CD • SACD • DVD-Audio • DVD Video
Empfehlungen 2026
Empfehlungen der zurückliegenden Jahre:
Dieter Ammann
glut • music for orchestra
Orchestre de la Suisse Romande • Jonathan Nott
Schweizer Fonogramm SF0020
1 CD • 55min • 2022, 2023
17.02.2026 • 10 10 10
Spätestens seit seinem epochalen Klavierkonzert Gran Toccata von 2019 (siehe unsere Besprechung http://www.klassik-heute.com/4daction/www_medien_einzeln?id=23416 ) gilt der Schweizer Dieter Ammann (Jg.1962) endlich auch jenseits seiner Heimat zu Recht als ein Meister faszinierender Orchesterwerke. Ammann kam relativ spät auf die klassische Schiene, studierte nach Jazz- und Funk-Erfahrungen Komposition und besuchte Meisterkurse bei Wolfgang Rihm oder Witold Lutoslawski. Dass er sich gerade für seine Orchester-Partituren sehr viel Zeit nimmt, zahlt sich offenkundig aus. Die Ergebnisse sind stets faszinierend, überzeugen mit einer einmaligen Farbigkeit und Schönheit, wofür nicht nur Techniken etwa der französischen Spektralisten verantwortlich sind.
Iveta Apkalna
Pärt & Vasks
Berlin Classics 0304475BC
1 CD • 65min • 2025
26.03.2026 • 10 10 10
Als die Organistin Iveta Apkalna ihre Karriere begann, ging zwar auch ein Raunen durch die Orgelszene und sie startete mit bemerkenswertem Erfolg durch, doch war das damals – noch ohne soziale Medien – weit entfernt vom geradezu entfesselten Star-Hype, den manch berühmte Organistin heutzutage auslöst. Erfolgreich ist Apkalnas Karriere trotzdem verlaufen. Die Lettin hat sich etabliert, sowohl als geschätzte und gefeierte Organistin wie auch als engagierte Botschafterin der Musik ihrer Heimat. Darunter sei ausdrücklich das gesamte Baltikum verstanden, denn die Musik von dort hat das gewisse Etwas, eine ganz spezifische Aura und verinnerlichte Mystik. Das trifft auch auf Iveta Apkalna zu – ihre Einspielung mit Werken von Pēteris Vasks und Arvo Pärt ist der schlagende Beweis dafür.
Bach
51°20'21.5'' N 12°22'21.3'' E
Organ Landscapes
Leipzig • Regensburg
Jörg Halubek
Berlin Classics 0303620BC
2 CD • 2h 15min • 2024, 2025
21.04.2026 • 10 10 10
Der Stuttgarter Orgelprofessor Jörg Halubek hat mit seiner Gesamtaufnahme des Orgelwerkes von Johann Sebastan Bach ein bedenkenswertes Schlaglicht auf dieses Werkkorpus geworfen. Seine Perspektive ist die geographische, die durch die Entstehung von regelrechten Orgellandschaften definiert ist. Es ist kein Geheimnis, dass sich die Entstehung von Orgeln und der darauf gespielten Musik sowie die Art der Interpretation gegenseitig bedingen. Das hat Halubek mit seiner Einspielung zu ergründen versucht, den unzweifelhaften Qualitäten selbiger nach zu urteilen auch sehr erfolgreich. Mit der finalen Folge hat er nun seine Perspektive zu einem interessante Abschluss gebracht, denn im Zentrum stehen Orgelwerke Bachs in Bearbeitungen, die Halubek an den dazu passenden Orgeln eingespielt hat.
Bach
The French Suites
Cédric Pescia
la dolce volta LDV 130.1
2 CD • 1h 38min • 2024
03.05.2026 • 10 10 10
Cédric Pescia ist ein neuer Name bei Klassik Heute, obwohl er bereits eine erhebliche Anzahl von CDs eingespielt hat, die sein mannigfaltiges Repertoire von Couperin bis Cage dokumentieren. Nachdem er bereits J. S. Bachs Kunst der Fuge, die Goldberg-Variationen und beide Teile des Wohltemperierten Claviers eingespielt hat, widmet der sich in seiner neuesten Aufnahme dessen Französischen Suiten. Hierbei ändert er die Anordnung in 3-6-1-4-2-5, weil es sich diese Form für ihn im Konzert bewährt hat und die originale Reihung mit dreimal Moll und dreimal Dur in der Tat zu wenig Kontrast bietet.
