Georg Philipp Telemann
Paris Quartets
Ensemble Barockin'
Raumklang RK 4401/1-3
3 CD • 3h 13min • 2022
07.07.2026
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Klangqualität:![]()
Gesamteindruck:![]()
Klassik Heute
Empfehlung
In Paris wurde Georg Philipp Telemann nicht als Musikhandwerker, sondern als intellektueller Musiker geachtet. Dort musizierte er während seines achtmonatigen Aufenthalts im Jahre 1737 mit den besten Instrumentalisten und komponierte mit übergroßem Erfindungsreichtum seine Quadri à violino, flauto traversiere, viola da gamba o violoncello und Nouveaux Quatuors TWV 43. Karl Grebe, der ehemalige künstlerische Leiter der Telemann-Gesellschaft und Verfasser einer Telemann-Monografie, konstatierte, dass diese „berühmten Quartette auch bei vielfach wiederholtem Spiel keine Ermüdungserscheinungen zeigen oder bewirken“, und schreibt weiterhin: „In diesen Kompositionen steckt eine beneidenswerte Reserve von Lebenskraft, ein Überschuss, der durch eine glänzende Kompositionstechnik, durch untrügliches Formbewusstsein und durch ein bewundernswertes Gespür für die Sprache der Instrumente kontrolliert wird, unter denen sich das Violoncello endlich einmal selbstbewusst ausleben kann.“
All dies macht das Ensemble Barockin‘ um die Flötistin Kozue Sato hörbar in dieser Gesamtaufnahme aller Pariser Quartette in einer Box mit drei CDs beim Label Raumklang. Mit geistvoller Rhetorik, zündender Lebendigkeit und sinnlicher Klangopulenz widmen sich die insgesamt sieben Musikerinnen und Musiker dieser immer wieder überraschenden Kammermusik des so überquellend fruchtbaren Komponisten, der über 3600 Werke geschaffen hat – dreimal so viel wie Bach.
Sonnig-heitere Schmissigkeit und blitzende Klarheit
Vom ersten Ton an ist man elektrisiert von dem mitreißenden Temperament, von der satten Klangfülle, der Spielfreude, der sonnig-heiteren Schmissigkeit und der blitzenden Klarheit der Artikulation. Makellaus sauber ist die Intonation, wichtig, weil alle auf historischen Instrumenten spielen bzw. auf historisch nachgebauten Instrumenten. Alle agieren höchst aufmerksam miteinander, sie „sprechen“ miteinander – im Sinne von Goethe, der ja bekanntermaßen ein Streichquartett einmal als ein „geistvolles Gespräch“ bezeichnet hat –, sie antworten echomäßig aufeinander oder „streiten“ untereinander – wie in einem Satz mit der entsprechenden Bezeichnung Replique (CD 1, Take 18): ein ewiges anmutiges Geplauder. Jedem Satz, ob Suiten-Tanz oder Quartett-Satz, geben die Musiker seine je eigene Prägung und Charakteristik. Immer realisieren sie die raffinierte Sinnlichkeit der Rokoko-Musik und die sehr aparten Klangmischungen. Vor allem die Flöte und die Violine wetteifern um Beweglichkeit und helle Spitzentöne, oft umranken sie sich oder verschmelzen so, dass man genau hinhören muss, um die Instrumente zu unterscheiden. Aus den vielen Synkopen gewinnen die Musiker beinahe Beethoven’sche Energie, die Anfangstöne reißen die Streicher oft dynamisch an, und mit sehr großer Agilität beweisen Gambe bzw. Cello, dass sie eben nicht bloß Basso-Continuo-Sklaven sind: Die von Telemann gewährten Freiheiten nutzen sie freudig.
