Willkommen bei Klassik heute

Klassik Heute Bücher CDs SACDs Feuilleton Künstler Termine  

AGBs | Impressum | Sitemap | Kontakt | Newsletter | Seite drucken

Klassik Heute Feuilleton

Premiere

Donnerstag, 9. September 2010
Klassik Heute - Hörführer

Anatomie der Liebe

Theater Magdeburg: Wolfgang Amadeus Mozart – Così fan tutte

  • Theater Magdeburg
  • Wolfgang Amadeus Mozart: Così fan tutte
  • Musikalische Leitung: Alexander Steinitz
  • Inszenierung: Frank Hilbrich
  • Bühnenbild: Volker Thiele
  • Kostüme: Gabriele Rupprecht
  • Premiere: 8. Januar 2005

Mozarts erotisches Spätwerk, 1789 im Jahr der französischen Revolution zwischen Don Giovanni und Die Zauberflöte entstanden, atmet den Geist der Aufklärung. Verliebte junge Leute erkunden in einem „Experiment“ die „Gesetze“ der Liebe. Das Scheitern dieses als Wette getarnten Verwirrspiels der Herzen endet für alle Beteiligten mit der schmerzvollen Erkenntnis, dass in der Liebe und im Leben alles möglich ist.

Für die Paare, die in Frank Hilbrichs Magdeburger Neuinszenierung der Mozart-Oper am Schluss nach dem grausamen Spiel mit Schwüren, Gesten und immer wieder verunsicherten Gefühlen zu der Erkenntnis kommen: „Macht ihr’s besser – wir haben es nicht geschafft“ ist die Welt aus den Fugen. Ratlosigkeit, tiefe Verunsicherung und Erschütterung bleiben. In der von Alfonso angezettelten und von Despina mit starker Energie beförderten (Treue)-Wette machen die Schwestern Dorabella und Fiordiligi ebenso wie ihre Verlobten Ferrando und Guglielmo die Erfahrung: Der Mensch beherrscht die Liebe so wenig wie die Naturkräfte. Er kann nur etwas über ihre Gesetze lernen.

Der Regisseur Frank Hilbrich findet dafür eine einleuchtende wie ungewöhnlich-provozierende Metapher. Vier urzeitliche (Affen)-Menschen verkörpern in dem komplizierten Beziehungsgeflecht dieser erotischen „Wahlverwandtschaft“ das Prinzip des Triebhaften, des Unkontrollierbaren, des Aggressiven im Menschen. Ihr Beteiligtsein, ihr irritierendes Partnerspiel mit den sich im Zustand der Orientierungslosigkeit befindlichen Paaren provoziert tiefer liegende Fragen. Wie vernunftbegabt handelt der Mensch und welche verstörende und verändernde Kraft hat Liebe? Man muss sich auf die ungewohnten, auch provozierenden Bilder und Zeichen, die Frank Hilbrich gemeinsam mit Volker Thiele und den assoziationsreichen Kostümen von Gabriele Rupprecht setzt, einlassen. Dann erkennt man recht bald, dass auf der Bühne nichts anderes passiert, als was Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo da Ponte in Musik und Text so genial hineingelegt haben. Was in einer tristen, noch gänzlich unfertigen (Container)-Wohnung als turbulentes Spiel junger, lebens- und liebeslustiger Leute mit Treueschwüren, tränenreichem Abschied und Identitätswechsel zwecks Treueprobe mit einer (Bier)-Wette zwischen Alfonso, Ferrando und Guglielmo beginnt, wird als „Experiment“ auf einer anderen, surrealen Ebene zu einem gleichnishaften Spiel mit den Möglichkeiten und Gefahren der Liebe in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen.

Inmitten eines Labyrinths von leblosen, in Posen der Nähe und Umarmung verharrenden Menschen(-Puppen) irren die Liebenden wie im Shakespearschen Ardennenwald in Wie es euch gefällt. In dem Maße wie die Verwirrung der Gefühle die Neugier auf das Abenteuer „Liebe“, das Fühlen und Handeln der Liebenden beherrscht und sich die Paare „kreuzweise“ finden, verändern sich die posierenden Menschenstatuen. Ihre Posen assoziieren immer mehr Gewalttätigkeit, das Triebhafte, Animalische bis zur Zerstörung. Allein die vier jungen Leute in ihrer ratlosen Verstörtheit und die vier urzeitlichen Menschen bleiben zurück.

Es ist vor allem die Musik, die das Geschehen in einem Schwebezustand zwischen heiterer Ironie und wahrem Gefühl, zwischen Schein und Wirklichkeit hält. Così fan tutte ist viel mehr Dramma giocosa als Opera buffa. Frank Hilbrich lässt im ungestümen Partnerspiel der jungen Leute Leichtigkeit zu, ohne dass die tragischen Momente, die Verletzungen, das Misstrauen verdeckt werden. Sie wirken wie schleichendes „Gift“, das die Paare immer wieder ins Triebhafte, Unkontrollierbare führt, bis die Männer selbst Züge der Urzeitmenschen und deren Verhaltensweisen annehmen.

Ein erlesenes Sängerensemble macht diesen Mozart-Abend zu einem nachhaltigen musikalischen Erlebnis. Das Musikalische hat seine Entsprechung in einem bis ins kleinste darstellerische Detail überzeugenden, wahrhaftigen und leidenschaftlichen Spiel. In den wechselnden Ensembleszenen und den innigen Zwiegesängen der beiden Schwestern spürt man knisternde Spannung, werden die Veränderungen der „Seele“ transparent.

Die Magdeburgische Philharmonie unter Alexander Steinitz präsentiert sich mit feinster Tongebung und subtiler Klangschattierung wieder einmal als exzellentes Mozart-Orchester. Alexander Steinitz setzt auf differenzierte pianissimi und subtil nuancierte Tempi mit zahlreichen Pausen, die den Fortgang der Handlung fast zum Stillstand zu bringen scheinen.

Der brasilianische Tenor Iago Ramos als Ferrando überzeugt nicht nur mit sicherem Legato und Mezza-Voce-Zauber seiner Stimme in Un’ aura amorosa. Roland Fenes gibt mit dem baritonalem Glanz seiner Stimme und sensiblem Partnerspiel Guglielmo markantes Profil. Ulrike Mayer ist mit der sängerischen Power ihres samtenen, in der Tiefe pastosen Mezzosoprans eine ungemein eindrucksvolle und sängerisch ausdrucksstarke Dorabella. Ihre Arie Smantie implacabili gehört wie die Arien der Fiordiligi Come scoglio und Per pietà, be mio zu den Höhepunkten der Aufführung. Ute Bachmaier als Fiordiligi findet von perlenden Koloraturen zu weichen und dann auch zu großen dramatisch verdichteten Linien ihrer fast schwebenden Stimme bei bestechender Textdeklamation. Der Koreaner Cesare Kwon überrascht als sehr jugendlicher Alfonso mit sonorem Bass und die aus Griechenland stammende Efmorfia Metaxaki als biestiger „Teenager“ Despina hat stimmlich nichts Soubrettenhaftes, singt und spielt mit schlitzohrigem, ganz natürlichem Charme. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die jungen Leute in der „Schule der Liebenden“ gescheitert sind. Man sollte allen, denen dies widerfährt, eine neue Chance geben.

Herbert Henning, 10.1.2005

zum Seitenanfang

Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Konzert-Tipp

Anzeige

Buch-Tipp

Anzeige

Noten

© Klassik-Treff.GmbH