Luigi Boccherini
String Quintets Vol. 2
Karski Quartett & Raphaël Feye
Evil Penguin Classic EPRC 0082
1 CD • 76min • 2025
14.04.2026 • 10 10 10
Der in der toskanischen Stadt Lucca geborene Luigi Boccherini (1743 – 1805) gilt zusammen mit Joseph Haydn als Begründer des Streichquartetts und als Meister des Streichquintetts, wobei er hier die Besetzung mit zwei Celli bevorzugte. Aus dem Fundus von insgesamt 125 Quintetten hat das 2018 gegründete belgische Karski Quartett zusammen mit dem Cellisten Raphaël Feye bisher zwei Alben mit einer repräsentativen Auswahl eingespielt. Die neueste CD enthält vier Werke aus den Jahren 1789 bis 1795, wobei bemerkenswert ist, dass der seit 1768 in Spanien wirkende Komponist und Cellist vom preußischen König Friedrich Wilhelm II. zum Hofkomponisten ernannt wurde und regelmäßig seine Partituren nach Berlin schickte, ohne jemals dorthin zu reisen.
Bruckner 3
Version 1873 & Adagio 1876
Philharmonie Festiva • Gerd Schaller
hänssler PROFIL PH25003
2 CD • 81min • [P] 2026
07.05.2026 • 10 10 10
Der Dirigent Gerd Schaller hat sich zum Ziel gesetzt, mit der von ihm 2008 gegründeten Philharmonie Festiva sämtliche Fassungen der Bruckner’schen Symphonien aufzunehmen. Die dritte, dem „Meister aller Meister“ Richard Wagner gewidmete Symphonie ist vom Komponisten besonders häufig überarbeitet worden. Und so ist es sinnvoll, dass Gerd Schaller im Booklet zur neuen Einspielung der Dritten einen Überblick über die zwischen 1873 und 1889 entstandenen Fassungen gibt. Und es ist weiterhin erfreulich, dass quasi als „Zugabe“ auf der CD 2 das Adagio von 1876 erklingt, das im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien entdeckt worden war.
Frédéric Chopin
Piano Concertos 1 & 2
Christian Zacharias
MDG 102 2391-6
1 CD/SACD stereo/surround • 72min • 2003, 2004
10.05.2026 • 10 10 10
Die Reihe “MDG Preziosa“ stellt Aufnahmen vor, deren Datum manchmal weit zurückliegt, die es aber wert sind, auf das Medium CD übertragen zu werden. Im Booklet zur Einspielung der beiden Chopin-Konzerte mit Christian Zacharias als Solist und Dirigent schildert Produzent Werner Dabringhaus humorvoll, wie mühevoll es damals war, den Konzertsaal in Lausanne überhaupt zu finden und dann die Aufnahmeapparatur nach einem „Lochfraß“, das heißt nach einer Operation an der Wand, zu installieren. Zudem musste der „Spielplatz“, also die Einrichtung des Bühnenraums, erst geschaffen werden, um endlich tätig zu werden. Umso erfreulicher ist es, dass die Übertragung auf den heutigen Tonträger einwandfrei gelungen ist.
Ciocârlia
Dana Ciocarlie piano
la dolce volta LDV 124
1 CD • 70min • 2023
10.04.2026 • 10 10 10
Der Rezensent muss eingestehen, die aus Rumänien stammende, aber seit langem in Frankreich tätige Pianistin Dana Ciocarlie (Jahrgang 1968) bislang übersehen zu haben, obwohl sie bereits vor einigen Jahren eine Gesamtaufnahme der Schumann-Klavierwerke vorgelegt hat, die durchwegs sehr positive Resonanz erhielt. Auf demselben Label (la dolce volta) erschien nun eine CD mit gemischten Programm: Musik, die vorwiegend auf rumänischer Volksmusik basiert. Ausgangspunkt bildet ein Spiel mit dem Namen der Künstlerin: Ciocârlie bedeutet im Rumänischen „Lerche“, und als solche porträtiert sie laut liebevollem Booklet-Interview mit ihrer Cousine quasi im Überflug verschiedene Landschaften der alten Heimat.
Cómo se pasa la vida
Meditación Filosófica en la Canción Renacentista
Aquel Trovar
Aqvel Trovar AT 170204
1 CD • 71min • 2025
21.01.2026 • 10 10 10
Ein Geräusch wie das Spannen einer Uhrfeder. Tatsächlich beginnt sogleich eine Glocke zu schlagen und eine Frauenstimme über einem unberührt-geschäftigen Bassostinato mechanisch und auf englisch die Stunden zu zählen: Das elisabethanische Stück The diall (sic), Das Zifferblatt, in einem Folianten aus der Library of Oxford Cathedral überliefert, ist eine geradezu sensationelle Entdeckung; ungerechterweise blieb sein Autor anonym, man muss ihn aber postum als überaus originellen Kopf würdigen. Nicht nur ist allein dieses Werk das Hören dieses Albums „Cómo se pasa la vida“ des spanischen Ensembles Aquel Trovar wert, es fungiert auch als eine sinnfällig Einstimmung in sein philosophisch wie musikalisch meditatives Programm mit Werken aus der europäischen Renaissance bis hin zur Schwelle zum Frühbarock.
