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CD-Besprechung

Walter Braunfels

String Quartets Nos. 1 - 3 & String Quintet

CAvi-music 8553018

2 CD • 2h 14min • 2018-2021

24.11.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Endlich findet der Spätestromantiker Walter Braunfels (1882-1954) die ihm zukommende Anerkennung. Dies ist vorrangig dem Einsatz des bekannten Architekten Stephan Braunfels für das Schaffen des Großvaters zu verdanken. Das Minguet-Quartett bietet jetzt erstmalig das Streichquintett und alle drei Streichquartette des Komponisten auf einem Doppelalbum, das als Co-Produktion mit dem Deutschlandfunk entstand.

Diskriminierter Senkrechtstarter

Als Wunderkind wurde Walter Braunfels bereits früh von seiner Mutter, einer Großnichte Louis Spohrs und Schülerin von Franz Liszt, gefördert. Im Alter von zehn Jahren begann er zu komponieren, wurde mit zwölf am Frankfurter Konservatorium angenommen, setzte seine Klavierstudien später in Wien bei Theodor Leschetitzky fort und kam in München mit hochrangigen künstlerischen Kreisen um Felix Mottl und Stefan George in enge Berührung. Die großen Dirigenten der Zeit – Bruno Walter, Wilhelm Furtwängler, dem er einst die Braut ausspannte, Hans Knappertsbusch – schätzten seine Opern und Orchesterwerke und setzten sich für sie ein. Seine Oper Die Vögel erhielt glänzende Kritiken und wurde als zumindest ebenbürtig mit den Schöpfungen von Richard Strauss und Franz Schreker angesehen.

1932 wurde er auf Betreiben von Konrad Adenauer gemeinsam mit Hermann Abendroth zum Direktor des neugegründeten Kölner Konservatoriums bestellt. Doch folgte mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten der schnelle Absturz. Einerseits hatte Braunfels 1923 das Ansinnen Hitlers, eine Parteihymne für die NSDAP zu komponieren, brüsk abgelehnt; andererseits war sein Vater vom Judentum zum Protestantismus konvertiert, was dem Regime den Vorwand lieferte, ihn als „Halbjuden“ einzustufen, aller Ämter zu entkleiden und ein Aufführungsverbot für seine Werke zu verhängen. Eine Wiederbelebung seiner Kompositionen nach 1945 gestaltete sich schwierig, da seine Tonsprache immer an der Tonalität festhielt, weshalb sie – ähnlich der Franz Schmidts oder Ralph Vaughan Williams‘ und seiner britischen Kollegen – nach 1945 von den Adorno-Jüngern gern als „nicht mehr zeitgemäß“ heruntergeschrieben wurde.

Spätwerk für Streicher

Braunfels‘ Streicherkammermusik entstand in den Jahren zwischen 1944 und 1947. Sie ist emotional teils Trauer um das Verlorene, teils Wut über das Entgangene, darin eine Verwandte der Metamorphosen von Richard Strauss. Klare Tonalität, die durchaus durch Dissonanzen geschärft wird, klare klassizistische Form, die die kompositorische Arbeit im Hören nachvollziehbar macht, da die Themen erinnerbar sind, zeichnen diese wertvollen Werke aus. Wer mit den Quartetten von Claude Debussy und Maurice Ravel keine Probleme hat, sollte den Versuch auf jeden Fall wagen. Eigenartig, dass man das Finale des F-Dur-Quartetts ohne weiteres mit einem folkloristischen Béla Bartók der Zeit um 1915 verwechseln könnte. Das Tarantella-Scherzo des e-Moll-Quartetts lässt an Ottorino Respighi und Alfredo Casella denken. Das Quintett-Andante hat einen kräftigen Schuss Brahms abbekommen.

Interpretation auf Augenhöhe

Das Minguet Quartett hat sich offenbar höchst intensiv mit den Partituren auseinandergesetzt, weiß, wer wann etwas Wichtiges zu sagen hat und realisiert die Strukturen vorbildlich, sodass der aufmerksame Hörer die Verläufe auch ohne Partitur nachvollziehen kann. Dabei findet es zu einem warm-leuchtenden Ensembleklang von makelloser Intonation. Jens-Peter Mainz passt sich als zusätzlicher Cellist im es-Moll-Quintett diesem Klang wunderbar sensibel an und verleiht ihm dadurch zusätzlich sättigende Tiefe.

Das Booklet wartet mit einem exzellenten Kommentar der Braunfels-Spezialistin Ute Jung-Kaiser auf. Der Deutschlandfunk steuerte eine vortreffliche Aufnahmetechnik bei.

Fazit: Häufig etwas schwermütige Musik von großer lyrischer Schönheit, klarer Form und gelegentlich großer Spannung, die sich der Liebhaber von Kammermusik keinesfalls entgehen lassen sollte. Klar empfohlen.

Thomas Baack [24.11.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Walter Braunfels
1Streichquartett Nr. 1 a-Moll op. 60 00:31:32
5Streichquartett Nr. 2 F-Dur op. 61 00:35:13
CD/SACD 2
1Streichquartett Nr. 3 e-Moll op. 67 00:26:33
5Streichquintett fis-Moll op. 63 00:40:05

Interpreten der Einspielung

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