Der Tenor spielt in Händels Opern meist nur eine Nebenrolle, die attraktivsten Arien sind Sopranen, Mezzosopranen und Kastraten (heute Countertenören) vorbehalten. In den Oratorien dagegen bediente sich der Komponist häufiger der hohen Männerstimme. Christoph Genz, der sowohl auf der Bühne wie im Konzertsaal oft in Händels Werken aufgetreten ist und eine besondere Neigung zu dessen Musik spürt, sah auf dem mit Händel-Recitals ansonsten gesättigten Schallplattenmarkt einen gewissen Nachholbedarf in Hinblick auf sein Stimmfach und hat nun mit einem repräsentativen Album Abhilfe geschaffen.
Der programmatische Titel Un momento di contento ist zugleich der Beginn einer Arie des Oronte aus Alcina: ein Liebesgeständnis, das Genz als eine Art Vorbote von Mozarts Un’aura amorosa begreift. Aber die Zusammenstellung der Arien, die mit einem Duett aus dem frühen Oratorium L’Allegro, il Pensieroso ed il Moderato abgeschlossen wird, ist keineswegs nur auf lyrische Inbrunst ausgerichtet. Händels Repertoire an Stimmungen und Affekten war bekanntermaßen sehr groß und das gilt auch für seine Tenor-Arien. Und da stößt der musikalisch unbeirrbare, mit einer klangschönen, aber etwas geschlechtsneutralen Evangelisten-Stimme ausgestattete Christoph Genz an Grenzen der Ausdrucksfähigkeit. Samson benötigt eine andere Farbe als Jupiter (Semele), der Schäfer Acis eine andere als der Schurke Massimo (Ezio). Der Sänger bleibt da einiges an Abschattierungen, aber auch an gesanglicher Eloquenz schuldig.
Das ist auch ein Problem der Orchesterbegleitung. In Halle gehen die Uhren offenbar anders als in der übrigen Welt, zumindest wenn es um Georg Friedrich, den großen Sohn der Stadt geht, der freilich als musikalischer Weltbürger seine entscheidende Prägung in Italien und England erfuhr. Man muß nicht einmal den Vergleich mit Gardiner, Minkowski oder Jacobs bemühen, um das Spiel des Händelfestspielorchesters unter dem durchaus sensiblen und musikalisch redlichen David Timm als etwas regionalistisch, um nicht zu sagen hausbacken zu empfinden. Bereits in den 60er Jahren hatte Richard Bonynge einen dramatischeren, rhythmisch pointierteren und beredter phrasierten Händel-Stil etabliert als er hier zu erleben ist.
Ekkehard Pluta (25.08.2008)