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CD-Besprechung

Viamarin

Roman Viazovskiy

GWK Records GWK 153

1 CD • 57min • 2021

05.01.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Zwischen 2001 und 2011 hat der in Donezk geborene Gitarrist Roman Viazovskiy drei insgesamt sehr positiv aufgenommene Alben einspielt. Dass es zehn Jahre gedauert hat, bis nun das vierte erscheint, hat einen ernsten Hintergrund: 2011 erkrankte Viazovskiy an Fokaler Dystonie, einer neurologischen Krankheit, die für Musiker oft genug das Ende der Laufbahn bedeutet. Viazovskiy hat nach langen Jahren jedoch einen Weg gefunden, trotz der Krankheit wieder Gitarre spielen zu können, und so ist seine neue CD eine sehr persönliche geworden, auch bezüglich der Auswahl des Repertoires, bei dem es sich in der Mehrzahl um Stücke handelt, die ihn schon lange begleiten.

Interpretationen mit Gespür für Lyrik und feine Nostalgie

Erheblich stärker als bei vielen anderen Instrumenten ist das Gitarrenrepertoire bis auf den heutigen Tag wesentlich von auf dieses Instrument spezialisierten Komponisten, die in der Regel auch selbst konzertieren, geprägt, hier Sergey Rudnev (Jg. 1955), Francis Kleynjans (Jg. 1951), Nuccio D’Angelo (Jg. 1955) sowie Konstantin Vassiliev (Jg. 1970). Auf einer grundsätzlich traditionellen Basis gelangen die Komponisten dabei zu bemerkenswert verschiedenartigen und originellen Lösungen. Rudnevs Arrangement des Volkslieds Die alte Linde malt in zart-melancholischen Tönen das Bild eines um seine Geliebte trauernden Mannes. Dramatisch akzentuiert und im Porträtieren von Anspannung und Unruhe sehr suggestiv ist Kleynjans’ A l’aube du dernier jour, mit Imitationen einer tickenden Uhr in der Attente und einem stetig wiederkehrenden glockenartigen Motiv in A l’aube, bis die Musik mit einem finalen Knall endet. D’Angelos Due canzoni lidie, eher Stimmungsmalereien als unmittelbar liedhaft, sind das wohl bekannteste Werk ihres Schöpfers. Viazovskiy beweist in seinen Interpretationen besonders seine Fähigkeit, die Musik zu gestalten, ihre Charakteristik einzufangen. Speziell die lyrisch-intimen, zurückgenommenen Passagen gelingen ihm vorzüglich. Im Falle der Due canzoni lidie ist Aniello Desiderios Interpretation auf seinem Debütalbum in den einleitenden Flageolettpassagen noch etwas erlesener und im Agitato des zweiten Stücks dringlicher, doch auch Viazovskiy weiß die finale Steigerung bis hin zum tritonusgesättigten Schlussakkord sehr überzeugend zu realisieren, und das von einer pendelnden Bewegung bestimmte Tranquillo bietet er ausgesprochen kantabel und von feiner Nostalgie geprägt dar.

Kluge Disposition großer Zusammenhänge

Aus dem Schaffen des großen Brasilianers Heitor Villa-Lobos (1887–1959) hat Viazovskiy das dritte seiner Fünf Präludien und die letzte seiner Zwölf Etüden (jeweils natürlich Standardwerke des Gitarrenrepertoires) ausgewählt und als eine Art Diptychon kombiniert. Viazovskiys Gespür für Atmosphäre, sein Vermögen, die der Musik innewohnende Lyrik zur Geltung kommen zu lassen bei gleichzeitiger Wahrung des Spannungsbogens kommt im Präludium Nr. 3 eindrucksvoll zur Geltung. Viazovskiy nimmt sich für dieses Stück viel Zeit und kommt auf eine Spieldauer von acht Minuten, wobei er sich Freiheiten in Gestaltung und Agogik nimmt. Die sechs Takte ab Molto adagio e dolorido kommen in diesem Präludium insgesamt viermal vor (zunächst direkt im Anschluss und dann bei der Wiederholung des Stücks). Spielt Viazovskiy die Akkorde am Ende eines jeden Takts zunächst wie notiert, arpeggiert er sie beim zweiten Mal leicht, in der Wiederholung dann immer stärker und versieht sie gewissermaßen mit Fermaten. So gewinnt diese Passage immer mehr an Introspektion, und das Präludium endet in größter Ruhe. Die Pièce en forme de Passacaille (auf der CD nur als Passacaille bezeichnet) des polnisch-französischen Neoklassizisten Alexandre Tansman (1897–1984) ist eine (Wieder-)Entdeckung aus jüngerer Zeit; ein ernstes, gravitätisch schreitendes Stück in e-moll.

Auf jeder seiner bisherigen CDs hat Viazovskiy auch ein Stück seines Studienfreunds Konstantin Vassiliev ersteingespielt, und auch dieses Album endet mit einem Viamarin genannten Triptychon, einer Hommage an den großen französischen Gitarristen-Komponisten Roland Dyens, der 2016 viel zu früh verstarb. Insbesondere blieb sein Vorhaben, für Viazovskiy ein Stück zu komponieren, unausgeführt, und so hat Vassiliev nun ein Stück geschrieben, das den Geist Dyens‘, dessen Musik oft mediterran oder lateinamerikanisch inspiriert ist, atmet. Tatsächlich erinnert das abschließende Sovereign of the Waves zudem deutlich an Abel Carlevaros Tamboriles, das fünfte seiner Preludios Americanos.

Sehr empfehlenswerte Neuerscheinung mit persönlichem Beiheft

Das Beiheft zur CD hat Roman Viazovskiy selbst verfasst; er diskutiert darin weniger die Einzelheiten der hier versammelten Stücke, sondern vielmehr seinen Bezug zu ihnen, die Geschichte, die ihn mit ihnen verbindet; sehr interessant zu lesen und im Kontext dieser CD ungemein passend. Die Klangqualität ist ausgezeichnet; es sei außerdem angemerkt, dass Viazovskiy auf diesem Album (entsprechend der Spezifika der Musik) zwei verschiedene Gitarren verwendet. Eine sehr empfehlenswerte Neuerscheinung.

Holger Sambale [05.01.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Sergey Rudnev
1The Old Lime Tree 00:06:53
Francis Kleynjans
2À l'aube du dernier jour 00:10:45
Alexandre Tansman
4Passacaille 00:07:58
Nuccio Angelo
5Due canzone lidie 00:09:39
Heitor Villa-Lobos
7Preludio Nr. 3 00:08:00
8Preludio Nr. 12 00:02:27
Konstantin Vassiliev
9Viamarin (Hommage à Roland Dyens) 00:11:39

Interpreten der Einspielung

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