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CD-Besprechung

Trio Imàge

Dvořák • Fall • Dyakov

CAvi-music 8553482

1 CD • 71min • 2020

13.01.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Zunächst muss man die Programmgestaltung loben: Das Trio Imàge präsentiert auf dem vorliegenden Album ein nie aus dem Standartrepertoire verschwundenes Hauptwerk eines berühmten Meisters, verhilft der lange vergessenen Arbeit eines Verdrängten zu klingender Existenz, und macht zuletzt mit einem Zeitgenossen bekannt, der aufhorchen lässt. Die dargebotenen Kompositionen lassen sich im weitesten Sinne als „slawisch“ charakterisieren. Allerdings kommt das slawische Idiom auf unterschiedliche Weise in ihnen zum Ausdruck. Jeder Komponist beleuchtet das Thema „Volkston“ (wie Robert Schumann sagen würde) von einem anderen Blickwinkel aus und weiß jeweils etwas anderes dazu zu sagen. In einer solchen Gegenüberstellung wie hier treten die einzelnen Stücke miteinander in Beziehung, scheinen einander gegenseitig zu kommentieren ob ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Slawische Vielfalt

Begonnen wird mit einem Werk, das keiner näheren Vorstellung bedarf: Dass Antonín Dvořáks f-Moll-Trio op. 65 – seit jeher als eines der größten Werke geschätzt, die für Violine, Violoncello und Klavier geschrieben wurden – zu den Lieblingsstücken des Trio Imàge gehört, merkt man der Aufführung durchaus an. Die Musiker kennen sich bestens in der Komposition aus und halten jederzeit die Spannung aufrecht, wobei ihnen ein wacher Sinn für kantablen Vortrag sehr zugute kommt. Als Trio sind sie gut aufeinander abgestimmt. Pavlin Nechev am Klavier lässt Gergana Gergova, Violine, und Thomas Kaufmann, Violoncello, genug Raum, und auch zwischen den Streichern herrscht ein ausgewogenes Verhältnis.

Preisgekrönter Klassizismus

Siegfried Fall, eine Generation jünger als Dvořák, entstammte einer deutschsprachigen, jüdischen Familie aus dem mährischen Olmütz. Während seine Brüder Leo und Richard Fall auf der Operettenbühne und im Schlagergeschäft weltberühmt wurden, widmete sich Siegfried, Schüler Bruchs und Herzogenbergs in Berlin, vorzugsweise der Kammermusik. Der Großteil seiner Werke blieb ungedruckt, jedoch hatte er das Glück, 1899 mit seinem hier eingespielten Klaviertrio a-Moll op. 4 den Mendelssohn-Preis zu gewinnen. Dass seine Lehrer von dem Stück angetan waren, versteht man sofort. Wir haben hier eine handwerklich tadellos gestaltete Abschlussarbeit in den bewährten, klassizistisch stilisierten Formen (Sonate, ABA, Rondo) vor uns, aber wichtiger ist letztlich, dass Fall prägnante Themen eingefallen sind, die ins Ohr gehen, und dass er auch in der Verarbeitung derselben geschickt verfahren ist. So wird etwa im Finalsatz das Refrain-Thema bei jedem neuen Einsatz variiert. Auch Dvořák hat seinen Stil in der Auseinandersetzung mit deutschen und österreichischen Vorbildern, namentlich Schubert und Brahms, herangebildet; bei Fall lässt sich als stilistische Grundlage die Berliner akademische Schule feststellen. Wenn auch der slawische Tonfall in seinem Werk schwächer ausgeprägt erscheint als bei Dvořák, so ist er doch nicht zu verkennen. Das Gesangsthema des Kopfsatzes und das zweite Thema des Rondo-Refrains zeigen, dass sich Fall auch unter deutschen Konservatoristen seiner Heimat bewusst blieb. Die Qualität der Aufführung reicht nicht ganz an die großartige Darbietung des Dvořák-Trios heran (der Mittelteil des Finales wirkt zu Beginn rhythmisch etwas unsicher), doch kann man im Großen und Ganzen sagen, dass die Aufnahme des Trio Imàge die Lebensfähigkeit der Musik Falls, der mehr als vier Jahrzehnte nach Komposition seines op. 4 dem Wüten der Nationalsozialisten zum Opfer fiel, deutlich unter Beweis stellt.

Frische Luft, weite Sicht

Verlief das Programm der CD bislang im späten 19. Jahrhundert und in Tschechien, mit stilistischen und geographischen Abstechern nach Deutschland, so erweitert sich durch das Schlussstück die Reiseroute beträchtlich, denn Perperikoana (der Titel bezieht sich auf das alte thrakische Orpheus-Heiligtum Perperikon im Rhodopen-Gebirge) stammt von dem 1976 geborenen bulgarischen Komponisten Marek Dyakov. Zeigten Fall und Dvořák, wie der slawische Ton sich mit den Formen deutscher Klassiker verknüpfte, so schaut Dyakov nach Osten, mit in sich kreisender Melodik die Nähe balkanischer Musik zur vorderasiatischen betonend, – und weit nach Westen, denn es tauchen Harmonien auf, die deutlich an Jazz anklingen. In dem ruhigen Stück verschaffen kleine Gesten den Eindruck frischer Luft und weiter Sicht. Eine zauberhaft atmosphärische Miniatur ist Marek Dyakov hier gelungen! Bei Perperikoana handelt es sich um einen Satz aus dem vierteiligen Werk Alte bulgarische Legenden, das dem Trio Imàge gewidmet ist. Dass die Musiker nicht den kompletten Zyklus eingespielt haben, dürfte nur der zeitlichen Beschränkung durch die CD geschuldet sein. Sie sollten es nachholen. Wenn die übrigen drei Sätze halten, was dieser verspricht, steht uns die Bekanntschaft mit einem prächtigen Kammermusikwerk bevor.

Norbert Florian Schuck [13.01.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Antonín Dvořák
1Klaviertrio Nr. 3 f-Moll op. 65 00:39:02
Siegfried Fall
5Klaviertrio 00:25:30
Marek Dyakov
8Perperikoana (aus: Alte bulgarische Legenden) 00:06:27

Interpreten der Einspielung

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