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CD-Besprechung

Lost Times

Boulanger • Franck • Saint-Saëns • Debussy

CAvi-music 8553037

1 CD • 60min • 2019

17.09.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

„Lost Times“ lautet der Titel des neuen Albums des jungen Fagottisten Theo Plath gemeinsam mit dem gleichaltrigen Aris Alexander Blettenberg am Klavier, und dies ist in doppelter Hinsicht zu verstehen: einmal geht es um die „verlorenen Zeiten“ der (französischen) Spätromantik und des Impressionismus mit Werken, in denen Rückschau, Erinnerung eine Rolle spielen mögen, andererseits ist diese Epoche auch eine „verlorene“ Zeit für das Fagott als Soloinstrument, denn viel Originalliteratur gibt es hier nicht – die wichtigsten (französischen) Beiträge sind wohl die Sonaten von Saint-Saëns und Koechlin. So hat Theo Plath selbst zur Feder gegriffen und die Violinsonaten von Debussy und César Franck sowie die Drei Stücke für Violoncello und Klavier von Nadia Boulanger für Fagott bearbeitet.

Kantables Spiel und weite melodische Bögen

Am Anfang der CD steht jedoch zunächst als einziges Originalwerk die Fagottsonate G-Dur op. 168 von Camille Saint-Saëns, eine seiner drei späten Holzbläsersonaten aus dem Jahre 1921. Ganz wie Plath im Begleittext diskutiert, stand Saint-Saëns den musikalischen Entwicklungen seiner letzten Lebensjahre ablehnend gegenüber und blieb bis zuletzt seinem eigenen, romantischen Idiom treu. Gleichzeitig kommt in diesen späten Werken der klassizistische Einschlag, den Saint-Saëns’ Musik ohnehin fast immer besitzt, besonders stark zum Tragen, was dann vor dem Hintergrund des sich in den 1920er Jahren entwickelnden Neoklassizismus bei aller traditionellen Ausrichtung schon wieder verblüffend gegenwartsnah wirkt. Plath liefert eine erstklassige Interpretation der Sonate. Besonders hervorheben möchte ich sein extrem kantables Spiel, seinen runden, warmen, weichen Ton, die Fähigkeit, in Bögen zu denken und zu spielen. So gelingt beispielsweise der erste Satz, der sich langsam aufschwingt und entfaltet, um am Ende wieder zur Ruhe zu kommen, exemplarisch, doch auch der sanfte Humor, der den zweiten Satz charakterisiert, wird von Plath sehr subtil, oft anmutig eingefangen.

Herbstlicher Charme

Ursprünglich für Cello geschrieben, funktionieren die Drei Stücke von Nadia Boulanger, die im Übrigen eine der eminentesten Kompositionslehrerinnen des 20. Jahrhunderts war, auch auf dem Fagott vorzüglich. Die schlichten, von herbstlichem, leicht marodem Charme geprägten Melodielinien der ersten beiden Stücke, aber auch der etwas groteske Humor des dritten Stücks lassen sich auf dem Fagott hervorragend abbilden. Vieles überträgt sich hier ganz unmittelbar, doch auch Spezifika wie die Pizzicati in den tiefen Lagen des Cellos (im dritten Stück) lassen sich vom Fagott sehr gut äquivalent (trocken) wiedergeben.

Gut gelungene Bearbeitungen mit lyrischem Fokus

Bemerkenswert gut funktionieren auch die Bearbeitungen der beiden Violinsonaten, wobei hier etwas Differenzierung gefragt ist. Weite Passagen von Debussys Violinsonate klingen auf dem Fagott sehr gut, speziell die lyrischen und gesanglichen bis leicht ab- und hintergründigen Stellen (prächtig getroffen z.B. Expressif et soutenu im Finale, hier ab 2:32) oder manche Details wie die im Beiheft genannte Flatterzunge, die vorzüglich mit den originalen Violintremoli korrespondiert. Anderen Stellen (etwa den Arpeggien zu Beginn des zweiten Satzes) hört man schon eher den geigerischen Ursprung an, und insgesamt betont die Version als Fagottsonate den lyrischen Charakter des Werks, wohingegen sich das Improvisatorische (bzw. improvisiert Wirkende), Kapriziöse, das dem Original innewohnt, nicht zur Gänze in der Fagottversion wiederfindet. Ähnliches gilt für die Bearbeitung der (ohnehin transkriptionserprobten) Franck-Sonate: wiederum ein insgesamt sehr gut geratenes Arrangement, über weite Strecken sogar fast noch überzeugender als die Debussy-Sonate, nur an den dramatischeren, forcierteren Stellen etwa im zweiten Satz oder gegen Ende entfaltet das Original eine noch größere Intensität und Sogwirkung. Dennoch: insgesamt sind Plaths Bearbeitungen ausgesprochen gut gelungen und hörenswert.

Beseeltes Zusammenspiel

Aris Alexander Blettenberg realisiert seinen Klavierpart mit viel Feingefühl, speziell im Zusammenspiel mit Plath. Exemplarisch kann hier das zweite von Boulangers Drei Stücken genant werden, in dem die beiden Interpreten die Kanonstruktur ausgesprochen fein (aufeinander) abgestimmt, differenziert und beseelt zu Gehör bringen. Der Begleittext stammt von Theo Plath selbst und informiert fundiert über Werke und das dieser CD zugrunde liegende Konzept. Insgesamt eine sehr schöne und empfehlenswerte Neuveröffentlichung.

Holger Sambale [17.09.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Camille Saint-Saëns
1Sonate G-Dur op. 168 für Fagott und Klavier 00:12:07
Claude Debussy
4Sonate Nr. 3 g-Moll L 140 für Violine und Klavier 00:13:35
Nadia Boulanger
7Pièce Nr. 1 es-Moll für Violoncello und Klavier 00:02:41
8Pièce Nr. 2 a-Moll für Violoncello und Klavier 00:01:39
9Pièce Nr. 3 cis-Moll für Violoncello und Klavier 00:01:28
César Franck
10Sonate A-Dur für Violine und Klavier 00:27:24

Interpreten der Einspielung

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