Verdienstvoll sind die Tacet-Editionen historischer Aufnahmen in aktueller, dem heutigen akustischen Stand entsprechender Klavier-Qualität. Viele dieser erfreulichen technischen „Mund-zu-Mund-Beatmungen“ sind den Fachleuten und den Liebhabern des faszinierenden Gestern bekannt – vor allem die Mahler- und Grieg-Einspielungen aus den Jahren 1905 und 1906. die sich pianistisch auf etwas wackeligem Niveau abspielen. Aber sie vermitteln einen liebenswerten Eindruck davon, wie sich die Komponisten ihrem bereits Verfertigten im Studio genähert haben und wie sie bei jenen Schwierigkeiten geschwitzt haben, die sie sich als Autoren selbst gestellt haben.
Von erheblichem Interesse der hier vorliegenden „Welte Mignon Mystery Folge XV“ aber sind die Dokumente mit dem weitgehend vergessenen Pianisten Hans Haass, aber auch die eleganten, zwischen Unverbindlichkeit und freundlicher Akzentsetzung pendelnden Darbietungen Carl Heinrich Reineckes. Mit seinen Schumann-, Mozart- und Beethoven-Interpretationen gibt diese Tacet-Publikation tiefen Einblick in das Schalten und Walten der Künstler vergangener Zeiten. Aus der Sicht eines Carl Heinrich Reineckes wird man nicht annehmen dürfen, er habe diese Aufnahmen für ein kritisches Publikum der nächsten Jahrzehnte, ja Jahrhunderte zum Besten bzw. zum Halbbesten gegeben. Es handelt sich um Momentaufnahmen – aus dem Augenblick geboren, eng verschwistert mit der Aura und dem Renommée eines Musikers, also nicht zu vergleichen mit Schallplatteneinspielungen späterer Zeiten, vor allem in den medialen Perioden nach dem Zweiten Weltkrieg.
Reineckes eigene hier zugänglichen Werke (Gondoliera op. 86,3, Vorspiel zu König Manfred) werden Hörer von heute nicht in Jubel ausbrechen lassen, aber wer immer sich etwas intensiver mit dem reichen Nachlass der Komponisten früherer Zeiten beschäftigt, der wird sich freuen, auch solche Miniaturen, solche Transkriptionen einmal zur Kenntnis nehmen zu können (und wenn Sammelwut vorhanden ist, in sein Register eintragen zu dürfen!).
Peter Cossé (04.03.2010)