ARD-Musikwettbewerb 2026 Orgel
Semifinale
Die Michaelskirche war gut gefüllt: Groß war die Freude darüber, dass nach 18 Jahren wieder die Orgel als Wettbewerbs-Instrument zugelassen war. Aus zwanzig Bewerbern hatte die siebenköpfige Jury unter der Leitung von Andres Uibo (Estland) sechs Semifinalisten ausgewählt, die sich an zwei Abenden an der großen Rieger-Orgel mit ihren 4 Manualen und 75 Registern präsentieren durften. Alles wurde auf eine Leinwand ins Kirchenschiff übertragen. Dabei musste jeder die Auftragskomposition spielen: Das Glasperlenspiel für Orgel Solo von Enjott Schneider. Es beginnt geheimnisvoll-sphärisch mit immer wieder aufblitzenden Glas-artigen Klängen, dazwischen schwimmende Akkorde, chromatische Seufzer und zahlreiche musikalische Zitate von den Komponisten, die Hermann Hesse in seinem Roman „Das Glasperlenspiel“ nennt, darunter Bachs d-Moll-Toccata, Schuberts B-Dur-Impromptu und Musik von Rameau. Damit versucht Schneider, die „Musik des Weltalls und Musik der Meister“, wie es Hesse formuliert, auf der Orgel darzustellen. Alles endet mit einem sterbenden Triller im tiefen Bass.
Nur Französische Werke
Den Anfang machte William Fielding (GB). Er hatte nur französische Orgelwerke gewählt – keine gute Wahl, weil dies auf Dauer etwas Eintöniges hat. Die Fugue sur le thème du Carillon des Heures de la Cathédrale de Soissons op. 12 von Maurice Duruflé begann er verhalten registriert, um dann immer glitzernder, volltönender bis hin zum brausenden Tutti-Schluss zu werden. Farben-, aber nicht sehr spannungsreich war das Lied aus Douze Pièces von Gaston Litaize (1909-1991), alles in bester französischer Orgeltradition mit herb-romantischen, doch modern angereicherten Harmonien. Als ausschweifend, ja weitschweifig und sehr redselig erwies sich La Croix du Sud. Poème symphonique op. 15 von Jean-Louis Florentz (1947-2004). Fielding begann sehr bewegt und mit flüssig-lässiger Beinarbeit, nutzte fleißig Schweller und die übrigen zuteilbaren Schwelltritte, um die großen Steigerungen zu gestalten. Die Registrierhelferin hatte alle Hände voll zu tun und musste auch noch mit Akkordgriffen aushelfen. Das Glasperlenspiel zerlegte Fielding in seine Bestandteile, die er akkurat aneinanderreihte.
Er spielt mit dem Raum
Ganz anders ging Alexander de Bie (NL) an dieses Glasperlenspiel ran, begriff es wirklich als Spiel mit Glas und Perlen, schuf Spannung, dramaturgische Entwicklung und einen sinnvollen Zusammenhang. Die hör- und erkennbaren Zitate stellte er deutlich heraus und bettete das Glasglockenspiel so reizend wie geheimnisvoll in sein Registerspiel ein: Man hörte ein ganz anderes Werk, man erinnert sich daran, dass Hermann Hesse in seinem gleichnamigen Roman die Verknüpfung von Wissenschaft und Kultur spielerisch durchdenkt, und man spürt, warum Enjott Schneider diesen Titel gewählt hat.
Ruhe und Spannung und Himmelssehnsucht zugleich herrschte im zweiten Stück aus L’Ascension. Quatre Méditations symphonique von Olivier Messiaens mit dem Titel Alleluias sereins d’une âme qui desire le ciel. Rhythmisch schwungvoll, einsichtig gegliedert und klug strukturiert war das Spiel von de Bie. Voll belebender Intensität, leichtgängig in den auf- und absteigenden und schwirrenden Tonkaskaden und dann wieder himmelsstürmend brausend kam Transports de joie d’une âme devant la gloire du Christ qui est la sienne aus demselben Zyklus von Messiaens. Dabei hatte man den Eindruck, dass Alexander de Bie bewusst den Raum erfühlt, ja mit ihm spielt.
Klar ordnende Gestaltungskraft bewies de Bie auch in Max Regers Phantasie und Fuge über B-A-C-H op. 46. Er ließ das immer wieder auf- und durchscheinende Thema in den vielen Binnensteigerungen wirkmächtig ertönen, begann die Fuge ganz geheimnisvoll leise („pppp“ ist hier ja vorgeschrieben), wie suchend, nachdenklich und andächtig und ließ dann die gewaltige Architektur dieses Werkes tönend erscheinen und spielte so transparent, dass man glaubte, beim Hören die Partitur mitlesen zu können. Die Vielteiligkeit dieses Werkes schmiedete er zu einer Einheit zusammen. Seine Registrierhelferin half nicht nur beim Registrieren, sondern atmete und sang und lebte die Musik körperlich mit. Nach dem aufjubelnd triumphierenden Schluss jubelte auch das Publikum.
Geschickte Stimmungswechsel
Reger hatte auch Silvan Meschke (D) im Programm, er begann aber mit Bach, mit der Toccata und Fuge E-Dur BWV 566. Das beginnende Toccaten-Feuer war vielleicht ein bisschen zu wenig feurig registriert, dafür war die erste Fuge fein registriert und luftig und duftig gespielt. Umso strahlender und geradezu stürmischer baute sich dann die richtige große Fuge auf.
