Verleihung der Ehrendoktorwürde an Alfred Brendel
Alfred Brendel wurde am 24. Juni 2009 der Ehrendoktor der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar verliehen. Klassik-Heute-Autor Peter Cossé hielt die nachstehende Laudatio.
Lieber verehrter Meister Alfred Brendel, lieber Professor und Rektor Rolf-Dieter Arens, geschätzte Freunde und Gäste aus den Reihen der Franz Liszt-Hochschule, verehrtes Publikum, wie immer es sich auch in diesem alten, aber in den letzten Jahren spürbar erneuerten Kulturraum zusammensetzt.
Wenn ich hier die Gelegenheit bekommen habe, über den Pianisten und Schriftsteller Alfred Brendel zu sprechen, genauer: ein wenig schweifend nachzudenken, seine Persönlichkeit, sein Wirken, sein Wollen, sein Wünschen, vor allem aber seine Leistungen in Erinnerung zu rufen, dann fällt es wohltuend schwer, einen Einstieg zu finden. 
Dr. h.c. Alfred Brendel
Foto: Maik SchuckZu viel ist in seinem Namen, unter seinen Händen geschehen, zu viele Impulse hat dieser im schönsten, im Schubertschen Liedsinn „Rastlose“ für das tatsächlich gelebte Musikleben getan. Mit anderen Worten: Für mich, den jugendlichen Musikbegeisterten mit ausgeprägtem Hang zum Klavier und seinem überreichen Repertoire avancierte Alfred Brendel schon in den 60er Jahren zu einer Art Wegbegleiter im Suchen und Finden nach künstlerischen, nach ästhetischen Wahrheiten – etwas bescheidener ausgedrückt: nach jenen Wahrhaftigkeiten, die den Wandlungen des Wissens, dem Zeitgeschmack, aber auch den kulturellen und mentalen Verschiedenheiten der Interpreten unterworfen sind.
In dieser Phase trat der hier und heute geehrte Doktorand in Erscheinung, präziser: er löste sich mit seinen Konzerten und seinen Schallplatteneinspielungen aus dem akustischen Ungefähr des damals bereits kräftig florierenden Musikmarktes. Brendel stieß, wenn ich mich an die musikkritischen Auseinandersetzungen der 60er Jahre erinnere, auf Skepsis, aber auch auf begeisterte Zustimmung. Am flammenden, mimisch zuckend-verzückten, Windmühlen-ähnlichen Benehmen auf dem Podium war Leidenschaft im Moment des Unwiederholbaren und oft auch des Unvergesslichen abzulesen. Im Zuge feuilletonistischer Aufbereitung war auch von umfangreichen Aufnahmeprojekten die Rede – und dies im wachsenden Einflussbereich eines Künstlers, der unangefochten von äußerlichen Gefälligkeitskriterien seinen Weg geht, sozusagen eine Spur legt, der zu folgen es sich lohnte, es sich heute lohnt und unter veränderten Bedingungen auch weiter lohnen wird.
Heute, wenn wir hier in Weimar den ein Leben lang deutenden und dadurch so bedeutenden Mozart-, Beethoven-, Schubert-, Schumann- und Haydn-Interpreten – keine Sorge: ich komme auf Brendel und Haydn noch zurück – wenn wir also diesen Universalpianisten mit klar gewählten Schwerpunkten begrüßen, dann könnte in Vergessenheit geraten, mit welch wilden, exzentrischen, tänzerisch-populären Stücken er in seiner Jugend, in seiner reifen Jugend auch, die diskographische Szene bereichert hat. Mit Mily Balakirews Orientalischer Fantasie Islamey, mit Strawinskys Petruschka-Suite, mit den 16 Slawischen Tänzen von Dvorák – Seite an Seite mit dem österreichischen Pianisten Walter Klien. Klien wirkte in dieser Phase – um es geschäftsmäßig auszudrücken – als Markenkollege von Brendel. Während der eine für die Plattenfirma Vox eine Gesamtaufnahme der Klavierwerke von Brahms erarbeitete, konzentrierte sich Brendel auf ein monumentales Projekt, nämlich die Gesamtdarstellung (fast) aller damals bekannten Klavierwerke Ludwig van Beethovens – das hieß: die fünf Klavierkonzerte, die Chor-Fantasie, das bis heute selten beachtete B-Dur-Rondo für Klavier und Orchester, die 32 Klaviersonaten, das reiche Konvolut der Variationswerke und natürlich auch das bunte Repertoire der Einzelstücke – also die Bagatellen, Rondi, die verwegen konzipierte Fantasie op.77, die Polonaise op. 89, die zur Zeit wieder detektivisch diskutierte Elise und manches aus dem Paket früher Miniaturen, denen der Komponist die Ehre der Opus-Zahlen verweigert hat.
