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Bericht

Samstag, 31. Juli 2010

Der Ort, der Genius und das Ganze im Allgemeinen

Mozartwoche Salzburg

Wer hat sie aus kompetenter, wahrhaft musikliebender Sicht nicht schon alles gerühmt und von anderen Musikinitiativen Salzburgs pointierend abgerückt? Die winterliche, in diesem Jahr tief winterliche „Mozartwoche“ – ein Treffpunkt für die Kenner aus dem In- und Ausland, ein Mekka für Mozartianer, ein Diskussionsforum im Umfeld historischer, zumindest reflektierter Aufführungspraxis. Aber die Zeiten sind vorbei, als etwa Nikolaus Harnoncourt mit seiner krassen, unversöhnlich dramatischen Interpretationen der Hornkonzerte, der „kleinen“ g-Moll-Sinfonie und mit ersten Operneinspielungen für Unruhe, für Begeisterung und endlose Debatten sorgte. Heute rangiert das Werk Mozarts – den gesellschaftlichen Verlaufskurven parallel – unter dem Reglement der Pluralität, des vielerlei Erlaubten und somit auch des vielerlei, aber undefiniert Erwünschten. Zwei Mozart-Wochen hindurch durfte man das in diesem Jubiläumsjahr zum 250. Geburtstag des Komponisten erleben, selbst wenn man aus der immensen Termin- und Datenfülle nur einen gewissen Prozentsatz zur lauschenden Kenntnis nehmen konnte. Es ist eine andere Zeit und eine andere Situation als in den Pionierjahren der Mozart-Erforschung in den frühen Nachkriegsjahren, als es noch Mozart-Stücke, ja wichtige Repertoirepassagen zu entdecken gab. Bernhard Paumgartner, der begnadete Plauderer und ahnend Wissende des fühlend Erforschten, hatte sich in die unentdeckten Winkel des Köchelverzeichnisses vertieft, hatte den Serenaden, Kassationen, Divertimenti, den frühen Sinfonien zu staunender Öffentlichkeit verholfen – und bedeutende Solisten rührten ein nach Musik lechzendes Publikum mit Schlüsselwerken, die es bisweilen gleichsam als Uraufführung erlebte.

Heute, wenn in Salzburg der geliebt-ungeliebte Sohn gefeiert wird, trifft sich ein informiertes, wenn nicht abgebrühtes Publikum, dessen ästhetische Antennen das musikalisch Gleichgültige nicht weniger als das Herausragende als willkommene Botschaft des Autoren begrüßt, beklatscht und manchmal auch bejubelt. Das Fest selber, die Festlichkeit des konzertanten Stakkatos, die schönen, restaurativen Verbindlichkeiten zwischen zwei, drei Veranstaltungen pro Tag prägen den kulturellen Tag bis in den Abend – und am Ende weiß man eines: Man war zugegen, man hat sich einem wertvollen Gehalt gewidmet, man hat seinen Preis bezahlt.

Nikolaus Harnoncourt in einer „Künstlerrede“ hatte zu Beginn dieser von der „Internationalen Stiftung Mozarteum“ perfekt betreuten, mit einem monumentalen Almanach auch lexikalisch bestens abgesicherten Mozartwoche von den Gefahren der Vermarktung, des willkürlichen, unreflektierten Zugriffs auf eine verletzliche Materie gesprochen. Eine wie stets warnende Stimme – freilich auch eine Stimme, die sich unter all den erwähnten Bedrohungen mitten in diesem Karussell des nehmenden Gebens bewegt. Wir alle entkommen ebensowenig wie Mozart zu seiner Zeit den Widersprüchen des erwünschten und des gelebten Leben.

Hauptattraktion der Mozartwoche 2006 war die szenische Produktion der „Giocoso“-Oper La finta giardiniera (KV 196) in der Regie der in den letzten Jahren vieldiskutierten Doris Dörrie. Seit gut 30, 40 Jahren haben es sich die Regisseure des Allbekannten und Repetierten zur Aufgabe erhoben, librettistisch verbürgte Schauplätze zu verlagern (um es einmal zart zu formulieren). Die Regie steht unter Erfolgs- und Profilierungsdruck. Sie ist längst aus der unscheinbaren Rolle der „Spielleitung“ herausgewachsen – und dort am Zenit einer zweifelhaften Selbstbeweihräucherung feiert sie die medienwirksamen Triumphe des Skandals oder – eine Etage tiefer – die Genugtuung, dem zusehenden, weniger dem hörenden Publikum das Gefühl zu geben, ästhetisch auf der Höhe unserer Zeit zu sein.

In diesem Spannungsfeld von Verneinung des Gebotenen und Bejahung des Unerlaubten ereignet sich die Salzburger Neudeutung – verfrachtet in die hochkapitalistische Angebots- und Nachfragelandschaft eines Gartencenters, also eines Supermarktes für das naturelle Ambiente. Don Giovanni im Eros-Center, Tristan und Isolde auf einem Container-Riesen – was hat man nicht alles schon erlebt bzw. was wird noch alles auf den Opern-, mehr noch: auf den Musikfreund zukommen? Mozarts bald zarte, bald muskulöse Musik bleibt dieselbe – und an ihr hätten das Mozarteum Orchester unter der Leitung von Ivor Bolton freudiger, feinfühliger feilen und streicheln sollen. Nun gut, sie leisten im akustisch papierenen Landestheater ein Mögliches, stemmen sich gegen die visuelle Gewalt von Supermarkt-Requisiten, quasi-vitalisierten Pflanzlichkeiten und – um nur eine der Nebendarstellerinnen herauszuheben – gegen eine Venus mit kannibalischen Neigungen.

Die vielen Konzerte in bald plastischer, bald nebliger Erinnerung, wage ich im Kraftfeld der Wiener Philharmoniker von voraussehbarer Gediegenheit unter der Leitung von Riccardo Muti zu berichten, von solider Anständigkeit, als Manfred Honeck für den erkrankten Daniel Barenboim in letzter Minute verpflichtet werden konnte. Enttäuschend die – ebenfalls einspringende – Cecila Bartoli mit einer stilistisch gewaltig fehlgeleiteten, rossinistisch-meckernden Katapultierung von Mozart-Koloraturen (Exsultate, jubilate KV 165), überzeugend auf unterschiedlichen Temperamentsebenen die Pianisten Mitsuko Uchida (in ihrem Soloabend) und Alexander Lonquich mit dem Konzert KV 482.

Eine gute halbe Sternstunde bescherte der Bariton Thomas Quasthoff mit drei für Bassstimme verfügten Konzertarien und – als Zugabe – mit der Hallenarie des Sarastro aus der Zauberflöte. Quasthoff scheut sich nicht, die jeweiligen Sujets gleichsam offen zu legen. Das heißt: er singt nicht an den Texten entlang, er lebt sie in allen Schattierungen des Wohlklanges und auch des dosierten Unwohlklanges vor. Unter solchen glücklichen Voraussetzungen gewinnt der schauende Hörer Perspektiven, als handelte es sich um eine Inszenierung mit imaginärem Bühnenbild und handelndem Personal. Kein Regisseur ist hier vonnöten – die Musik, die Intensität des Sängers und die umsichtige Umgarnung des Orchesters leisten alles, was auf der Bühne mühsam aufgetürmt und zusammengeräumt wird.

Peter Cossé, 6.3.2006

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