Das Glasperlenspiel begann Meschke bestimmter und entschlossener, damit aber auch etwas weniger geheimnisvoll. Das Glasperlenspielhafte war weniger profiliert, manche der musikalischen Zitate erschienen im Straßenorgelgewand, manche wieder sehr lieblich. Der Schluss wirkte ziemlich abrupt. Alles wirkte etwas uninspiriert, nur korrekt.
Dafür überzeugte wiederum Regers Phantasie über den Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ op. 52/2. Plastisch ausgemalt war die düstere Kirchhof- und Grabesstimmung zu Beginn, geschickt wechselte Silvan Meschke die Stimmungen, von der Anfangsdüsternis über Abendmahlsmystik hin zur fröhlichen Fuge bis schließlich zum enthusiastisch jubelnden und vor Freude fast zitternden Schluss. Immer herrschte die richtige Gesamtspannung, Meschke ließ nichts von den eminenten technischen Schwierigkeiten dieses Werks spüren, sondern spielte sich fast bebend in einen veritablen Orgelrausch hinein.
Subtile Klangvaleurs
Buchstäblich alle Register zog Mélodie Michel (F) im Präludium und Fuge über B-A-C-H von Franz Liszt. Fingerfertig-virtuos, intensiv und so empfindsam wie emphatisch spürte sie dem fantasievollen Schweifen des Komponisten nach. Fast meinte man bei der Orgel dabei so etwas wie eine Echo-Fernwirkung zu spüren. Die harmonisch in die Zukunft weisenden letzten Pianissimo-Akkorde vor dem triumphalen Schluss nahm die Organistin vielleicht etwas zu laut.
Sehr delikat waren dafür die Piano-Anfangspassagen im ersten Satz der Orgelsymphonie Nr. 5 von Charles Widor. Mit kraftvoll phrasiertem Schwung ging’s dann ins wirkliche Allegro vivace und durch die hurtig spielerischen Passagen.
Dem Glasperlenspiel widmete sie sich mit Hingabe, großem Einfühlungsvermögen und Sinn für die subtilen Klangvaleurs. Ein Glasperlenspiel wie mit Kirchenglocken und das Schubert-Zitat wie aus einer anderen Welt ließen dieses Werk wie frisch aufleuchten. Auch der Komponist zeigte sich sehr zufrieden mit dieser Interpretation.
Aufblitzend und aufschäumend, überschwänglich rauschend und brausend und mit schier unwiderstehlicher Überzeugungskraft war die unermüdliche Lobpreisung Gottes im 9. Teil von La Nativité du Seigneur von Olivier Messiaens: Jeder Akkord eine Glaubensgewissheit. Groß war danach die Publikumszustimmung.
Klare Disposition
Sorgfältig, aber ein bisschen neutral und akkurat alles beachtend war die Interpretation des Glasperlenspiels durch Julian Emanuel Becker (D), dafür kam das Schubert-Zitat schmerzlich-schön. Relativ kurz ist das Choralvorspiel über „O Welt, ich muss dich lassen“ von Johannes Brahms, zu kurz, um hier viel zeigen zu können. Aber der Organist zeigte doch die klare Disposition dieses Werks, das Bach in ein prunkvolles romantisches Gewand kleidet.
Prunkvolle Romantik auch in der Orgelsonate: der 94. Psalm c-Moll von Julius Reubke (1834-1858). Becker zeigte, wie theologisch diese Musik ist, im kraftvollen Flehen um die Rache Gottes, im feurig aufbrausenden und wild tobenden Allegro, im wie andächtig betenden Adagio und dann in der gewaltigen Schlussfuge. Klar gegliedert waren alle Sätze. Und auf der Leinwand war wieder die so schön mitfiebernde Registrierhilfe und Umblätterin zu sehen: Ein großer Dank gilt diesen freundlichen Helferinnen.
Ein Liebestod
Etwas flott-neutral, dafür farbenfroh registriert spielte Alexis Grizard (F) das Glasperlenspiel, während des Spiels wurde er immer hingerissener vom Duktus dieses Stücks, das Rameau-Zitat kam überdeutlich, dazu kamen Klänge wie von einer Glasharmonika.
Etwas merkwürdig ist es doch, in der Kirche die todessehnsüchtig-wollüstige Musik von Isoldes Liebestod von Richard Wagner zu hören. Aber der Organist präsentierte diese Tristan-Harmonik mit ziehendem Sog und vielen Registerwechseln – wieder ein Lob für die Registratur-Helferin.
Großen Klang- und Farbenrausch mit viel Forte-Gebraus, wenn auch nicht so ekstatisch wie bei Messiaens, entwickelte Grizard in Debout sur le soleil. Chant de résurrection pour grand orgue von Jean-Luois Florentz. Gewiss kniete er sich sehr hinein in diese Musik, konnte aber dem gefühlten Ausufern wenig Struktur abgewinnen. Sehr lange hielt die Schlussspannung nach dem letzten Ton, bis er den Applaus erlaubte.
Das Publikum und der Rezensent hätten zumindest Alexander de Bie und Mélodie Michel ein Weiterkommen gewünscht – die Jury entschied sich wie zum Trotz ganz anders: Ins Finale kommen William Fielding (GB), Julian Emanuel Becker (D) und Alexis Grizard (F).
Rainer W. Janka (06.09.2026)