Die Palette der Brendelschen Initiativen ist damit bei Weitem nicht erschöpft. Hinzu kommen in den ersten Phasen der beruflichen Gefragtheit Uraufführungen österreichischer Autoren, die heute keine Rolle mehr spielen – das heißt, in seinen frühen Lern- und Wanderjahren war ihm die aktuelle Musik durchaus ein Thema, wenn auch – wie ich zu vermuten wage – nicht unbedingt ein heiß geliebtes.
Beethovens Schaffen also in großen, dabei schon ungemein detailliert überlieferten Zügen, gelenkig, wendig ins Hörbild gerückt, an der Schwelle zur Tiefsinnigkeit, wenn ich es einmal etwas frech taxieren darf – das war das eine Projekt eines Pianisten, der – frei von allen Zwängen einer geordneten Lehrerlaufbahn – zu einem spielend Unterrichtenden heranwuchs, sich sozusagen lehrend bemerkbar machte, seine Hände im wahrsten Sinne des Wortes zum literarischen Fingerzeig benutzte. 
Laudator Peter Cossé
Foto: Maik SchuckDas zweite Projekt diente nicht zuletzt einer längst fälligen Rehabilitation. Alfred Brendel wagte es – in den orchestralen Kapiteln mit dem Dirigenten Michael Gielen –, sich zu Franz Liszt zu bekennen – dies in einer Phase der von intellektueller Seite her geradezu geschlossen wirkenden Liszt-Verdammung. Vorwiegend im deutschsprachigen Kulturraum – das muss man gerechterweise und mit dem Nachwörtchen „leider“ hinzufügen. Ungarische Rhapsodien, Liedbearbeitungen, Opernparaphrasen schienen auf einer Welle der klinischen Originalitäätseuphorie verdächtig und hatten im Allgemeinen zur Folge, dass mutige, unangepasste Liszt-Interpreten gestraft wurden. Brendel nun beachtete für das französisches Label Musidisc (womöglich eine Partner-Firma von Vox) u.a. die späte Bagatelle sans tonalité, in erster Linie aber spielte er mit großem Sendungsbewusstsein für Vox die beiden Klavierkonzerte ein, den Totentanz, die Lisztsche Bearbeitung der Schubertschen Wanderer-Fantasie, die auch heute noch selten aufgeführte Malédiction für Klavier und Streicher, natürlich die h-Moll-Sonate, die Dante-Sonate und eine Reihe von echten Raritäten wie Liszts Arrangement der Weberschen Oberon-Ouvertüre.
Dies aus der statistischen Sphäre sei wenigstens – auf kleine Portionen beschränkt – erwähnt, in der Hauptsache jedoch zur feierlichen Besinnung auf die Entfaltung von Alfred Brendels einzigartigen Talents, sich mit Musik über die gewählten, die durchdachten und dann im Moment des Konzertierens gleichsam entzündeten Partituren hinaus als Vermittler des eigens Erfühlten einem Publikum zu präsentieren, das von Jahr zu Jahr, von Saison zu Saison eine engere Beziehung zu diesem Eindringling zu entwickeln schien – zu einem Eindringling in eine Welt des musikalischen Geschäftes, der klavieristischen Hypergeläufigkeit, des eher Gekonnten, weniger des wirklich Bewältigten.
