - Opera in 3 Acts
Ensemble 1700 • Dorothee Oberlinger
Prospero Classical PROSP0146
3 CD • 2h 53min • 2025
25.09.2026
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Klassik Heute
Empfehlung
Ludovico Ariostos Kreuzritter-Epos Orlando furioso (1516/32) war eine schier unerschöpfliche Quelle für die Oper des 18. Jahrhunderts. Die bekanntesten Adaptionen stammen von Antonio Vivaldi (Orlando furioso), Georg Friedrich Händel (Alcina) und Joseph Haydn (Orlando paladino). Einen Vorläufer hat Agostino Steffani (1654-1728), der nicht nur als Musiker, sondern auch als Politiker eine Kapazität war, 1691 für den Hof von Hannover geschaffen: Orlando generoso war dort wie später an der Hamburger Gänsemarkt Oper sehr erfolgreich und erfuhr im vergangenen Jahr in der Pflanzenhalle des Potsdamer Schlosses Sanssouci eine bemerkenswerte Wiederbelebung. Der Audio-Mitschnitt der Aufführung liegt jetzt beim Schweizer Label Prospero vor und offenbart uns ein musikalisches Meisterwerk, das als eine wirkliche Entdeckung gelten kann.
Komplizierte Handlung
Das Libretto von Ortensio Bartolomeo Mauro kompiliert verschiedene Episoden aus Ariostos Vers-Epos und fokussiert sie auf ein erotisches Verwirrspiel. Der Ritter Orlando liebt die Prinzessin Angelica, die ihrerseits den einfachen Soldaten Medoro liebt, woraus sich zahlreiche Komplikationen ergeben. In ihre Heimat zurückgekehrt, wechselt sie aus Angst vor dem Zorn ihres Vaters Galafro mit ihrem Geliebten die Kleider. Der wird als obskurer Fremder aufgegriffen und verhaftet. Galafro erkennt seine Tochter nicht und macht ihr aufdringlich den Hof. Orlando verfällt in Wahnsinn. Diese Geschichte kreuzt sich mit der des Ritters Ruggiero, der von dem Magier Atlante gewaltsam von seiner Braut Bradamante getrennt wurde. Im Verlaufe der Handlung kommt es zu freundschaftlichen Begegnungen zwischen Angelica und Ruggiero, die sich gegenseitig in ihrer Verlassenheit trösten. Bradamante kommt jedesmal dazu und macht Ruggiero wilde Eifersuchtsszenen. In einer späteren Szene hält Orlando in seinem Wahn Bradamante für Angelica und umarmt sie leidenschaftlich, was wiederum von Ruggiero beobachtet wird, der nun seinerseits einen Eifersuchtsanfall bekommt. Das „lieto fine“ mit der Rückkehr der Vernunft und Orlandos Großmut, die der Oper den Titel gibt, erscheint nach alledem etwas gezwungen.
Kunstvolle Dialoge
Diesem dramaturgisch gelegentlich konfusen Text gewinnt Steffani ein dramatisch stringentes Musikdrama ab, das gerade durch seine Rückbesinnung auf Formprinzipien der frühen Oper für die Entstehungszeit fortschrittlich war. Während sich die Barockoper unter dem Diktat der Kastraten und Primadonnen im Allgemeinen durch eine oft endlos erscheinende Abfolge von Rezitativen und langen Dacapo-Arien definiert, herrscht hier ein dialogisches Prinzip vor. Die Arien sind meist sehr kurz, dauern oft nicht viel länger als eine Minute. Manchmal weiten sich auch unmittelbar aufeinanderfolgende Soli zum Duett, wie überhaupt vokale Ensembles eine entscheidende Rolle in der Partitur spielen. Das absolute Meisterstück findet sich am Anfang des 2. Aktes („Se t’ecclissi, o bella face“). Da verbinden sich die Stimmen von Angelica, die sich nach Medoro sehnt, und Ruggiero, der nach Bradamante schmachtet, zu einem innigen Duo, das alle äußeren Anzeichen eines Liebesduetts hat. Das ist melodisch berückend und in der instrumentalen Begleitung kunstvoll gestaltet, indem Angelica Violine und Fagott, Ruggiero Oboe und Cello beigesellt werden. Da die Potsdamer Produktion in den Händen der Choreographin Jean Renshaw lag, die einige Figuren durch Tänzer ersetzte, ergaben sich für die Aufführung etliche Striche und Ergänzungen. Kurze Tanzsätze aus anderen Bühnenwerken Steffanis wurden hinzugefügt.
Mitreißendes Plädoyer
Der Live-Mitschnitt aus Potsdam gerät zum leidenschaftlichen Plädoyer für eine Wiedereingliederung des Werks in den Kanon der bedeutenden Barockopern. Gerne nimmt man da die vielen Bühnengeräusche und Publikumsreaktionen in Kauf, denn dadurch vermittelt die Aufnahme lebendige Bühnenatmosphäre. Und die hervorragende Tontechnik sorgt für eine Klangbalance, die die Aufführung nach den mir vorliegenden Berichten nicht immer hatte, zum einen wegen des Halls am Spielort, zusätzlich durch das hinter der Szene agierende Orchester. Das Ensemble 1700 unter Dorothee Oberlinger bietet eine fulminante Leistung, bringt die Partitur zum Glühen und ständigen Pulsieren, die Soli der Bläser (Flöte, Oboe, Fagott) prägen sich besonders ein. Aber auch die Sänger bleiben ihren Partien nichts schuldig. Herausragend (auch vom Komponisten am reichsten bedacht) ist der schweizerisch-amerikanische Countertenor Terry Wey, früherer Wiener Sängerknabe, der den erst rasenden, dann edelmütigen Orlando mit fülligem, vergleichsweise männlichem Ton verkörpert, in der Tiefe gelegentlich auch ungeniert in die Baritonlage wechselt. Etwas lyrischer, aber auch sehr klangschön gestaltet sein Fachkollege Morten Grove Frandsen den Part des Ruggiero, dem dritten Countertenor Gabriel Díaz kommen als fiesem Galafro die Charakterfarben zu. Die beiden Damen Hélène Walter als Angelica und Shira Patchornik als Bradamante unterscheiden sich vom Stimmtyp nicht wesentlich, haben aber schöne Legato-Momente, bei denen ihre Stimmen zum Blühen kommen. Eitlen Wohllaut verströmt auch die Mezzosopranistin Natalia Kawalek in der Hosenrolle des Medoro. Die einzige echte Männerstimme im Ensemble hat der Bassbariton Sreten Manojlović als Zauberer Atlante einzusetzen, der nicht nur wuchtig dröhnen kann, sondern auch über agile Koloraturen verfügt.
Ekkehard Pluta [25.09.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Agostino Steffani | ||
| 1 | Orlando Generoso (Oper in 3 Akten) | 02:53:28 |
Interpreten der Einspielung
- Terry Wey (Orlando - Countertenor)
- Hélène Walter (Angelica - Sopran)
- Natalia Kawalek (Medoro - Mezzosopran)
- Shira Patchornik (Bradamante - Sopran)
- Morton Grove Frandsen (Ruggiero - Countertenor)
- Sreten Manojlović (Atlante - Bariton)
- Gabriel Diaz (Galafro - Countertenor)
- Ensemble 1700 (Ensemble für Alte Musik)
- Dorothee Oberlinger (Dirigentin)