Counterlight
Chorale Visions of Light and Darkness
Angela Metzger
Rondeau ROP6285
1 CD • 65min • 2024
24.01.2026 • 10 10 10
Dunkelheit und Licht gehören untrennbar zusammen. „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten“, lässt etwa Goethe seinen Götz von Berlichingen sagen, der zumeist jedoch für ein anderes, deutlich weniger tiefschürfendes Zitat bemüht wird. Damit hatte Goethe, der auch eine ohne Licht wenig sinnstiftende Farbenlehre entworfen hat, zweifellos recht. Auf die Einspielung von Angela Metzger ließe sich das Zitat jedoch nicht anwenden, denn die in beziehungsreicher Weise „Counterlight“ betitelte Scheibe glänzt vor allem durch eines: Licht, Schatten gibt es hier eigentlich nicht. Allenfalls könnte man die nun wirklich extrem üppige Akustik in der Trierer Konstantinbasilika darunter fassen, wo die CD entstanden ist, denn die ist für jede Aufnahme eine echte Herausforderung. Die schiere Größe des Raumes und der daraus resultierende Hall sind einfach enorm. Das wurde in dieser Aufnahme jedoch gut eingefangen, denn der Raum und dessen Akustik gehören zu jeder Orgel einfach dazu.
Claude Debussy
Complete Works for Piano Duo • III
Genova & Dimitrov Piano Duo
OehmsClassics OC1742
1 CD • 71min • 2024
27.01.2026 • 10 10 10
Mit der dritten Folge der Werke Claude Debussys für zwei Pianisten endet wohl vorerst das Projekt, denn hiermit wurden alle Originalkompositionen und sämtliche vom Komponisten selbst erstellten Transkriptionen eigener Werke vom Genova & Dimitrov Piano Duo eingespielt. Es gäbe für die Besetzung allerdings noch ein paar Arrangements Debussys von Musik anderer Komponisten. Die ersten beiden Folgen erwiesen sich als äußerst gelungen, und dementsprechend waren die Erwartungen des Rezensenten an die neue CD hoch.
ENCORE!
Dora Deliyska
hänssler CLASSIC HC25062
1 CD • 53min • 2025
20.02.2026 • 10 10 10
„Encore!“ – so lautet der Titel der neuen CD der bulgarischen Pianistin Dora Deliyska. Ein ganzes Album mit Werken zu füllen, die gerne als Zugaben gespielt werden, ist keine neue Idee – und doch dürfte es schwer sein, eine Aufnahme zu finden, die ähnlich gut durchdacht und konzipiert ist wie diese. Deliyska hat sich mittlerweile einen Namen gemacht mit ihren außergewöhnlichen Konzeptprogrammen – und „Encore!“, die bei Hänssler Classic erschienen ist, gehört eindeutig dazu. Denn diese enthält nicht etwa ausschließlich die Virtuosen- und Bravourstücke, mit denen man sich nach einem gelungenen Hauptwerk eindrucksvoll vom Publikum verabschiedet. Stattdessen teilt sie die Aufnahme in drei Abschnitte ein: Im ersten Block erklingen ausschließlich Werke von Franz Schubert, dessen Musik Deliyska besonders gerne als Zugaben spielt.
Frühlingsrauschen - Spring - Printemps
Nareh Arghamanyan piano
hänssler CLASSIC HC25034
1 CD • 67min • 2025
04.01.2026 • 10 10 10
Die 1989 in Armenien geborene Pianistin Nareh Arghamanyan hat zum Thema „Frühling“ eine Reihe von Klavierstücken auf dieser CD versammelt, Bekanntes wie Unbekanntes, Gehaltvolles wie eher Beiläufiges. Insgesamt ist es eine inspirierende Zusammenstellung, die den Hörer mit fast unbekannten Komponisten bekannt macht und ihn weiter forschen lässt. Wer kennt schon Paul Lindner oder Frédéric Meinders, einen recht produktiven holländischen Pianisten und Komponisten, Mel Bonis (eine französische Komponistin aus dem 19. Jahrhundert) und wer hat schon auf dem Schirm, dass der Geiger Josef Suk auch Klaviermusik komponiert hat?