Musik fressen und sie sportlich ausspucken zu können ist die eine Seite des Umganges mit dem meisterlichen Erbe. Sich – selbstverständlich mit formidabler Technik – in den Kosmos eines Komponisten und im Speziellen in die klanglich-atmosphärischen, in die zeitspezifischen Vorgänge, in die stilistischen und dann auch aufführungspraktischen Konsequenzen nicht nur hineinzudenken, sondern um sie zu ringen, sie wieder und wieder zu hinterfragen – dies kennzeichnet den wahren Virtuosen im umfänglichsten Sinne des allzu oft verengt und damit missbegrifflich angewendeten Terminus. Unter solch glücklichen Umständen durften wir unter dem friedlichen Diktat Alfred Brendels die Mozartschen Klavierkonzerte als handgreiflich ideale, kenntnisreich inszenierte Opernschöpfungen ohne störendes Gesangspersonal erleben. Erleben durfte man die beiden Brahms-Konzerte – von denen er das erste in d-Moll, wie verbürgt, am meisten schätzt – als mächtige, wie auf kolossale Weise nach Innen gewendete Prüüfungen pianistischer Uneigennützigkeit. Und erleben, wie neu erfahren durften wir die Sonaten, die Impromptus, die Moments musicaux die Wanderer-Fantasie und auch zwei Serien der Täänze von Franz Schubert. Aus dem umfangreichen Repertoire dieser bald noblen, bald bäuerlichen Unterhaltungsmusik – das wagte ich dem zukünftigen Ehrendoktor dieses Instituts am Abend zuvor vorsichtig anzukreiden – hätte ich mir ein wenig mehr gewünscht.
Franz Schubert! Ein Ausspruch des schreibenden Pianisten, des Schriftstellers Alfred Brendel, dessen Beiträge zum Verständnis der Klaverliteratur mir zuweilen wie die Zeugnisse eines träumenden Analytikers vorkamen – ein Ausspruch also ist mir im Zusammenhang mit Brendels ebenso tastender wie selbstgewiss urteilender Schubert-Annäherung in Erinnerung geblieben. 
Dr. h.c. Alfred Brendel
Foto: Maik Schuck. »Und ich habe ihn nicht nur einmal zitiert. Schubert – so Brendel – bewegte sich in seinen Werken mit traumwandlerischer Sicherheit am Abgrund entlang. Natürlich nicht in allen Werken, aber Sie alle wissen, welche Stücke gemeint sind. Ich würde – spontan auf die Frage nach einer literarischen Konkretisierung antwortend – neben der Winterreise und dem Streichquintett in C-Dur den Finalsatz der „großen“ A-Dur-Sonate Deutschverzeichnis 959 nennen, dessen wechselnde Stimmungsgehalte, seine bald gelassene, bald forcierte Bewegung eine Landschaft suggerieren, die mit dem Paradies winkt und zugleich mit dem Friedhof droht. Hier war Brendel zu Hause und zugleich im Status eines Suchenden, denn das nächste Konzert, die nächste Einspielung entpuppt sich letzten, vorletzten Endes als jener Horizont, der im gleichen Ausmaß des Näherkommens entweicht ...
Ich habe den Schriftsteller, den Herr der Wörter, den Meister einer eigenen, ganz eigenen, dabei verständlichen Musikaliensprache erwähnt. Diese Sprache befähigte Brendel auch über musikalische Vorgänge, ihre Hintergründe, Querbezüge, über Besonderheiten und Absonderlichkeiten auf fesselnde, höchst anspruchsvolle, aber niemals in abgehobener Weise zu dozieren. Und ich traue mich hier am Ort das etwas anrüchige Wort „dozieren“ zu gebrauchen, weil der Angesprochene doch in Nähe des universitären Terminus zum Ehrendozenten, zum Ehrendoktor befördert wird.
