Neue Chopin-Aufnahmen: Zwischen Wohltat und Versagen
CD-Veröffentlichungen zum Jubiläumsjahr 2010
Die Klavierwerke Frédéric Chopins sind in diesem Jahr – versteht sich – in aller Munde und Ohren. An wertbeständiger Kultur und nicht nur an Seifenopern und Ähnlichem interessierte Fernsehanstalten zögerten nicht, eine Menge an musikgeschichtlichem Material mit Hilfe von internationalen Fachleuten auszugraben und unter verschiedensten Film-kommunikativen Bedingungen zu präsentieren.
So überraschte der Sender Arte mit einer Produktion im Hinblick auf Chopins Beziehung zum Medium Oper – eine steife Veranstaltung mit dem tüchtigen Pianisten Roland Pöntinen und einer Riege von quasselnden, leblos dahin argumentierenden Wissenschaftlern und Publizisten, die sich am historischen Ort der Chopin-Sand-Beziehung sicher ein paar schöne Tage gemacht haben. Der Hintergrund für diese geisterhafte Produktion: Chopins Begeisterung für die Musik Bellinis und einige seiner Klavier-Kantilenen im Stil des italienischen Belcantos (ich denke hier vor allem an das Seitenthema des ersten Satzes aus der h-Moll-Sonate op. 58!).
Die letzten Chopin-Monate geben aber auch Aufschluss darüber, wie sich der so genannte Markt auf ein Ereignis wie „200 Jahre Chopin“ einzustellen weiß. Die führenden Labels forcieren ihre jungen Interpreten, recherchieren in den Archiven der Rundfunkanstalten, reaktivieren Meister der älteren Generation, während die kleineren Produzenten versuchen, unbekanntere Gesichter ins Blickfeld zu rücken. Wie hart indes der Kampf um einen pianistischen Platz an der medialen Sonne geworden ist, zeigt sich am Beispiel der Personalpolitik des klassischen Branchenführers Deutsche Grammophon. Der bis vor kurzem noch massiv geförderte chinesische Chopin-Preisträger Yundi Li wurde sozusagen entsorgt – zugunsten neuer exotischer „Gesichter“. Immerhin konnte er im Hause EMI Unterschlupf finden, nun aber – die Marke muss ein neues „Gesicht“ erhalten – nicht mehr als der vertraute Yundi Li, sondern nur noch knapp und werbewirksam als „Yundi“! Man stelle sich rückblickend vor, die Deutsche Grammophon hätte ihren Kempff in Zeiten der LP-Krise in die Wüste geschickt und der berühmte Herr wäre bei CBS schlicht und einfach als „Wilhelm“ angeboten und verkauft worden …
Zu den meist eingespielten Werken dieser Monate und der letzten zwei, drei Jahre im Hinblick auf die Chopin-Feierlichkeiten gehören die insgesamt 21 Nocturnes. Yundi – wir wollen der neuen Namensformatierung gehorchen – bietet diese Werkreihe mit fehlgeleitetem Temperament, was schummerige Notengirlanden, sentimentale Verwehungen anbelangt. Mir scheint, diese zwei CDs sind ein Schnellschuss gewesen, nur bedingt vorbereitet, zumindest im Bereich einiger dem Gestalter weniger vertrauter Stücke. Dass dieser in China wie ein Gott verehrte, ähnlich wie Lang Lang angehimmelte Klavierstar präzise, brillant und überhaupt nicht wehleidig zu spielen versteht, beweist seine Darstellung der vier Scherzi im Rahmen eines DVD-Bonus-Kapitels, dessen Hauptteil ein informatives Porträt mit manchen Hinweisen enthält, was die Klavier-Euphorie in China angeht – und auch die Konsequenzen für den Musikbetrieb der kommenden Jahrzehnte in Asien und in allen anderen Ländern, die sich noch auf ein Klassik-Publikum berufen können.
Von den weiteren Nocturne-Einspielungen ist meiner Ansicht nach jene des ungarischen, als Exzentriker bekannten Pianisten Gergely Bogányi die einzige von Wert. Exzentrisch verhält sich Bogányi im besten Sinne, denn seine Handhabe dieser expressiven Wunderlichkeiten erinnert an jene Zeiten des Interpretierens, da die großen Klavierspieler sich entweder noch in der Traditionen der Komponisten bewegten oder einzig und allein den Notentext vor sich hatten. Also ihrer ästhetischen Nase folgten, keine – oder fast keine – Vorbilder hatten. Bogányi mithin verweigert sich jeglicher Imitation im Sinne polnisch-bewahrenden Chopin-Spiels. Gewagte Rubati, bestürzende Tempo- und Farbenwechsel – kurzum: eine Leistung von rein pianistisch untadeliger Gediegenheit, aber in allen Fragen des Lesens und des Deutens ein abenteuerliche Spur durch die schönen und bedrohlichen Landschaften dieser Nachtstücke. Die Einspielungen mit Nelson Freire und Eugéne Mursky hingegen darf man vergessen: der eine schlängelt sich in ausgelaugter Umgangssprache durch das Terrain, der Jüngere verliest trocken und bieder das Offensichtliche, von Atmosphäre und Zauber keine Spur.