Hans Gál
String Quintet op. 106 • String Quartet No. 4 op. 99 • Five Intermezzi op. 10
cpo 555 721-2
1 CD • 81min • 2021
02.03.2026 • 10 10 10
Ich erinnere mich gut, wie ich auf einer CD mit Brahms’ Ungarischen Tänzen in Fassungen für Orchester erstmals den Namen Hans Gál (1890–1987) las – zu Zeiten, als Gáls eigene Musik ein ausgesprochenes diskographisches Schattendasein fristete; präsenter war Gál damals eher noch als Musikwissenschaftler und Herausgeber. Selbst in den späten 2000er Jahren waren es erst einmal alte Rundfunkaufnahmen, die mich mit Gáls Sinfonien bekannt machten. Vor diesem Hintergrund ist die Fülle an CD-Einspielungen mit Musik Gáls, zu der es im Laufe der letzten 25 Jahren gekommen ist, ein Beispiel für eine sehr erfreuliche Entwicklung zu Gunsten eines lange Zeit vernachlässigten Komponisten, der sehr viel Schönes und Hörenswertes geschaffen hat.
Jan van Gilse
Sulamith • Der Kreis des Lebens
cpo 555 648-2
1 CD • 74min • 2018, 2023
19.01.2026 • 10 10 10
Schon seit längerer Zeit macht sich cpo um das Schaffen Jan van Gilses verdient. Den fünf bereits erschienenen CDs, die mit den vier vollendeten Symphonien, dem Klavierkonzert und der Liebesmesse des niederländischen Komponisten bekannt machten, schließt sich nun die Aufnahme zweier sehr unterschiedlicher Kantaten an. Beide sind auf deutsche Texte komponiert, was nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass van Gilse, der 1944 als Widerstandskämpfer gegen die deutschen Besatzer im Untergrund starb, einen großen Teil seines Lebens in Deutschland verbracht und dort auch die meisten seiner Werke komponiert hatte.
Adriana González
Rondos for Adriana
Ensemble Diderot
Audax Records ADX11215
1 CD • 74min • 2024
17.01.2026 • 10 10 10
Die guatemaltekische Sopranistin Adriana González, die bisher eine Gesamtaufnahme der Lieder von Isaac Albeniz und zwei Alben mit französischem Liedrepertoire vorlegte, nahm ihr Debut als Fiordiligi an der Hamburgischen Staatsoper zum Anlass, sich einmal näher mit dem Repertoire der allerersten Fiordiligi und Vornamenscousine, Adriana Ferrarese del Bene zu beschäftigen. Dabei kam eine höchstklassige CD heraus, die interessante Einblicke in die Opernkomposition der Mozart-Zeit vermittelt und einige hochvirtuose Leckerbissen von Kollegen des Salzburgers und sehr geschmackvoll verzierte Highlights aus Così und Figaro zur Diskussion anbietet. Joseph Pramsohler stellte sein renommiertes Ensemble Diderot zur Verfügung und fungierte als Konzertmeister für den baskischen Dirigenten Iñaki Encina Oyón.
Joseph Haydn
String quartets Vol. 21 op. 55 no. 1 • 2 • 3
Leipziger Streichquartett
MDG 307 2385-2
1 CD/SACD stereo/surround • 72min • 2025
26.04.2026 • 10 10 10
Beginnend mit dem 200. Todestag von Joseph Haydn (1732 – 1809) spielt das Leipziger Streichquartett sämtliche Quartette des Komponisten ein. Auch wenn die Zählung nicht eindeutig ist, handelt es sich um rund siebzig Werke, die in unregelmäßiger Folge aufgenommen wurden und jetzt mit den drei Quartetten des Opus 55 komplettiert werden. Zusammen mit den drei Quartetten des Opus 54 , die 2024 eingespielt wurden, bilden die aktuellen Aufnahmen eine jener Sechsergruppen, wie sie in der Zeit der Klassik üblich waren.
Robert Kahn
Complete Piano Quartets • Serenade for String Trio
Zilliacus Trio • Oliver Triendl
cpo 555 150-2
2 CD • 1h 33min • 2017, 2023
16.02.2026 • 10 10 10
Was ist künstlerische Eigenständigkeit? Ist der Künstler eigenständig, wenn seine Werke an möglichst wenige andere Künstler erinnern? Ist er es, wenn er sich offensichtlich an ein bestimmtes Vorbild anlehnt, weil dies seiner Neigung nun einmal entspricht, und er seine ganze schöpferische Kraft in den Dienst der Ideale stellt, die er anhand seiner Beschäftigung mit dem Vorbild gewonnen hat? Robert Kahn war definitiv kein Künstler, der auf Biegen und Brechen anderen unähnlich sein wollte. Im Gegenteil: Seine Werke verraten eine immense Zuneigung zu Brahms. In diesem Fall hat der ältere Meister die Sympathie auch erwidert, sodass Kahn zu den nicht zahlreichen Komponisten der jüngeren Generation gehörte, die von Brahms gefördert wurden.
