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CD-Besprechung

Johann David Heinichen

Due Cantate al Sepolcro di nostro Signore

cpo 555 507-2

1 CD • 75min • 2021

02.05.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Diese CD hat alles, was das Zuhörerherz begehrt: ein Programm jenseits des Bach-Schütz-Händel-Mainstreams, ein Ensemble, das mit Kennertum und Herzblut agiert, hervorragende Solisten, die wissen, was sie singen – und noch dazu ein Klangbild, das vorbildlich ist hinsichtlich der Ausgewogenheit von Orchestern und Sängern und des natürlichen, nicht zu halligen Raumklangs. Johann David Heinichen (1683-1729), Bach-Zeitgenosse und kurfürstlich-sächsischer Hofkapellmeister, ist vor allem den Kirchenmusikern bekannt, wird aber langsam auch sonst immer bekannter. Nicht zuletzt durch Musiker wie Michael Alexander Willens, der mit zahlreichen CD-Aufnahmen viele barocke Komponisten aus der Unbekanntheit geholt hat.

Paraliturgische Passionsmusik für ein Heiliges Grab

Diese beiden Passionsmusiken sind Werke, die sich in der Passionszeit aufzuführen lohnt, nicht zuletzt auch, weil die Tradition der Aufstellung eines „Heiligen Grabes“ wieder auflebt: Die Erzdiözese München-Freising zählt heuer alleine circa 200 Heilige Gräber in ihrem Bereich, kleine eingeschossige wie große mehrgeschossige, die den ganzen Altarraum ausfüllen wie das in Aschau im Chiemgau. Davor zu musizieren wird immer beliebter, und genau dafür sind die beiden Passionsmusiken, jeweils kleine Spielszenen, von Heinichen geeignet – die italienische Sprache dürfte da auch kein Hindernis sein. Es ist prachtvoll-barocke Musik, die, obwohl operngestisch geprägt, nicht an das „Nur-Opernhafte“ verraten wird, sondern im betrachtenden Passions-Modus bleibt: „Paraliturgische Musik“ nennt es das sehr kundige Booklet.

Meditationsmusik und allegorisches Spiel unter dem Kreuz

Große Abwechslung herrscht in den beiden Werken: Operndramatische und pathosgetränkte Rezitative lösen sich ab mit herzinnigen oder feurigen Arien, Eingangschor oder -Sinfonia und Schlusschöre runden alles ab. Meditationsmusik, in der sich die Gottesmutter Maria, Maria Magdalena und Jesu Lieblingsjünger Johannes unter dem Kreuz unterhalten, worein sich dann auch der Hauptmann mischt, ist Inhalt der ersten Passionsmusik. Ein allegorisches Kampf-Spiel zwischen dem Tod und der Hoffnung, Göttlicher Liebe und Buße ist die zweite Passionsmusik. Dass der Bassist = Tod am Ende wort- bzw. stimmlos bleibt, ist eine deutliche symbolische Hoffnungsbezeugung.

Die Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens für ihr kennerisches barockes Spiel, die gestische Phrasierung und die empathische Sängerbegleitung zu rühmen hieße Eulen nach Athen tragen. Allein wie sie die barocken Pathosformeln in der „Sinfonia“ (Track 19) elegant präsentieren und sich ganz natürlich anverwandeln, ist rühmenswert. Die Rhythmen schwingen und swingen fast.

Exquisite Sängerwahl

Die Sänger bilden eine exquisite Auswahl, für die genaue italienische Diktion ist im Booklet eigens ein Italienisch-Coach angegeben. Der Tenor Mirko Ludwig ist der Idealfall eines „deutschen“ Tenors: Er verfügt über eine leichte und helle Höhe mit Strahlkraft, kraftvolle Artikulation und eine unangestrengt wirkende Voix mixte, also die Kunst des unmerklichen Registerausgleichs. Andreas Wolfs Bass ist so koloraturenwendig wie pathetisch wuchtig und verfügt über ein selten warmes Timbre. Die Sopranistin Elena Harsányi schraubt sich in ihrer mit Flöten garnierten Maria-Magdalena-Arie (Track 4) liebestrunken in die Höhe und jubelt freudig erregt als „Hoffnung“ (Track 27). Als Gottesmutter Maria singt Elvira Bill mit tiefgefühltem Ernst (Track 7) oder in Tränen aufgelöst (Track 11). Sopran und Tenor verschränken sich in Wut und Trost (Track 13). Wunderschön ist die innig-zärtliche Alt-Arie der Göttlichen Liebe (Track 23), in der das besungene Liebesschmachten in dem Hinuntergleiten, ja -sinken der Melodieführung symbolisch hörbar wird. Des Lobens scheint hier kein Ende zu sein, so dass man beinahe selber wie im Schlusschor (Track 18) in das fast masochistisch-gläubige Lob des Kreuzes einstimmen möchte: „...la croce è santa è gloriosa è bella“… - heilig und glorreich und schön wie diese Musik.

Rainer W. Janka [02.05.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann David Heinichen
1Come? S'imbruna il ciel! Occhi piangete 00:38:33
19L' aride tempie ignude 00:36:12

Interpreten der Einspielung

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