Von den jüngst veröffentlichten Aufnahmen der Klavierkonzerte vermag mich keine wirklich zu begeistern, wenngleich jene mit Lang Lang und den Wiener Philharmonikern überrascht hat im Hinblick auf die Konzentration des Solisten auf musikalische Haupt- und Randerscheinungen, das heißt: im Vergleich zu früheren Deutungen des e-Moll-Konzerts hält sich der chinesische Überstar mit klangalchemistischen Fremdwirkungen und fingertechnischen Extravaganzen zurück. Die Einspielung des aktuellen Chopin-Preisträgers Rafal Blechacz verkündet sicheren, klaren Umgang mit dem Instrument, aber ich vermisse Momente des Erschauerns des Erglühens, Versuche eines Chopin-Wiederbelebens abseits des Vertrauten – und dies gilt auch für die Darbietungen von William Youn, Sa Chen und Friedrich Gulda, dessen klanglich etwas muffige Decca-Aufnahme aus den 50er Jahren in Verbindung mit konzertanten „Ausgrabungen“ nun via DG zu haben ist. Paul Gulda hat diese Kassette zusammengestellt mit einem Triester-Mitschnitt der vier Balladen aus dem Jahr 1955 und einer Montage der Préludes op. 28 aus dem Dokumentenschatz verschiedener Aufführungsorte. Interessant im Umfeld der beiden Klavierkonzerte ist die Einspielung mit dem vietnamesischen Chopin-Preisträger Dang Thai Son mit Frans Brüüggens Orchestra of the 19th Century – auf alten, gealterten Instrumenten versteht sich. Die vom ungemein engagierten „Narodny Institut Frydryk Chopin“ herausgegebene CD gewährt einen Eindruck, wie Chopins Spiel mit Orchester etwa in Wien geklungen haben könnte, zumal Dang Thai Son nicht weniger geschliffen arbeitet als die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen.
Eine (Wieder-) Entdeckung ist die kanadisch-polnische Pianistin Janina Fialkowska, die sich mit den umstrittenen, aber zumindest von der Aufführungspraxis her belegten Kammermusikversionen der Konzerte, aber auch mit Solowerken als eigenständige, fantasievolle, mit tastendem und zupackendem Spürsinn ausgestatte Interpretin erweist. Um Etliches einprägsamer gelingt ihr das f-Moll-Konzert als dem Australier Roger Woodward mit einem wenig inspirierten Alexander String Quartet! Dieses f-Moll-Konzert liegt nun in einer alten Aufnahme mit dem polnischen Pianisten Stefan Askenase vor, der in den 50er und 60er Jahren für weite Kreise des Publikums einer der maßgebenden Chopin-Spieler war. So zart, so verhalten, gleichsam in indirekter Rede verraten, habe ich dieses Werk noch nie erlebt. Es ist erlaubt, unter dem Eindruck dieser Intimbotschaft an Chopins Behandlung des Klaviers zu denken, so wie es die Zeitgenossen beschrieben haben. Gerade eingetroffen, also ungehört, wage ich dennoch eine Einspielung aller Konzertwerke (op. 2, 11, 13, 14, 21 und 22) in Chopins Fassungen für Klavier solo zu erwähnen. Interpretin ist die aus Oberschlesien stammende Pianistin Joanna Michna.
Bisher unveröffentlichte, packende, resolute, zuweilen geradezu verächtlich anmutende Rundfunkeinspielungen offeriert die Deutsche Grammophon mit Martha Argerich, darunter erstmals überhaupt die g-Moll-Ballade op. 23! Von den mir bekannten neueren Einspielungen der Etüden op. 10 bestätigt jene des jungen Kämmerling-Schülers Alexej Gorlatsch genau die zuverlässige Technik, die so vielen Talenten zur Verfügung steht, ohne freilich den viel gespielten Stücken eine neue Wendung zu verleihen. Viel Mühe im rein Technischen zeigt Nelson Freire, der dieses Opus 10 in vielen Episoden zu einer Schleuderpartie verkommen lässt (op. 10 Nr. 1 und 4!). Wie bewusst, wie stark, ja narkotisierend hingegen gräbt sich Ivo Pogorelich mit der b-Moll-Sonate und mit der fis-Moll-Polonaise in das Gedächtnis des staunenden, gefesselten Hörers ein. Und auch die „unfolkloristische“, fast schon eisige Mazurka-Philosophie des Russen Evgeny Koroliov ist ein Testfall für den gelernten Chopin-Lauscher, der sich urplötzlich in der musikalischen Fremde wähnt und dennoch den Atem des Komponisten über alle nationalen Vorschriften hinaus zu verspüren meint. Verbindlicher als Koroliov im Anschlag und in der tänzerischen Botschaft das „Mazurka-Tagebuch“ mit Anna Gourari; ähnlich konservativ, pianistisch freilich tadellos die Walzer-CD mit der jungen Alice Sara Ott – eine jener jungen Deutsche Grammophon-Favoriten, denen ich alles Gute wünsche im Hinblick auf eine CD-Karriere nicht nur im Schlaglicht des sensationellen Augenblicks.
