Willkommen bei Klassik heute

Klassik Heute Bücher CDs SACDs Feuilleton Künstler Termine  

AGBs | Impressum | Sitemap | Kontakt | Newsletter | Seite drucken

Klassik Heute Feuilleton

Bericht

Donnerstag, 9. September 2010
Klassik Heute - Hörführer

Das ungemütlich Heutige gesellt sich akzeptiert zum Gestrigen

Die Mozartwoche Salzburg zwischen Gestern und Heute auf Erfolgskurs

Wie oft haben wir uns nicht in den letzten Jahren den Kopf zerbrochen, welchen Weg, welchen veranstalterischen Kurs die „Internationale Stiftung Mozarteum“ einschlagen wird, soweit es nicht nur um die Erhaltung der „Mozartwoche“ gehen soll, sondern um deren inhaltliche Weiterbelebung und hinsichtlich ihres Publikums um Verjüngung und Auffrischung. Von der programmatischen Seite her ist das – dank vieler umsichtiger Initiativen des künstlerischen Leiters Stephan Pauly – mit vielen für das Salzburger Mozartfest ungewöhnlichen, durchaus riskanten Projekten gelungen. Die zeitgenössische Musik ist Thema dieses Festivals, sie ist nicht länger Alibi in wenigen Konzerten, sondern Impulsgeber für ein allgemeines Nachdenken, wichtiger noch: für ein sich Vergewissern, dass auch die allbekannten Stücke, die Werke des vergötterten Mozart dem aktuellen Stand seiner Zeit entsprachen – mit allen Konsequenzen der Anerkennung und der Ablehnung.

So stand die Mozartwoche 2010 unter dem Motto „Mozart und die Moderne – György Kurtág“. Auf den ersten Blick hin mag das nicht gerade einfallsreich sein, denn Kurtág wird seit Jahren, fast schon seit Jahrzehnten auf Festspielen quer über den europäischen Kontinent hinweg gefeiert und der so genannten „Alten Musik“ gegenübergestellt, zumal er in seinen kleinen und gelegentlich auch ausschweifenden Stücken immer wieder Bezug auf die großen Komponisten und Literaten der Vergangenheit nimmt (Bach, Schumann, Kafka).

György Kurtág und seine Frau Márta waren zu Gast in Salzburg, bürgten für lebendiges Einstehen für wundersames, uneigennütziges Musizieren in eigener Sache, waren sozusagen an Ort und Stelle, wenn andere Ensembles die Werke jenes Mannes interpretierten, der wie kaum ein anderer Komponist des 20. und des 21. Jahrhunderts Kraft, Sicherheit und feinfühlige Weltsicht aus der fast mystischen Alchemie einer langen Künstlerehe geschöpft hat.

Immer wieder hat der erwähnte Stephan Pauly in der Öffentlichkeit betont, wie tolerant, ja glücklich das – im Durchschnitt hoch betagte – Publikum die heutigen unbequemen Programmangebote angenommen habe. Ich erlaube mir, in dieser Hinsicht etwas einzubremsen. Die Mozartwoche insgesamt ist für die meisten ein Erlebnis, ganz gleich, mit welchen Materialien sie konfrontiert werden. Es wird gejubelt, es wird „angenommen“, ganz gleich, auf welchem Niveau sich konzertantes Bemühen und Gelingen abspielt. Das fachliche Wissen – ich kann es beweisen! – ist auch bei Gästen, die seit vielen Jahren das Festival besuchen, nicht merklich gestiegen. Als der Pianist Alexander Lonquich mit der Sopranistin Miah Persson und der Camerata Salzburg Mozarts Konzertarie KV 505 darbot – dirigierend und Klavier spielend –, schien es sich nicht wenigen in meiner Sitzplatzumgebung um das nachfolgend angekündigte Kalvierkonzert KV 503 zu handeln!.

Die „Stiftung“ ließ es sich in diesem Jahr nicht nehmen, eine Mozart-Oper auf die Bühne zu bringen. Mozarts Idomeneo in einer Übernahme vom „Festival d’Art Lyrique d’Aix-en-Provence“ – und dies in einer Licht-Inszenierung von Olivier Py, die einmal mehr bestätigte, wie überflüssig alles Bühnengehabe ist, wenn nur die Sänger und vor allem das Orchester die wesentlichen, zuweilen sogar erfüllenden, bewegenden Akzente setzen. In diesem Fall vor allem die fabelhaften „Musiciens du Louvre – Grenoble“ unter der feurigen, stets aufmunternden Leitung von Marc Minkowski. Einige Portionen an Engagement dieser Art, an wirbelnder Begeisterung hätte ich mir auch von Nikolaus Harnoncourt gewünscht. Mit den Wiener Philharmonikern betreute er eine „Fünfte“ von Schubert, die nichts von Eigenwilligkeit und darüber hinaus von einer echten Schubert-Botschaft erkennen ließ. Noch flacher dann Mozarts A-Dur-Klavierkonzert (KV 488) mit dem norwegischen Pianisten Leiv Ove Andsnes, von dem nun jeder halbwegs Musik gebildete Hörer weiß, dass er vieles prächtig und zuverlässig spielt, aber alles andere als ein Mozart-Spieler ist. Man fragt sich, wie und warum solche personelle Konstellationen zustande kommen – ist es nur der Markt oder einfach Unbesonnenheit?

Besonders gewürdigt wurde – als „Artist in residence“! – der deutsche Pianist Lars Vogt. Ich schätze ihn als einen Vertreter der bestens geregelten Werkinterpretation, freilich ohne jede Chance, das Eine oder das Andere eines Werkes verzaubert, das heißt: als unvergesslich gestaltet der ewigen Erinnerung anheimzugeben. Auf dieser Linie des Unvergesslichen ist schon eher sein Kollege András Schiff unterwegs, dem die Salzburger Mozartianer eine bald kämpferische, bald streichelnde Wiedergabe von Beethoven c-Moll-Konzert verdanken – mit vielen raffinierten pianistischen Zwischentönen und einem ziemlich burschikos gedeuteten Finalsatz, der an einen Holzschuhtanz in Nähe zu Lortzings Zar und Zimmermann gemanhnte.

Die Mozartwoche lebt, sie floriert, was den Zuspruch der Gäste anbelangt – die Zukunft freilich wird zeigen, wie ein jüngeres Auditorium bei erklecklichen Kartenpreisen in den nächsten Jahre zu motivieren ist. Ein Vorteil für die „Stiftung“ ist offensichtlich: das Unternehmen scheint gesund und kann sich über die benachbarten Probleme der Oster- und Sommerfestspiele nur ins Fäustchen lachen.

Peter Cossé, 23.2.2010

zum Seitenanfang

Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Konzert-Tipp

Anzeige

Buch-Tipp

Anzeige

Noten

© Klassik-Treff.GmbH