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Sigfrid Karg-Elert
Romantische Tonstücke für das Saugwind-Harmonium
Jan Henning, Harmonium
Ambiente-Audio ACD-3074
1 CD • 75min • 2025
05.05.2026 • 10 10 10
Auf Jan Hennig ist Verlass: unermüdlich fördert er Schätze der Harmoniumliteratur zu Tage, so auch dieses Mal. Der Musik von Sigfrid Karg-Elert hat sich Hennig zwar schon einige Male gewidmet, jetzt geschieht dies unter einem ganz besonderen Aspekt: es geht um Musik für Saugwindharmonium, ein vielfach geschmähtes Instrument, das auch von Karg-Elert als „Saugigel“ verballhornt wurde und angesichts seiner beschränkten Möglichkeiten gegenüber dem mit Druckwind arbeitenden Kunstharmonium entscheidend für den schlechten Ruf dieses Instrumentes verantwortlich war. Doch so beschränkt scheinen die Möglichkeiten gar nicht zu sein, denn konstruktiv hat die Saugwindlobby nach und nach einiges ermöglicht, was Jan Hennig auf dieser CD auch rundum überzeugend vorführt...
Carl Loewe
Palestrina
Oratorium
Rondeau ROP6284
1 CD • 70min • 2025
06.01.2026 • 10 10 10
Natürlich weiß man, dass Carl Loewe als „pommerscher Balladenkönig“ nicht nur Balladen komponiert hat, auch wenn es über 400 an der Zahl sind – Loewe war in erster Linie Kirchenmusiker: Geboren als Sohn eines Kantors und Organisten, hat er Theologie studiert und sich gleichzeitig als Kirchenmusiker ausbilden lassen und wurde Kantor und Organist an der Jakobikirche in Stettin – und blieb dies stolze 46 Jahre. Sein Herz ruht in einer vergoldeten Kapsel in der Höhlung einer großen Orgelpfeife „seiner“ Orgel. Neben seinen Balladen hat er immerhin sechs Opern, zwei Sinfonien, zwei Klavierkonzerte sowie Kammermusik geschaffen, aber auch siebzehn (oder achtzehn, da sind die Biografen sich nicht einig) Oratorien, darunter auch Palestrina. Wissen ist eines, aber hörbares Erfahren ein anderes. So ist es eine meisterliche Tat, dass der Dirigent Tristan Meister diesen Palestrina der Vergessenheit entrissen hat. Aus einem Konzert in der Christuskirche Mannheim, das gewiss eine Erstaufführung, vielleicht sogar eine Uraufführung war, entstand diese höchst beachtliche Aufnahme.
Lux Intus
Barbican Quartet
Berlin Classics 0304444BC
1 CD • 68min • 2025
18.03.2026 • 10 10 10
Wenn man eine CD der Gewinner des ersten Preises im ARD-Musikwettbewerb zur Besprechung erhält, entsinnt man sich automatisch, dass man selbst wie auch das Publikum mit dieser Wertung nicht unbedingt einverstanden war und einen anderes Finalisten-Quartett bevorzugt hätte. Mit dieser Einspielung beweist das Barbican Quartet jedoch, dass die Jury richtig lag und der Rezensent nur fast. Die Vier geben in dieser Aufnahme eine brillante und originelle Visitenkarte ab, indem sie Mozarts Quartett in D-Dur KV 575 mit angelsächsischen Raritäten inklusive einer Ersteinspielung kombinieren.
Gustav Mahler
Symphony No. 2 "Resurrection"
Sinfonieorchester Basel • Markus Poschner
Prospero Classical PROSP0139
2 CD • 2h 23min • 2025
02.05.2026 • 10 10 10
Der Dirigent Markus Poschner, geboren 1971 in München, seit 2025 Chefdirigent des Sinfonieorchesters Basel, hat als Auftakt für seinen Basler Mahler-Zyklus Mahlers Auferstehungssinfonie gewählt, ein Werk, das in seiner zeitlichen und gehaltlichen Größe einen wahren Kosmos menschlichen Denkens und Fühlens spiegelt. Dies zeigt sich nach außen hin in der Länge von über 80 Minuten, in der Anzahl von fünf Sätzen, in der Weitung des Finales zur Kantate. Man denkt dabei an Beethovens Neunte, und doch ist der Rahmen viel weiter gespannt.