Zwei Editionen mit musikpädagogischer Akzentuierung seien einer Hörerschaft genannt, die nicht nur an der Musik Chopins, sondern auch an seinem Leben und Überleben Gefallen finden. Ein Winter auf Mallorca sind die beiden Editionen mit dem Pianisten Sebastian Knauer bzw. der Pianistin Ulrike Moortgart-Pick überschrieben, Bezug nehmend auf die ebenso schauerliche wie produktive Zeit Chopins und George Sands im heutigen Rückzugsgebiet deutscher Senioren. Knauer ist der um Welten bessere Pianist, zudem hat er mit Hannelore Elsner eine lesende, echt mitgestaltende Partnerin zur Seite, während man sich bei Moortgart-Pick im Begleitheft erkundigen muss.
Die meiner Meinung nach interessanteste Chopin-Einspielung geht weit über das Originalwerk des Komponisten hinaus. Es handelt sich um eine Sammlung von Stücken, die unter dem Eindruck der Werke Chopins entstanden sind: von Balakirev, Bendel, Grieg, Busoni, Nápravnik, Tschaikowsky, Honegger, Berkeley, Villa-Lobos, Mompou, Godowsky und Leschetitzky. Improvisationen, Anspielungen, Variationen, Spekulationen, ein Almanach der Verehrung und des Weiterspinnens vorliegender Kostbarkeiten, die dem englischen Pianisten Jonathan Plowright Gelegenheit geben, sein Können, aber auch seinen literarischen Spürsinn zu zeigen.
Diskographische Angaben Frédéric Chopin
Klavierkonzerte Nr. 1 op. 11 und Nr. 2 op. 21
Dang Thai Son; Orchestra of the 19th Century, Brüggen; Narodny Institut Frydryk Chopin;
NIFCCD 004
Lang Lang ; Wiener Philharmoniker, Mehta;
DG 477 7449
Sa Chen; Gulbenkian Orchestra Lisbon, Foster; PentaTone classics
PTC 5186 341
Rafal Blechacz; Royal Concertgebouw Orchestra, Semkov;
DG 477 8088
William Youn; Nürnberger Symphoniker, F. Riehle;
Ars Production 38058
Versionen für Klavier und Streichquintett;
Janina Fialkowska; Chamber Players of Canada;
Atma classique ACD 2 2291
Klavierkonzert Nr. 1, 24 Préludes op. 28, 4 Balladen, Barcarolle, Nocturnes op. 15 Nr. 2, op. 48 Nr. 1 und op. 62 Nr. 1, Walzer e-Moll op. posth.;
Gulda / Chopin: Epitaph für eine Liebe; Friedrich Gulda; London Philharmonic Orchestra, Sir Adrian Boult (Aufnahmen: 1954 ? 1956, 1960, 1986);
DG 477 8724 (2 CD)
Klavierkonzert Nr. 2 op. 21;
Stefan Askenase, Berliner Philharmoniker, F. Lehmann (Berlin 1952);
Archipel ARPCD 0422
– Version für Klavier und Streichquartett;
Roger Woodward; Alexander String Quartet;
Celestial harmonies 13277-2
Klavierkonzerte Nr. 1 und 2, Variationen op.2, Fantasie über polnische Weisen op. 13, Krakowiak op. 14, Andante spianato & Grande Polonaise Brillante op. 22; Fassungen für Klavier solo von Chopin);
Joanna Michna;
Elisio ECD 1810 (2 CD)
Ballade Nr. 1 op. 23, Etüde op. 10,4, Mazurkas op. 41 Nr. 1 und 4, op. 24,2 op. 59, op 33,2 und op. 63,3, Nocturnes op. 15,1 und op. 55,2, Sonate h-Moll op. 58;
Martha Argerich (Aufnahmen 1959 bis 1967);
DG 477 7557
Ein Winter auf Mallorca – Texte von George Sand; Chopin: Polonaisen op. 40 Nr. 1 und 2, Scherzo Nr. 3 op. 39, Ballade Nr. 2 op. 38, Mazurkas op. 41 Nr. 2 und 4, Préludes op. 28 Nr. 15 und 20;
Hannelore Elsner (Sprecherin), Sebastian Knauer (Klavier);
Berlin Classics 0300014 BC
Ein Winter auf Mallorca – Préludes op. 28 (Ausz.), Ballade op. 38, Scherzo op. 39;
Hommage à Chopin – Werke von Balakirev, Bendel, Grieg, Busoni, Nápravnik, Tschaikowsky, Honegger, Berkeley, Villa-Lobos, Mompou, Godard, Godowsky und Leschetitzky; Jonathan Plowright;
Hyperion CDA 67803
The Mazurka Diary – Mazurkas op. 6 Nr. 1 und 2, op. 6,4, op. 7 Nr. 1, 2 und 5, op. 30, op. 68 u.a.;