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Buchbesprechung

Bärenreiter Verlag
ISBN 3-7618-1596-4 Kassel, 2004

Volker Klotz
Operette. Porträt und Handbuch einer unerhörten Kunst.
Herausgegeben von Ulrich Dibelius

850 S., mit vielen Notenbeispielen und

64,00 €

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3-7618-1596-4

Seit das Operettenhandbuch von Volker Klotz 1991 bei Piper zum erstenmal erschien, hat sich in der Kulturlandschaft etwas, wenn auch nicht viel verändert. Die Operette ist in den seriösen Feuilletons wieder geselllschaftsfähig geworden und die Theaterleute, denen der Autor das Buch gewidmet hat, nehmen – wenn auch noch zögerlich – seine Anregungen auf und riskieren da und dort eine Ausgrabung jenseits des geschäftssicheren Repertoires. Das Operettenhandbuch, zwischenzeitlich auch als preisgünstiges Paperback auf den Markt gebracht, ist ein Standardwerk geworden, gleichermaßen zum Nachschlagen und Schmökern geeignet wie zur gründlichen praktischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung.

Für den Autor war das Ermutigung genug, die Arbeit an dem Thema zu vertiefen und eine erweiterte Neuausgabe herauszubringen, die nun vom Bärenreiter-Verlag besorgt wurde, der auch für Ulrich Schreibers Opernführer für Fortgeschrittene zuständig ist – eine Nachbarschaft, in der sich Klotz nach eigenem Bekunden wohl fühlt. Die bisherige Struktur des Buches wurde beibehalten. Der erste Teil besteht aus 9 gattungsspezifischen Essays, die gegenüber der Erstausgabe nur geringfügig überarbeitet wurden. Klotz hatte ursprünglich daran gedacht, ein zusätzliches Kapitel über die Operettenausflüge „seriöser“ Komponisten anzufügen, doch fand er dann die Beispiele von Mascagni, Puccini, Schostakowitsch und anderen zu wenig signifikant, um der Gattung (und dem Buch) neue Aspekte abzugewinnen.

Im zweiten Teil, der den Komponisten und der Analyse ihrer Werke gewidmet ist, sind dagegen 10 neue Komponisten und 21 neue Titel hinzugekommen. Neuzugänge finden sich vor allem auf dem Gebiet der spanischen Zarzuela, die dem Autor besonders wichtig ist, sowie der französischen Operette, die (mit Ausnahme Offenbachs) auf unseren Bühnen ebenso sträflich vernachlässigt wird wie die opéra-comique, aus der sie hervorgegangen ist. Zu den einschlägigen Größen wie Lecocq, Hervé, Messager, Terrasse und Yvain tritt in der Neufassung der in Kuba geborene, in Madrid verstorbene Moïse Simons, dessen 1934 in Paris uraufgeführte Operette Toi c'est moi das französische Genre mit mittelamerikanischen Rhythmen aufmischt.

Aufschlußreich sind die Ergänzungen auf dem Gebiet der sogenannten „Wiener“ Operette. „Sogenannt“, weil einige ihrer bekanntesten Exponenten (Suppé, Zeller, Lehár, Kálmán, Fall) überhaupt keine Wiener waren. Daß der bedeutende Librettist Richard Genée (Boccacio, Gasparone, Die Fledermaus) selbst auch ein fruchtbarer und zu seiner Zeit erfolgreicher Operettenkomponist war, ist wenig bekannt. Klotz legt den Theatern insbesondere seine in der Ära des Sonnenkönigs spielende Nanon ans Herz. Doch auch der Kroate Sreæko Albini, der eine Zeitlang in Wien lebte und dort vier Operetten komponierte, würde nach Auffassung des Autors eine Wiederentdeckung verdienen, insbesondere sein 1908 in Leipzig uraufgeführter Baron Trenck.

Viele der im Buch beschriebenen Komponisten und Titel kannte auch der Musikfachmann vorher nicht einmal dem Namen nach, doch Klotz betreibt nicht Archäologie, sondern praxisbezogene Wissenschaft. Er theoretisiert nicht, sondern demonstriert am konkreten Beispiel. Eloquent plädiert er für die lebendigen Bühnenenergien in diesen Werken, wobei er rigoros die Beibehaltung der musikalischen Originalfassungen fordert, während er bei den Libretti fallweise Überarbeitungen empfiehlt (er selbst ist in dieser Hinsicht schon zweimal tätig geworden ist, bei Falls Dollarprinzessin und Yvains Là-haut!). Es ist bemerkenswert und eine ganz besondere Qualität dieses Handbuchs, daß die fundierten und sprachlich brillanten Analysen des habilitierten Literaturwissenschaftlers weniger literarischen und dramaturgischen Überlegungen folgen, sondern vor allem aus dem Verständnis der Musik heraus entwickelt werden.

Im Anhang des Buches finden sich etwa 200 „weitere Vorschläge für Spielpläne“ – ein Hinweis darauf, daß auch diese Ausgabe noch nicht das letzte Wort des Autors in Sachen Operette war.

Ekkehard Pluta (5.11.2004)

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