75. ARD-Musikwettbewerb – Orgel
Finale
Alle drei Orgel-Finalisten mussten im Herkulessaal der Münchner Residenz das Orgelkonzert g-Moll für Orgel, Streicher und Pauke von Francis Poulenc spielen. Partner dabei war das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das unter der Leitung von Bar Avni, die mit ebenso einfühlsamen wie elegant-suggestiven Gesten dirigierte und alle drei Finalisten gleich engagiert begleitete.
Herausforderndes Poulenc-Konzert
Julian Emanuel Becker (D) begann bestimmt und majestätisch, konnte im ruhigeren Teil danach „Stimmung“, dann aber auch explosive Phasen gestalten, wählte sorgfältig die Zungenregister, die ja die Orchesterbläser ersetzen sollten, mischte diese schön mit den Streicherklängen und fügte sich nahtlos ins Orchester ein.
William Fielding (GB) registrierte wesentlich feiner und gab sich souveräner und wirkte überzeugender, Alexis Grizard (F) registrierte wieder etwas schärfer, machte insgesamt weniger „Stimmung“, spielte dafür fließender. Die Unterschiede waren schwieriger zu erkennen als bei den selbst gewählten Solostücken – die interessanterweise alles keine Original-Orgelwerke, sondern Bearbeitungen waren. Vielleicht weil die Orgel im Herkulessaal wahrlich keine Kirchenorgel ist.
Orgelglanz bei den selbst gewählten Solostücken
So waren die jeweiligen Stärken eher bei diesen Stücken zu hören: Julian Emanuel Becker begann die Ouvertüre zu „Die Meistersinger von Nürnberg“ von Richard Wagner im Arrangement von Edwin H. Lemare im durchaus beschwingten Tempo, blieb dabei immer festlich und auch gut strukturierend und zeigte am Ende fleißige Beinarbeit.
Besser gewählt hatte William Fielding: Seine Bearbeitung von fünf Sätzen aus Le Tombe de Couperin von Maurice Ravel konnte seine ausgezeichnete Registrierkunst demonstrieren. Da glitzerte es farbenreich, da tönte silbriges Glockenspiel, da schritt das Menuet graziös und ironisch gravitätisch und tanzte der Rigaudon kraftvoll-freudig. Der aufbrandende Jubel ließ schon den Publikumsfavoriten erahnen.
In Les Préludes von Franz Liszt realisierte Alexis Grizard die großen eigentlich orchestralen Steigerungen, ließ aber bei aller Virtuosität und Registeraufwand hören, wie sehr einem hier das ursprüngliche Orchester fehlt.
In der ziemlich kurzen Beratungspause der Jury diskutierten die durchweg kundigen Zuhörer lebhaft die Interpretationskunst, Registrierung und das Auftreten der Finalisten. Den einen war die Registrierung bei zweien der Organisten zu scharf, obwohl vielleicht im Sinne des Komponisten, die anderen kritisierten die Stückeauswahl: Wagner ja, aber Liszt eher nicht. Und einer schrieb auf den Publikumswunsch-Zettel gleich seine Gesamtwertung: einen ersten und zwei zweite Preise. Ausgewertet wurden auch die Biografien: Julian Emanuel Becker spiele sich ja von Wettbewerb zu Wettbewerb. Der Publikumsliebling kristallisierte sich dabei schnell heraus.
Statt wie sonst Blumen gab’s diesmal Medaillen: Der Wettbewerb sei ja wie die Olympischen Spiele, hatte der Juryvorsitzende Andres Uibo (Estland) gesagt. Den mit 16.000 Euro dotierten 1. Preis erhielt William Fielding (GB), der zusätzlich mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde (2000 Euro), den mit 10.000 Euro dotierten 2. Preis bekam Alexis Grizard (F), Julian Emanuel Becker (D) den mit 5000 Euro dotierten 3. Preis. Den Preis (1000 Euro) für die beste Interpretation der Auftragskomposition Das Glasperlenspiel von Enjott Schneider teilten sich Mélodie Michel (F) und Silvan Meschke (D).
Rainer W. Janka (10.09.2026)