Marco Marazzoli
Cantatas of Peace and Pleasure
Boston Early Music Festival
cpo 555 731-2
2 CD • 1h 29min • 2024
08.01.2026 • 10 10 10
Bislang ungehobene Schätze direkt aus den vatikanischen Archiven sind hier zu begrüßen. Fünf von insgesamt sieben Kantaten für sechs Solostimmen aus der Feder des Marco Marazzoli (um 1602 – 1662) stellt das Boston Early Music Festival Ensemble auf diesem Doppelalbum vor. In seinem wie immer bei cpo höchst informierten Begleittext gibt Paul O'Dette, einer der beiden Leiter des Ensembles und selbst an der Theorbe aktiv, einen Eindruck davon, wie mühsam es ist, modernes Aufführungsmaterial aus uralten Autographen herzustellen, die „beinahe unleserlich“ sind sowie vor „durchgestrichenen Passagen, umgeschriebenen Stimmen, falschen Noten, unlesbaren Takten, nicht zu entziffernden Texten“ und so fort geradezu strotzen.
Felix Mendelssohn Barholdy
Violin Concertos in D & E Minor
Elvin Hoxha Ganiyev • Württembergische Philharmonie Reutlingen • Howard Griffiths
Solo Musica SM546
1 CD • 51min • 2025
04.03.2026 • 10 10 10
Es ist aufschlussreich, die beiden Violinkonzerte Mendelssohns aus einer Hand zu hören: das d-Moll-Konzerte eines dreizehnjährigen Wunderkinds und das e-Moll-Konzert eines reifen Meisters. Das frühe Werk steht noch unter dem Einfluss früherer Komponisten, wobei vor allem Bach, Mozart und Beethoven zu nennen wären; das späte Werk ist ganz eigentümlich für Mendelssohn, es verbindet Gesanglichkeit mit kunstvoller und doch unaufdringlicher thematischer Arbeit, wendet klassische Züge fantasievoll ins Romantische.
Mozartiana
Clarissa Bevilacqua
Berlin Classics 0304344BC
1 CD • 77min • 2025
24.03.2026 • 10 10 10
Das muss man sich erst einmal trauen: Als Geigerin eine Debüt-CD vorlegen, die den Titel „Mozartiana“ trägt – aber kein einziges Stück von Wolfgang Amadeus Mozart in der Trackliste hat. Dafür „nur“ eine Sonate seines Sohnes Franz Xaver Mozart. Clarissa Bevilaqua, die 24-jährige Geigerin, die aus Italien stammt, in den USA aufgewachsen ist und dann in Salzburg studiert hat, liefert im Booklet die Erklärung: Sie hat, bevor sie in Salzburg studiert hatte, mit Mozarts Musik gefremdelt, irgendwann habe aber auch sie der Salzburger Mozart-Hype gepackt, so dass sie schließlich sogar 2020 den 14. Internationalen Mozart-Wettbewerb gewonnen hat. Ihr Motto für diese CD ist: „Ich möchte zeigen, dass man nicht Mozart oder Musik aus seiner Zeit spielen muss, um ihn als großartigen Komponisten zu ehren,“ wird sie im sehr persönlich gehaltenen Booklet zitiert. So hat sie, die sogar selbst ein Festival für junge Musiker in Salzburg gegründet hat, das DYNAMIKfest, mehrere Komponisten angeschrieben: Sie sollten für sie Musik schreiben, die von Mozart inspiriert ist.
Pantheon
Corelli's Orbit
Concerto Köln • Evgeny Sviridov
Berlin Classics 0304477BC
1 CD • 61min • 2025
03.04.2026 • 10 10 10
Pantheon“ – was für ein treffender Titel für eine CD, die das italienische Umfeld Arcangelo Corellis (1653-1713) beleuchtet. Schließlich fand er auf Anordnung von Kardinal Pietro Ottoboni, des Chefs der „Accademia dell‘ Arcadia“, zu deren Mitglieder so prominente Künstler wie Alessandro Scarlatti und später Pietro Metastasio zählten, seine letzte Ruhe in dem allen Göttern geweihten Bau Marc Aurels. Arcangelo Corelli gilt als Erfinder der hochbarocken Form der Triosonate, die er zum Concerto Grosso, das der solistischen Trio-Besetzung ein im Kern ebenso dreistimmiges orchestrales Ripieno gegenüberstellt, repräsentativ erweiterte. Dieses Umfeld bestand zunächst aus Schülern, jedoch erfasste die „Corellimania“ ab 1700 ganz Europa.
Ravel Reflections
Balakirev Liszt Godowsky
Anton Gerzenberg
Prospero Classical PROSP0130
1 CD • 70min • 2025
01.01.2026 • 10 10 10
Der junge Pianist Anton Gerzenberg stellt Maurice Ravel ins Zentrum seiner „Reflections“. Er meistert nicht nur die hohen technischen Probleme tadellos, sondern spürt auch die wechselnden Stimmungen der frühen „Jeux d’eau“, des dreiteiligen „Gaspard de la nuit“ und der geheimnisvollen „Valses nobles et sentimentales“ mit sublimem Anschlag auf. Weitere Highlights sind Liszts „Les Jeus à la Villa d’Este“, Balakirevs „Islamey“ und – gleichsam als augenzwinkernde Zugabe – Godowskys „Fledermaus-Metamorphosen“.
