Willkommen bei Klassik heute

Klassik Heute Bücher CDs SACDs Feuilleton Künstler Termine  

AGBs | Impressum | Sitemap | Kontakt | Newsletter | Seite drucken

Klassik Heute Feuilleton

Premiere

Samstag, 31. Juli 2010
Klassik Heute - Hörführer

Aufgeblasen – Thilo Reinhardt erzählt an der Komischen Oper Frauengeschichten

Komische Oper Berlin: Hoffmanns Erzählungen

  • Komische Oper Berlin
  • Jacques Offenbach: Hoffmanns Erzählungen
  • Premiere: 04.02.2007
  • Musikalische Leitung: Kimbo Ishii-Eto
  • Inszenierung: Thilo Reinhardt
  • Bühnenbild: Paul Zoller
  • Kostüme: Katharina Gault
  • Chöre: Robert Heimann

Jacques Offenbachs Opernambitionen haben an seinem Lebensende zu einer offenen Vorlage für die Nachwelt geführt: Hoffmanns Erzählungen. Es gibt nicht nur keine unstrittige Ausgabe letzter Hand, sondern dem partiellen Uraufführungsehrgeiz wachsen auch immer mal wieder bislang verschollene Notenblätter zu. Der Popularität der bekannten Musiknummern und auch des mehr oder weniger „ganzen“ Stückes hat das noch nie wirklich geschadet. Bei ihrer jüngsten Neuproduktion ließ sich die Komische Oper nun allerdings mit der von Gerhard Schwalbe übersetzten Oeser-Fassung (1977) gar nicht erst darauf ein, ein Resümee des letzten Standes der Quellenkritik oder eine Polemik dazu auf die Bühne zu bringen. Was Regisseur Thilo Reinhardt, der relativ kurzfristig für Willy Decker eingesprungen war, ablieferte, ließ sich vielmehr deutlich von der spezifischen Aufführungstradition an diesem Berliner Opernhaus leiten. Das sicherte ihm zwar den Publikumszuspruch, war aber für einen Berghaus-Schüler, der das nicht verleugnet, geradezu brav und allzu deutungszaghaft. Und weil der Tradition des Hauses entsprechend Gesang und Sprechtexte in Deutsch über die Bühne gehen, ließ man nicht nur in den gesprochenen Passagen die Chargen kräftig knallen, sammelte jeden Kalauer am Wegesrand ein und servierte ihn dem dafür dankbaren Publikum mit. Bis zu dem über die Schulter gerufenen „Feierabend“, mit dem der am Ende gänzlich dem Alkohol verfallene, hinauswankende Hoffmann den etwas lang wirkenden Abend schließlich beendet.

Natürlich gab es bei Thilo Reinhart auch inhaltliche Schärfungen und eine Auseinandersetzung mit dem im Stück kolportierten Frauenbild. Er fügt der Sammlung sogar noch eine weitere hinzu. Die Muse (mit wachsender Sicherheit und Souveränität: Stella Doufexis) macht er nämlich zu einer selbstlos dem Genie dienenden, auf ihre eigenen sexuellen Ansprüche verzichtenden, weiblichen Dauerbegleiterin des Dichters. Sie bleibt durchgängig eine Frau, die mit ihrer gelegentlichen Jelinek-Frisur sozusagen ins sublimierende Geistige verweist. Auch der nur wenig variierte Einheitsbühnenraum von Paul Zoller – ein nobles Kantinenoval aus den Sechzigern in gedämpftem Rot – versucht dem Phantastischen des Sujets mit einem real nachvollziehbaren Raum aus der Lebenswirklichkeit einer ganz realen Geschichte gegenzusteuern. Personell bilden Hoffmann (geschmeidig solide: Timothy Richards) und seine Dauerbegleiterin und der den dunklen Obermacho in seinen Gestalten als Lindorf, Coppelius, Mirakel und Dapertutto leicht variierenden Peteris Eglitis ein Kontinuum, das die Teile des Ganzen zusammenhält.

Hier gibt es dann eine Olympia, für die sich Spalanzani (Stephan Spiewok) bei Beate Uhse zumindest das Outfit geborgt hat. Aufgeblasen, mit Schlitz vorne zum Gaffen und einem Steuerteil, an das der hausmeisternde Monteur (Peter Renz) nur von hinten rankommt. Cornelia Götz liefert den Slapstick und die sicheren Koloraturen. Wenn die singende Antonia (Sinéad Mulhern) das ganze Theater zu ihrer Bühne macht und ihre graugeisternde Mutter (Caren van Oijen) im Reifrock effektvoll aus dem Hintergrund auftaucht, dann ist das nicht nur ein eindrucksvolles Theaterbild, sondern auch eine beklemmende Studie über die Verführung des Rampenlichtes. Ebenso gelungen ist auch das Schwanken der Lampenschirme zur Barcarole am Beginn des Giuletta-Aktes. In dessen Zentrum punktet die mit geschlitztem Rot vor allem optisch sprühende Karolina Gumos.

Am Pult des Orchesters der Komischen Oper lässt der neue hauseigene Kapellmeister Kimbo Ishii-Eto (leider unter dem Niveau, das dieses Orchester unter seinem (Noch-)Chef Kiril Petrenko ansonsten bietet) vor allem aufspielen, wo doch schwelgerische Eleganz geboten wäre. Was wiederum irgendwie zu dem Versuch passt, eine phantastische Geschichte realistisch zu erzählen. Vielleicht hätte man es ja mal mit Offenbachs anderem großen Versuch in der Oper, den ja längst wieder entdeckten Rheinnixen, probieren sollen. Zumindest die Barcarole hätte es dabei auch gegeben.

Joachim Lange, 9.2.2007

zum Seitenanfang

Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Konzert-Tipp

Anzeige

Buch-Tipp

Anzeige

Noten

© Klassik-Treff.GmbH