Nicht genug des Schriftstellerischen – nein, Alfred Brendel geht seit Jahren auch als ein Vertreter eigenwilliger Dichtkunst durch die Lande, erfreut seine Leser und die Besucher seiner Lesungen mit kauzigen, larmoyanten, spritzigen, nachdenklichen Buchstaben-, Wörter- und Satzcapricen, die ich schmunzelnd, beipflichtend, nur selten Kopf schüttelnd als Verdichtungen einer Welt des Allgemeinen und des Musikalischen empfinde, die in mancher Hinsicht nicht ganz dicht ist. Ein Ehrendoktor mithin, der den schreibenden Finger auf die Wunden seiner Zeitgenossen legt, sie zum Besseren, zum Höheren zu bekehren sucht – und wenn es nur deren Verzicht auf das leidige Husten ist. Unvergesslich eine Szene während eines Klavierabends bei den Salzburger Festspielen. Alfred Brendel bewegte sich spürbar betroffen, also in konzentrierter Erregung durch die Geographie eines langsamen Satzes. In seinem Blickfeld befand sich ein Zuhörer, der sich nicht genierte, wieder und wieder zu husten – und dies noch dazu in einer höchst unangenehmen Tonart. Brendel, mehr und mehr genervt, unterbrach sein Spiel und rief dem ungebetenen akustischen Konkurrenten zu: „Können Sie mich hören?“ Der unglückliche, von manchen vielleicht sogar bemitleidete Gast, er zitterte, stammelte ein beklommenes „Ja“, worauf Brendel mit grimmiger Miene seinerseits die knappe Auskunft gab: „Ich sie auch!“
Auch wenn man hohe Eintrittspreise zahlt – es gibt eine stille Vereinbarung, wie man sich zu verhalten hat, wie man Husten unterdrücken oder wenigsten hinter einem Tuch pianisieren kann. Diesen ästhetischen, diesen ungeschriebenen Teil des konzertanten Knigges verdanken wir nicht zuletzt den Anstrengungen Alfred Brendels und kennen somit einen wichtigen Aspekt seiner Berufung zum Mediator des Schönen, Wahren, Guten und des Geflissentlichen.
Wie Sie sicher wissen, hat Brendel nie eine Professur angetreten. 
Dr. h.c. Alfred Brendel
Foto: Maik SchuckIch habe ihn nie gefragt warum. Ich weiß jedoch, wie sehr er sich um den Nachwuchs kümmert, wie interessiert er zugeschickte CDs zumindest an-hört, wie oft junge Begabungen zu ihm nach England reisen und wie sehr er sich um geschätzte Talente dann auch kümmert. Ich denke hier an Till Fellner, Paul Lewis, Claudius Tanski oder jüngst um den – wie er betont – extrem begabten Amerikaner Kit Armstrong. Brendel bevorzugt den Einzelunterricht im pianistischen Bereich, womit sich Meisterkurse von vorne herein ausschließen. Aber die gezielte Lehrtätigkeit beschränkt sich nicht nur auf junge Quasi-Kollegen, sondern erstreckt sich jetzt mehr und mehr auf Klaviertrio- und Streichquartettformationen, die sich – wie ich meine – glücklich schätzen dürfen, mit solch einem – noch dazu humorvollen – Wächter und Geburtshelfer für ihre Zukunft zusammen zu arbeiten. Wenn jetzt das Wort humorvoll eingestreut wurde, dann darf ich auf den eingangs erwähnten Joseph Haydn zurückkommen. Füür dessen Musik, für dessen Experimentierfreude, für dessen in Musik auf überraschendste Weise eingegossenen, gewissermaßen injizierten Humor hat Alfred Brendel nicht nur eine Ader entwickelt, sondern ein ganzes musikantisches Gefäßsystem. Und er hat auf bewundernswerte Weise Mut, vielleicht sogar fruchtbare Sturheit bewiesen, wenn er in den letzten Jahren seiner pianistischen Weltumrundungen Konzerte mit einer Sonate von Haydn beendete – mit dem deutlichen Hinweis: diese Musik ist Hauptsache, sie gilt als letztes Wort des offiziellen Abends – sie soll nicht länger als akustische Vorspeise inhaliert werden im Sinne höflich-widerwilliger Verbeugung vor der großen, aber weitgehend unerkannten Vergangenheit.
Dies und vieles mehr haben wir Alfred Brendel zu danken. Ich beglückwünsche ihn am heutigen Tag im letzten Drittel erfüllter „Années de pèlerinage“ als einen Mann, der zu Recht Ansehen genießßt, vor allem aber weltweites Anhören. Denn in seinen Vorträgen wird er künftig das Klavier mit einbeziehen und somit auch weiterhin das Gesprochene mit dem Klingenden verbinden.
Peter Cossé, 1.7.2009