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CD-Besprechung

Carl Reinecke

Orchestral Works Vol. 1

cpo 555 114-2

1 CD • 81min • 2014, 2013, 2016

29.07.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Carl Reinecke, der verehrungsvoll zu beiden aufblickende Freund Mendelssohns und Schumanns, langjährige Leipziger Gewandhaus-Kapellmeister und Konservatoriumsprofessor, hat in seinem 288 Opuszahlen umfassenden Schaffen der Orchestermusik einen bedeutenden Stellenwert eingeräumt. Das Ansinnen von cpo – Reinecke seit jeher wohlgesonnen –, nun eine Reihe von Einspielungen seiner Orchesterwerke vorzulegen, ist deshalb zu begrüßen. Henry Raudales an der Spitze des Münchner Rundfunkorchesters lässt allerdings die Frage aufkommen, ob mit seinen Interpretationen den Kompositionen wirklich der bestmögliche Dienst erwiesen wird.

Raudales, der seine Musikerlaufbahn als Geiger begann und sich in der Romanze aus der Oper König Manfred auch als solcher hören lässt, ist insofern ein ordentlicher Kapellmeister, als dass er sich darauf versteht, den Klangkörper zusammenzuhalten, bei Bedarf einzelne Instrumentengruppen hervortreten zu lassen und dynamische Abstufungen herauszuarbeiten. Vom rein technischen Standpunkt aus betrachtet kann man die Darbietungen als gut einstudiert bezeichnen. Wenn in den raschen Sätzen Passagen mit vielen kurzen Notenwerten zu hören sind, meint man zu spüren, wie stolz der Dirigent auf das Orchester ist, dass es in so hohem Tempo so sicher seine Arbeit bewältigen kann. In der Tat: Das Münchner Rundfunkorchester spielt wie frisch geölt. Das mag nicht von Nachteil sein, wenn man ein solch umfangreiches Programm unbedingt auf eine CD bringen möchte. Dass aber gerade in den Schlussabschnitten der beiden Symphonien, und besonders des die Platte beschließenden Deutschen Triumph-Marsches, der Eindruck entsteht, dass der Dirigent möglichst rasch zum Schluss kommen wollte, ist gewiss kein Vorteil. Wäre es nicht besser gewesen, hätte man sich eines der kürzeren Stücke für die zweite Folge aufgehoben, und dafür den anderen Werken mehr Luft zum Atmen gelassen?

Verschiedene Interpretationasansätze

Verständlicherweise wurde die Dritte Symphonie an den Beginn des Programms gestellt, packt sie doch den Hörer sofort mit ihrem markanten Anfangsmotiv, um ihn in ein heftig bewegtes Geschehen hineinzuziehen. Ich empfehle, diesen Anfang in Raudales' Darbietung zu hören, und ihn mit der Aufnahme Heribert Beissels (Signum/Christophorus) zu vergleichen: Während Raudales ganz auf Geschwindigkeit und zackig-brillantes Spiel setzt, widmet Beissel der Phrasierung der Melodielinien größere Aufmerksamkeit, lässt das Orchester besser mit seinen Kräften haushalten und entwickelt Steigerungen sorgfältiger, mit dem Ergebnis, dass die Musik unter ihm deutlich spannungsvoller klingt als unter dem schnelleren Raudales. Dessen Schwächen zeigen sich namentlich im Finale des Werkes, das bei Beissel echte Monumentalität entfaltet, Raudales aber vor allem deswegen nur zu lärmendem Bombast gerät, da er die Blechbläser im Forte wahrscheinlich bewusst nicht im Zaum hält. Auch in den übrigen Stücken der CD fällt das Blech immer wieder durch brutale Einsätze auf, bei denen anstatt gut akzentuierter Phrasen eine Reihe herausgestoßener Einzeltöne zu hören sind.

Interessanterweise macht cpo mit der Einspielung der Ersten Symphonie einer Aufnahme aus dem eigenen Hause Konkurrenz, in der Johannes Moesus das Berner Symphonie-Orchester dirigiert (gekoppelt mit dem Violinkonzert). Beide Aufführungen sind zwar fast gleich lang, unterscheiden sich aber stark voneinander. So lässt sich Raudales im langsamen Satz mehr Zeit, ist aber in den raschen Sätzen schneller als Moesus, und nutzt hier die Gelegenheit, seine Musiker zu virtuosen Leistungen anzutreiben. Moesus jedoch durchdringt die Partitur intensiver, lässt die kontrapunktischen und instrumentatorischen Feinheiten besser zur Geltung kommen, und sorgt somit dafür, dass dieses Werk, das ich nicht nur zu Reineckes hervorragendsten Leistungen, sondern auch zu den großen unter den „kleinen“ Symphonien des 19. Jahrhunderts zählen möchte, in der älteren cpo-Einspielung einen günstigeren Eindruck hinterlässt.

Ein Beiheft in guter cpo-Tradition, das ausführlich über Entstehung und Rezeption der Werke berichtet, ist ein Pluspunkt der vorliegenden Produktion.

Norbert Florian Schuck [29.07.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Carl Reinecke
1Sinfonie Nr. 3 g-Moll op. 227 00:32:23
5König Manfred op. 93 00:09:45
6König Manfred op. 93 00:03:45
7König Manfred op. 93 00:05:43
8Sinfonie Nr. 1 A-Dur op. 79 00:25:29
12Triumphmarsch op. 110 00:03:41

Interpreten der Einspielung

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