Vollkommene Beherrschung der barocken Rhetorik
Wo man auch hineinhört in diese drei CDs, herrschen Beweglichkeit, Eleganz und vollkommene Beherrschung der barocken Rhetorik und Affektenlehre, wird man überrascht, ja bisweilen überrumpelt: Im Andante der Sonata Seconda (CD 1, Take 11) umspielen bzw. umseufzen sich Violine und Flöte aufs anmutigste, höchst elegant, aber doch rhythmisch sehr akzentuiert hüpft die Gigue in der Première Suite (CD 1, Take 20), affektreich und damit sehr effektvoll ist das Affettuoso im Concerto Secondo (CD 1, Take 5), mit geringsten musikalischen Mitteln ausgeführt, von der Gambe angeführt. Von zarter „Beredsamkeit“ zwischen Violine und Flöte geprägt ist der Satz Tendrement im 1er Quatuor (CD 2, Take 2), während das Cello einen sehr melodischen Basso continuo dazu gibt, übersprudelnd ist die Vitalität der darauffolgenden Vite. Ein fast ironisch pomphafter Ernst herrscht im Prélude des 2ème Quatuor (CD 2, Take 7), einschmeichelnd sind die Flötentöne im Flatteusement desselben Quartetts, dunkler sind hingegen diese Flötentöne im langsamen und spannungsreichen Satz mit der Bezeichnung Triste des 4ème Quatuor (CD 3, Take 5). Wie in einem Gemälde von Antoine Watteau fühlt man sich in dem graziösen Charme samt gezupftem Bass des Gracieusement des 3ème Quatuor (CD 2, Take 15), volkstanz-springfreudige Ausgelassenheit lässt im Gai desselben Quartetts die Füße zucken.
Akustische Glückseligkeit
Telemanns Musik atme „Leichtigkeit, Natürlichkeit und Glückseligkeit“, schreibt Kozue Sato im eher kurz gehaltenen Booklet, und so ist auch der Gesamthöreindruck dieser Aufnahme, die glücklicherweise in einer Papierhülle steckt. Vervollständigt wird die „akustische Glückseligkeit“ durch die hervorragende Tonregie, die den Raumklang der Aufnahmeorte (einmal die Asam-Kirche Maria Victoria in Ingolstadt und zum anderen der barocke Kongregationssaal in Neuburg an der Donau) sehr schön einfängt und den Hörer fast inmitten des Ensembles postiert: Man ist mittendrin und genießt.
Rainer W. Janka [07.07.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Georg Philipp Telemann | ||
| 1 | Concerto primo G-Dur TWV 43:G1 für Violine, Traversflöte, Viola da gamba und B.c. (Nr. 1 aus Quadri) | 00:10:41 |
| 4 | Concerto secondo D-Dur TWV 43:D1 für Violine, Traversflöte, Viola da gamba und B.c. (Nr. 2 aus Quadri) | 00:10:51 |
| 7 | Sonata prima A-Dur TWV 43:A1 für Violine, Traversflöte, Viola da gamba und B.c. (Nr. 3 aus Quadri) | 00:12:12 |
| 11 | Sonata Seconda g-Moll TWV 43:g1 für Violine, Traversflöte, Viola da Gamba und B.c. (Nr. 4 aus Quadri) | 00:11:31 |
| 15 | Première Suite e-Moll TWV 43:e1 für Violine, Traversflöte, Viola da Gamba und B.c. (Nr. 5 aus Quadri) | 00:18:42 |
| 21 | Deuxième Suite h-Moll TWV 43:h1 für Violine, Traversflöte, Viola da Gamba und B.c. (Nr. 6 aus Quadri) | 00:10:51 |
| CD/SACD 2 | ||
| 1 | 1er Quatuor D-Dur TWV 43:D3 für Violine, Flöte, Viola, Violoncello und Cembalo (Nr. 1 aus Nouveaux Quatuors en Six Suites) | 00:18:27 |
| 7 | 2ème Quatuor a-Moll TWV 43:a2 für Violine, Traversflöte, Viola da gamba und B.c. (Nr. 2 aus Nouveaux Quatuors en Six Suites) | 00:19:05 |
| 13 | 3ème Quatuor G-Dur TWV 43:G4 für Violine, Traversflöte, Viola da gamba und B.c. (Nr. 3 aus Nouveaux Quatuors en Six Suites) | 00:22:43 |
| CD/SACD 3 | ||
| 1 | 4ème Quatuor h-Moll TWV 43:h2 für Violine, Traversflöte, Viola da gamba und B.c. (Nr. 4 aus Nouveaux Quatuors en Six Suites) | 00:20:38 |
| 7 | 5e Quatuor A-Dur TWV 43:A3 für Violine, Traversflöte, Viola da gamba und B.c. (Nr. 5 aus Nouveaux Quatuors en Six Suites) | 00:17:30 |
| 13 | 6ème Quatuor e-Moll TWV 43:e4 für Violine, Traversflöte, Viola da gamba und B.c. (Nr. 6 aus Nouveaux Quatuors en Six Suites) | 00:19:13 |
Interpreten der Einspielung
- Ensemble Barockin' (Ensemble)
