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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

renewal

United Strings of Europe

BIS 2549

1 CD/SACD stereo/surround • 69min • 2021

03.04.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

„Renewal“ nennt das von seinem Konzertmeister Julian Azkoul geleitete britische Ensemble United Strings of Europe – lediglich 13 Musiker in teils wechselnder Besetzung umfassend – sein zweites SACD-Programm. Gemeint sind damit Arrangements von Werken, die sich auf den Themenkomplex Trauer und Transformation beziehen. Bis auf eine gewichtige Ausnahme, nämlich eine Streichorchesterversion von Felix Mendelssohn Bartholdys Streichquartett Nr. 6, handelt es sich um Musik aus unserem Jahrtausend.

Suggestivkräftige Reduktion der Besetzung und große klangliche Variabilität

Das abgesehen von Mendelssohns Quartett am größten angelegte Werk sind hierbei die Drei Lieder für Sopran und Streichorchester von Osvaldo Golijov (Jg. 1960). Ursprünglich für Sopran und Orchester komponiert und dabei wiederum auf ältere Vorlagen zurückgehend, hat Golijov diese Lieder selbst für Streichorchester arrangiert, doch anscheinend (so legt es der Begleittext nahe) haben Azkoul und seine Mitstreiter dieses Arrangement wiederum einer Revision unterzogen. Das Resultat übertrifft m.E. das orchestrale Original, weil vieles, das im vollen Orchester manchmal etwas (zu) direkt ausgesprochen wird (die Ursprünge in der Filmmusik sind z.T. recht deutlich zu spüren) durch die Reduktion auf ein kleines Streichorchester gewissermaßen abstrahiert und so letztlich hintergründiger, suggestivkräftiger erscheint. Die United Strings zeigen sich hier glänzend aufgelegt, klanglich sehr variabel und ausgesprochen virtuos. Den Solopart übernimmt die Sopranistin Ruby Hughes mit einer bemerkenswert reinen Stimme und einer empfindsamen, nuancierten Darbietung.

Wirkungsvolle Arrangements von Chorsätzen

Eingerahmt wird die CD durch Arrangements von Chorliedern: zu Beginn In Winter’s House von Joanna Marsh (Jg. 1970), in einem ruhigen 5/4-Takt gehalten und von modaler Harmonik geprägt, und am Ende Caroline Shaws (Jg. 1982) atmosphärisch durchaus verwandte Psalmvertonung and the swallow, die von einem harmonischen Muster durchzogen ist, das eine gewisse Ambiguität zwischen G-Dur und h-moll herstellt. Die Bearbeitungen von Azkoul selbst übertragen den Chorsatz wirkungsvoll und differenziert auf das Streichorchester; das schlanke, Vibrato eher dosiert einsetzende Spiel der United Strings unterstreicht gekonnt die leicht archaische Atmosphäre von In Winter’s House. Caroline Shaws Musik ist außerdem in Form ihres eigenen Arrangements ihres ursprünglich für Streichquartett gesetzten Entr’acte vertreten, eine Art stilisiertes Menuett von gut zehn Minuten Dauer, das aufbauend auf relativ einfach gehaltenen Mustern allerlei Verfremdungseffekte und erweiterte Spieltechniken verwendet, dabei auch Einflüsse von Popularmusik mit einbeziehend.

Mendelssohns Quartett in kammerorchestralem Gewand

All diese Werke sind stilistisch nicht allzu weit voneinander entfernt, und insofern fällt Mendelssohns Sechstes Streichquartett auf diesem Album fast ein wenig aus dem Rahmen. Auf den ersten Blick erscheint Azkouls Argumentation, dass sich dieses Werk wegen seiner kontrastierenden Strukturen und dynamischen Bandbreite besonders gut für ein Arrangement für Streichorchester eigne, durchaus valide, aber völlig überzeugt das Resultat am Ende nicht. Zum einen sorgt das Streichorchester – trotz der kleinen Besetzung – für ein insgesamt homogeneres Klangbild als die solistische Besetzung, was trotz einer sehr engagierten Interpretation (speziell in den schnellen Sätzen, der langsame Satz könnte etwas lyrischer empfunden sein) die Schroffheiten des Originals tendenziell abmildert. Dem Umstand, dass eine Reihe von Passagen (in allen Sätzen) nicht orchestral erfunden sondern eher kadenzartig-figuriert anmuten, trägt Azkoul Rechnung, indem er immer wieder solistische Einschübe der Solovioline oder, auch zwecks klanglicher Differenzierung, der originalen Quartettbesetzung in seine Bearbeitung einbezieht. So klingt das Resultat insgesamt jedoch eigentlich weniger wie eine Streichersinfonie, sondern bekommt fast den Anstrich eines Concerto grosso. Letztlich scheint mir, dass sich Mendelssohns Quartett gerade dadurch auszeichnet, dass es sich um expansiv gedachte Kammermusik handelt, dass hier also Extreme dadurch entstehen, dass vier Instrumente an ihre Grenzen gehen, die kleine Besetzung über sich hinauswächst. Dies aber geht der Version für Streichorchester beinahe notwendigerweise etwas ab. (Einen ähnlichen Gedanken hat Joachim Kaiser vor Jahrzehnten auch einmal in Bezug auf Beethovens Große Fuge formuliert.) In der Summe daher sicherlich hörenswert, aber mit dem Original nicht ganz standhaltend. Die Klangtechnik ist wie üblich bei BIS exzellent. Summa summarum eine CD, die das hohe Niveau des jungen Ensembles trefflich dokumentiert.

Holger Sambale [03.04.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Joanna Marsh
1In Winter's House 00:04:30
Caroline Shaw
2Entr'acte 00:10:40
Osvaldo Golijov
3Night of the Flying Horses 00:08:13
4Lúa descolorida 00:06:21
5How Slow the Wind 00:07:19
Felix Mendelssohn Bartholdy
6Streichquartett Nr. 6 f-Moll op. 80 00:26:29
Caroline Shaw
10and the swallow 00:04:20

Interpreten der Einspielung

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