Rhapsodies
Works for bassoon solo
Céleste-Marie Roy, Bassoon
MDG 903 2379-6
1 CD/SACD stereo/surround • 67min • 2025
06.02.2026 • 10 10 10
Das hört man nicht alle Tage! Eine komplette CD bestreitet Céleste-Marie Roy ganz allein mit ihrem Fagott. Die amerikanische Virtuosin und Solo-Fagottistin des Orchestre de la Suisse Romande räumt auf mit dem Vorurteil, das Tiefste Instrument unter den Holzbläsern würde sich nicht zum Solisten eignen. Schon vor zwei Jahren präsentierte Céleste-Marie Roy, ebenfalls im Alleingang, Kompositionen des 18. Jahrhunderts auf dem Album „Fantasies“. Jetzt folgt Musik des 20. und 21. Jahrhunderts; der Titel „Rhapsodies“ deutet an, dass sie hier Werke in kurzen, freien Formen vereint. Alle Stücke sind Originalkompositionen für Fagott solo. Céleste-Marie Roy zeigt alle spieltechnischen Möglichkeiten und Ausdrucksfacetten ihres Instruments – dabei steht jedoch stets die natürliche Klangschönheit des tiefen Holzblasinstruments im Vordergrund.
SLIXS
Close Your Eyes
Hey!Classics HCL-024547
1 CD • 50min • 2025
20.03.2026 • 10 10 10
Im April 2018 wurde am Schauspielhaus Bochum „It’s time to close your eyes“ aufgeführt, ein Stück von Olaf Kröck über Schlafen und Sterben, Traum und Tod mit Spiel, Tanz und Musik. Die Musik stammte von SLIX, einem sechsköpfigen Gesangsensemble aus Essen, Dresden, Leipzig und Halle mit einer Frauen- und fünf Männerstimmen. Um diese Musik „nachklingen zu lassen und mit der Welt zu teilen“, haben die Sechs ihre eigens für das Theaterstück komponierten und arrangierten Stücke zusammen mit weiteren Gedichtvertonungen auf dieser CD vereint. Es sind – laut Booklet – „tiefgründige Lieder als Liebeserklärung an die Vergänglichkeit des Seins und als Trost an der Schwelle zwischen Traum und Wirklichkeit“.
The Sound of Adventure
Iconic Film Music Masterpieces
City Light Symhony Orchestra
Prospero Classical PROSP0039
2 CD • 1h 52min • 2021
31.01.2026 • 10 10 10
Filmmusik ist Klangkulisse. Das bedeutet, dass sie genau auf das szenische Geschehen zugeschnitten sein muss. Filmmusik kann aber auch für sich stehen, wenn sie sich zu akustischen Highlights steigert. Das schweizerische City Light Symphony Orchestra, das 2018 in Luzern debütierte, hat sich besonderen Höhepunkten der Filmmusik verschrieben und markante Melodien aus der Welt des Abenteuerkinos eingespielt. Die Klangpalette reicht vom „Golden Age“ der Dreißiger Jahre bis zu den modernen Star-Wars-Tönen eines John Williams.
Georg Philipp Telemann
Frankfurter Festmusiker 1716
Kölner Akademie • Michael Alexander Willens
cpo 555 584-2
2 CD • 2h 23min • 2023
09.03.2026 • 10 10 10
Als 1716 dem römisch-deutschen Kaiser Karl VI. und seiner Gemahlin Elisabeth Christine nach achtjähriger Ehe der ersehnte Thronfolger geboren wurde, war die Freude im habsburgischen Kaiserhaus groß. Auch in Frankfurt, der Stadt, in der seit langem die Wahlen und die Krönungen der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation stattfanden, machte man sich bereit, in den Jubel der kaiserlichen Familie einzustimmen. Festlichkeiten sollten die erfreuliche Nachricht der Geburt des Habsburger Prinzen Leopold Johann begleiten: Sie brachten freilich dem kleinen Erzherzog kein Glück – er lebte nur eine kurze Zeit und starb im Alter von knapp sieben Monaten.
