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CD-Besprechung

Postcards from Oslo

Music for solo double bass

Prima Facie PFCD071

1 CD • 63min • 2016

03.08.2018

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Wenn die Bässe schweigen, geht nichts mehr, das konstatierte Patrick Süßkind in seinem Einakter „Der Kontrabass“. Beklagt wird in diesem Stück, dass dieses große Instrument trotzdem selten eine Hauptrolle auf der musikalischen Bühne spielt. Bassisten sind üblicherweise ein „Teil des Ganzen“, ein unauffälliger Lieferant für den großen Zusammenhalt, die Hintergrundfarben im Klangbildes und selten im großen Rampenlicht. Aber dieses Klischee mischen Bassisten von heute gehörig auf: Als kreative Solisten und spielfreudige Querdenker, die alle nur erdenklichen expressiven Register auf ihren mächtigen Instrumenten ziehen. In dieser Hinsicht ist auch der Norweger Dan Styffe auf seiner CD „Postcards from Oslo“ sich selbst und seinem fast 500 Jahre (!) alten Kontrabass genug. Emanzipierte Bass-Solisten von heute sind anscheinend gut miteinander vernetzt – und sie schreiben sich gegenseitig Stücke auf den Leib. In dieser Hinsicht präsentieren Dan Styffes „Postcards from Oslo“ vielgestaltige Ansätze, was alles auf den mächtien Seiten geht – welche perkussiven, gezupften aber auch gestrichenen Techniken für spannende Effekte gut sind, wie sehr Töne im tiefsten Keller des Spektrums mit hohem singenden Spiel in höchsten Daumenlagen und sirrenden Flagoletts in Einklang stehen können. Vor allem: Die meist kurzen, skizzenartigen Stücke lassen Effekthascherei weit hinter sich. Bei aller manchmal akrobatischen Instrumentenbeherrschung bleibt doch die schlüssige Botschaft im Zentrum und Dan Styffe bietet dafür eine riesige gestalterische und vor allem klangliche Fantasie auf!

Reflections und Polar Lights nannte der spanische Bassist und Komponist Simón Garcia seinen instrumentalen Monolog. Weitgespannte Arpeggien eröffnen einen gesanglichen Bogen, der sich oft auch mehrstimmig ausbreitet. Schon im nächsten Moment evozieren leise dahin getupfte Pizzicati berührende Intimität. Sichtlich Spaß scheint Dan Styffe auch zu haben, wenn er den dicken Stahlsaiten in Quartenstimmung so manche rockige Textur entlockt. In John Alexanders The Intelligent Hand arbeitet er sich betont lyrisch an dynamischen Kontrasten aus Nähe und Ferne ab. Ebenso macht Dan`s Ballade aus der Feder von Teppo Hauta-aho den Kontrabass und seinen Spieler zum beredten Solodarsteller mit endlosen rhetorischen Möglichkeiten. Zum imaginären mystischen Hör-Theater lädt dieses Spiel Sadie Harrisons Hällristningsomrädet ein – es geht hier um das „Landschafts-Soundscape“ eine entlegenden Höhlenlandschaft an der Küste Südschwedens..

Wer beim Stück Coltrane eine unmittelbare Jazz-Einlage vermutet, liegt falsch – Steve Plys gleichnamiges Stück ist eher eine durchkomponierte Abstraktion von Jazz-Idiomen und ebenso eine Liebeserklärung an Dan Styffes Instrument. Überhaupt nochmal dazu: Dieses erblickte im Jahr 1580 in Brescia das Licht der Welt. Sein Holz stammt sogar aus dem Jahr 1536. Es ist von seinem Volumen her größer als die heute üblichen Instrumente. Die auf diesem Tonträger eingefangene Klangfülle ist allein deswegen schon mächtig genug. Für jeden Besitzer von großen Standboxen sollte diese CD ohnehin ein Pflichtkauf sein...

Abgerundet wird Dan Styffes bemerkenswerter Bogen durch zwei zyklische, aber sich ebenfalls sehr frei assoziativ gebärdende Kompositionen von Bernard Salles und Marcus Paus. Und gar nicht „älter“ oder „vergangen“ wirkt das Finale: Les Voix Humaines aus der Feder des barocken französischen Gambenspielers Marin Marais greift den getragenen Gestus einer Sarabande auf und stellt ein choralartiges Thema wie eine Art Fazit ans Ende dieses Programms. Dan Styffes aufregende Klangsphären, welche vor allem aus einer raffinierten Dosierung von Obertöne schöpfen, machen auch dieses Stück zu etwas ganz Gegenwärtigem.

Stefan Pieper [03.08.2018]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Simón García
1Reflections 00:03:45
2Polar Lights 00:02:15
John Alexander
3The Intelligent Hand 00:05:42
Teppo Hauta-aho
4Dan's Ballade 00:06:26
Sadie Harrison
5Hällristningsomradet 00:09:35
Terje Viken
95 Pieces 00:11:29
Steve Plews
14Coltrane 00:04:19
Bernard Salles
15Sonata for Bass Solo 00:07:19
Marcus Paus
18Sonatina for Solo Bass 00:07:12
Marin Marais
21Les voix humaines 00:04:34

Interpreten der Einspielung

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