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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Christian Erny

plays Arthur Lourié piano works

Ars Produktion ARS 38 248

1 CD/SACD stereo/surround • 54min • 2018

05.06.2018

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Das Leben des russischen Komponisten Arthur Lourié verlief alles andere als geradlinig. Als herausragender Vertreter des musikalischen Futurismus wurde er nach der Oktoberrevolution zu einem einflussreichen Kulturpolitiker, verließ jedoch, als seine Ideen in der Sowjetunion zunehmend auf Widerstand stießen, 30-jährig seine Heimat für immer, um als Assistent Igor Strawinskijs in Paris Fuß zu fassen. Nach jahrelanger Zusammenarbeit, die nicht nur in Louriés Schaffen Spuren hinterließ, gingen beide Komponisten Ende der 30er Jahre im Streit auseinander. War Lourié bis zu dieser Zeit ein durchaus angesehener Tonsetzer – Mengelberg, Stokowski, Ansermet und Furtwängler hatten seine Werke dirigiert –, so musste er in Amerika, wohin er nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geflohen war, erleben, wie das Interesse an seinem Schaffen deutlich nachließ. Er starb wenig beachtet 1966 in Princeton.

Aus dem Klavierwerk Louriés, das sämtlich aus seinen Jahren in Russland und Paris datiert, hat der Schweizer Pianist Christian Erny eine Auswahl zusammengestellt, die er bewusst nicht chronologisch geordnet hat, um, wie er im selbstverfassten Einführungstext schreibt, „den Zuhörer [..] mit abrupten stilistischen Wechseln“ konfrontieren, „die ihm immer wieder neue musikalische Szenen eröffnen.“ Lourié zeigt sich in den meisten der hier eingespielten Stücke als impressionistischer Künstler. Ein fein ausgeprägter Sinn für Klangfarben verbindet sich bei ihm mit einer Freude an Harmonien und Harmoniefortschreitungen abseits überkommener Konventionen und lässt seine Musik immer wieder zu bezaubernden Momenten gelangen – etwa das offene Ende des die CD beschließenden Lullaby aus den Scenes of a Russian Childhood. Der Titel seines 1908 entstandenen op.  1, Préludes fragiles, charakterisiert glücklich die Beschaffenheit nicht nur dieser Sammlung. Der Komponist huldigt der zerbrechlichen Schönheit des Augenblicks, den er nach seinem Entschwinden durch Wiederholungen und kleine Veränderungen neu einzufangen sucht, was ihm innerhalb der kleinen Dimensionen der Stücke auch wunderbar gelingt. Die „zerbrechlichen Präludien“ sind keine stringenten Präludien, keine Musik der zielstrebig durchgeführten Handlung – und sollen es auch nicht sein. Problematisch wird die hier angewandte Kompositionsweise allerdings, wenn sie über längere Verläufe tragen soll, wie im Intermezzo und im Nocturne von 1928, beide rund neun Minuten lang. Gewiss gibt es motivische Verknüpfungen, seine Klangphantasie lässt Lourié auch hier nicht im Stich, doch mangelt es an einer gerichteten Aktivität, die zwischen den einzelnen Abschnitten echten Zusammenhang stiften würde. Christian Erny macht das Beste daraus und präsentiert beide Stücke, als würden sie sich als Improvisationen spontan und frei assoziativ unter seinen Händen entspinnen. Die Sicherheit des Pianisten in der freien Handhabung des Tempos und im Auskosten der klanglichen Reize dieser Musik kommt noch mehr den kleinen Stücken zugute. In den stark von Debussy beeinflussten Deux Estampes op.  2 gibt Erny jeder der zahlreichen kleinen Gesten, aus denen die Kompositionen bestehen, ein persönliches Profil, so dass eine Folge angenehmer Überraschungen entsteht.

Lourié hatte aber noch eine andere Seite, die in den drei tänzerischen Stücken – einem Walzer, einer Gigue und einer dreiminütigen Suite in vier Sätzen, alle 1926/27 entstanden – zum Ausdruck kommt. Der Walzer gehört in die Tradition russischer Moll-Walzer und kann sich durchaus neben entsprechenden Stücken von Schostakowitsch und Chatschaturjan hören lassen. Wieder beeindruckt die klangliche Gestaltung, die Erny Gelegenheit gibt, meisterlich den Gegensatz zwischen elegant artikulierter Melodie und grobschlächtig-tapsigen Bässen vorzuführen. Wer in dem mit „Gigue“ betitelten Stück ein barockisierendes Suitensätzchen erwartet, wird enttäuscht werden, denn es handelt sich um einen entfesselten, metrisch intrikaten, slawischen Tanz, dessen Schwung im Konzertsaal nicht ohne Wirkung bleiben dürfte. Es handelt sich um die einzige Komposition der CD, die sich demonstrativ virtuos gibt, und auch ihr wird Christian Erny vollauf gerecht.

Louriés Musik hat in diesem ausgezeichneten Pianisten einen idealen Interpreten gefunden. Auf weitere Aufnahmen Ernys darf man angesichts der vorliegenden Produktion durchaus gespannt sein, zumal der Pianist, der übrigens auch als Chorleiter tätig ist, sich im Beiheft zu der Pflicht bekennt, „den bis anhin noch wenig oder gar nicht eingespielten Schätzen Gehör zu verschaffen“.

Norbert Florian Schuck [05.06.2018]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Arthur Vincent Lourié
15 Preludes fragiles op. 1 00:11:39
6Valse 00:03:55
7Crépuscule d'un faune op. 2 Nr. 1 (Estampe) 00:05:32
8"... Les parfums, les couleurs et les sons se répondent" op. 2 Nr. 2 (Estampe) 00:04:35
9Intermezzo 00:09:03
10Petite Suite en Fa 00:02:59
11Gigue 00:04:26
12Nocturne 00:08:47
13Lullaby 00:02:27

Interpreten der Einspielung

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