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Merkwürdige Entscheidungen

Semifinale Gesang beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD

Was haben eine Koloratursopranistin, ein Countertenor, ein lyrisch-dramatischer Sopran, ein Mezzo und ein Bass gemeinsam? Wer hier spontan sagt: „Nichts“, hat erst einmal recht, aber natürlich kann man argumentieren, dass es sich doch bei allen diesen Musikerinnen und Musikern um Sänger handelt. Folglich werden alle diese Vertreter ihres Stimmfaches im Wettbewerb unter dem Titel „Gesang“ zusammengefasst.

Es ist verständlich, dass die verantwortlichen Planer des nach wie vor karriereentscheidenden Internationalen ARD-Musikwettbewerbs aus logistischen Gründen nicht allzuviele Sparten für die einzelnen Gesangsfächer einführen wollen. Doch die Vergleichbarkeit der insgesamt acht Sängerpersönlichkeiten, die es bis in das Semifinale Gesang geschafft hatten, leidet nicht nur, sondern ist eigentlich überhaupt nicht gegeben. Dieses Problem führt, mit quasi logischer Konsequenz, zu einer ungerechten Bewertung einzelner Kandidaten.

Da ist zum Beispiel ein Countertenor wie Siman Chung aus Südkorea. Er hat nicht nur mit den Umfängen seiner beiden Arien von Händel und Rossini, besonders der Tiefe, zu kämpfen, sondern auch damit, dass keiner beurteilen kann, wie sich sein durchaus angenehmer, vielleicht etwas unbeweglicher Altus im Konzert mit seinen Kollegen ausnimmt. Jae Eun Park aus Südkorea hat ihre musikalische Wahl eher unglücklich getroffen, sie hat zu wenig Tiefe für Johann Sebastian Bach und schafft es auch nicht, sich mit ihrem zarten Sopran über die Klanggewalten zu schwingen, die das Münchner Rundfunkorchester unter Darrell Angs eher unsensibler, über dies hinaus auch kaum präziser Leitung, erzeugt.

Weiterhin ist da ein Bassist wie der Deutsche Sebastian Pilgrim – der einzige Mann in der Riege –, der sicherlich noch an Tiefe dazugewinnen muß, der aber auch in Osmins Folterarie zum Lachen reizt, weil er seine ausdrucksstarke Mimik geschickt mit der musikalischen Artikulation der einzelnen Phrasen zu verbinden weiß. Pilgrim ist ein wunderbarer Verschwender mit großer Bühnenpräsenz und er hat das Publikum auf seiner Seite. Wir werden sicherlich von ihm hören – wenngleich, schade genug, nicht in diesem Wettbewerb.

Und da ist schließlich die Australierin Siobhan Stagg (ihr Vorname ist irisch-gälischen Ursprungs). Was für eine lebendige Schönheit der Stimme, welche Freiheit in der Farbgebung, was für eine frische Offenheit der Gestaltung! Hier werden, in Arien aus Gounods Faust und Händels Giulio Cesare, innerhalb weniger Minuten ganze Figuren lebendig. Siobhan Stagg verfügt über eine mühelose Höhe, sie erfüllt in der Händel-Arie auch einfachste melodische Linien mit darstellerischer Aufrichtigkeit. Bravo!

Zumindest für den Bassisten Sebastian Pilgrim sowie die Sopranistin Siobhan Stagg muß man also Loblieder singen. Und doch: Beide schafften es nicht ins Finale. Im Falle des Countertenors Chung und der Sopranistin Park mag das noch verständlich sein; da gibt es eben noch andere Talente, so dass die beiden nicht wirklich aus der Menge herausragen, und beide zeigten auch wirklich gar nichts von sich selbst. Doch Siobhan Stagg und Sebastian Pilgrim, zwei sehr charismatische Persönlichkeiten, zwei echte Bühnentalente? Schade!

Nun möchte man sich natürlich über die Sängerinnen, die im Wettbewerb tatsächlich weiter kamen, nicht negativ äußern. Emalie Savoy, eine amerikanische Sopranistin mit Hang zur Dramatik, lieferte mit Mozart und Gounod eine gute Show, wenn auch mit einer gewissen Härte und Steifheit im stimmlichen Ansatz; Suzanne Fischer aus England sang Arien aus Britten und Verdi lyrisch neutral. Beide wurden in den Schatten gestellt durch die vollblütige Mezzosopranistin Marion Lebegue aus Frankreich.

Genau besehen, ist die Jury-Entscheidung nur im Falle von Lebegue sowie von Sooyeon Lee nachvollziehbar: Die letztgenannte südkoreanische Koloratursopranistin entfacht in der Arie aus Mozarts Zaide einen wahrlich intensiven Höhenrausch und wickelt dann das Publikum mit einer köstlichen Automaten-Arie aus Offenbachs Hoffmanns Erzählungen um den Finger. Es war klar, dass Lebegue und Lee ins Finale kommen würden, und zumindest verständlich im Falle Savoys und Fischers. Unverständlich bleibt, dass Pilgrim und Stagg dies versagt wurde.

Ein Wort noch zur Auftragskomposition, Chaya Czernowins Adiantum Capillus-Veneris I. Unter all den Atem-, Geräusch- und Singstudien der letzten Jahrzehnte tut sich dieses Stück weder durch Komplexität, noch durch Originalität, noch durch irgendeine mitteilbare Idee hervor. Die vielfachen redundanten Wiederholungen legen sogar den – freilich nicht beweisbaren – Verdacht nahe, dass diese „Studie über die Fragilität“ eher in einer weniger zeitintensiven Arbeitsphase entstanden ist. Abgesehen von der kompositorischen Belanglosigkeit ist das echte Ärgernis an diesem Stück, dass es den Sängern, zumindest teilweise, stimmlich Schäden zufügt: Mindestens zwei Sängerinnen müssen sich verstohlen räuspern, was durch das Mikrophon nur allzu intim hörbar gemacht wird. Dass es durchaus kein Ruhmesblatt ist, wenn für eine Neue Musik ein Mikrophon benötigt wird, sei hier nur angedeutet.

Michael B. Weiß [11.9.2015]

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