Georg Philipp Telemann
Sieg der Schönheit
Akademie für Alte Musik Berlin • Michael Hofstetter
cpo 555 693-2
2 CD • 2h 36min • 2024
16.04.2026 • 10 9 10
Georg Philipp Telemann trat 1721 die Stelle des Director Musices der Stadt Hamburg und Kantor am Johanneum an. Damit war der Workaholic jedoch nicht ausgelastet, sodass er ein Jahr später auch die Leitung der „Oper am Gänsemarkt“ übernahm. Als Debütwerk in dieser neuen Rolle, die er bis 1738 bekleiden sollte, wählte er Triumph der Schönheit auf ein Libretto von Christian Heinrich Postel (1658-1705), in dem die Eroberung Roms des Jahres 455 durch die Vandalen den Hintergrund für komplexe Liebesverwirrungen abgibt. Dass dieses äußerst abwechslungsreiche und farbige Werk erst jetzt eingespielt wurde, – und dies exzellent – liegt an seiner komplexen Überlieferungsgeschichte.
Agnes Tyrell
Ein Hauch vom Paradies
Choral Music & Piano Works
cpo 555 652-2
1 CD • 67min • 2023
12.03.2026 • 10 10 10
Die Pianistin Kyra Steckeweh hat sich in den letzten Jahren als Entdeckerin zu Unrecht vergessener Komponistinnen einen Namen gemacht. In einer von Männern geprägten Musikgeschichte hat sie damit einen wichtigen Gegenpol gesetzt und zudem noch jede Menge wirklich schöner Musik entdeckt. Steckewehs pianistisch wie editorisch höchst kompetente Einspielungen von Komponistinnen wie Dora Pejačević, Ethel Smyth oder Emilie Mayer zeugen davon. Neueste Entdeckung ist die Komponistin Agnes Tyrrell, deren Vita einmal mehr der von vielen Frauen des 19. Jahrhunderts gleicht: aus gutem Hause, musikalisch begabt, früh gestorben und dann vergessen.
Joseph Umstatt
Three Harpsichord Concertos • Two Flute Concertos
Ensemble Klingekunst
cpo 555 649-2
1 CD • 64min • 2023
02.02.2026 • 10 10 10
Sollten Sie den Namen Josesph Umstatt, eines Generationsgenossen der beiden älteren Bach-Söhne Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel, noch nie gehört haben, ist dies beileibe keine Bildungslücke. Desto verdienstvoller ist jedoch die Forschungsarbeit des Ensemble Klingekunst, die fünf seiner virtuosen Konzerte der Versenkung in den Bibliotheken von Berlin und Karlsruhe entrissen hat und so den Freund des galanten Stils zwischen Barock und Klassik mit diesen hinreißend gespielten Funden beglückt.
Leopold van der Pals
String Quartets Vol. 2
Ulla Miilmann • Van Der Pals Quartet
cpo 555 743-2
1 CD • 68min • 2024
16.03.2026 • 10 10 10
Der 1884 in St. Petersburg als Sohn eines Holländers und einer Dänin in eine wohlhabende Familie geborene Leopold van der Pals konnte Zeit seines Lebens ohne existenzielle Not komponieren und hinterließ bei seinem Tod 1966 in Dornach bei Basel ein umfangreiches Œuvre in vielen Gattungen, darunter sieben bis heute unaufgeführt gebliebene Opern (dem Typus des Mysterienspiels zuneigend), 3 Symphonien und viele weitere Orchesterwerke, Lieder, Klaviermusik, und viel Kammermusik, darunter sieben Streichquartette.
Antonio Vivaldi
Concerti per fagotto
Miho Fukui • Ensemble F
Ars Produktion ARS38 379
1 CD/SACD stereo/surround • 69min • 2025
28.04.2026 • 10 10 10
Im Barock waren Multi-Instrumentalisten eher die Regel, denn die Ausnahme. So wurden Blockflöte, Oboe und Traverso häufig demselben Spieler in einer kombinierten Stimme zugewiesen. Dass jedoch heutzutage eine Solistin wie die Japanerin Miho Fukui sowohl das Barockfagott als auch die Barockoboe hochvirtuos und hochmusikalisch beherrscht, muss als alleinstellendes Ausnahmemerkmal gewertet werden. Selbst wenn man – wie ich – kein Verehrer Vivaldis ist, lauscht man ihren Aufnahmen mit wachsender Begeisterung.
You Made Me Laugh
Recorder Concertos by G.P. Telemann
Clara Guldberg Ravn
arcantus arc 25027
1 CD • 78min • 2023
30.04.2026 • 10 10 10
Nach ihren sehr gelungenen Einspielungen der Sonaten von Martinus Raehs und einer CD mit vorwiegend italienischen Blockflötenkonzerten widmet sich Clara Guldberg Ravn in ihrer neuesten Aufnahme den Werken für Blockflöte und Streicher von Georg Philipp Telemann. Dabei gelingt ihr die Referenzaufnahme der wohl von jedem Blockflötisten geliebten Ouvertüre in a-Moll TWV 55 A2. Sie macht dadurch vielleicht nicht hellauf lachen, aber ohne ein seliges Lächeln kann man ihr nicht lauschen.
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