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CD-Besprechung

rétrospective

Zeitgenössische österreichische Chormusik

Edition Ö1 3221

1 CD • 70min • 2017

30.04.2018

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Mit dieser CD hat der ORF dem österreichischen Komponisten Wolfgang Sauseng zum 60. Geburtstag ein wirklich generöses Geschenk gemacht. Sieben ausgewählte Chorwerke sind zusammengespannt mit Werken seines Lehrers Anton Heiller (1923–1979) und seines Schülers Florian Maierl (Jg. 1985). Das Resultat ist eine hervorragende Schau über die moderne Chormusik in Österreich. Und die kann sich hören lassen. Das Booklet ist sehr informativ und teilt alles Wichtige mit: Künstlerbiografien und Werkbeschreibungen.

Die Kompositionen von Sauseng orientieren sich nicht nur eng am verwendeten Text, sie integrieren ihn selber beinahe als Wortklang, ja Wortmusik, noch stärker, wenn der Sprecher Cornelius Obonya dazukommt und in Wo wohnt die Seele? (Text: Erich Rentrow) zu dem Sprechgesanggewirr eindringlich-insistierend raunt und fragt. In Mondgott nach Worten ebenfalls von Rentrow flehen die fehlgeleiteten Menschen sogar mit einer kleinen ironisch gemeinten Fuge zum Mond, was am Ende mit einem kleinen Chorquiekser quittiert wird. Der Männerstimmenchorklang in An den Wasserflüssen Babylons klagt und weint schmerzvoll und betont die Herbheit des alten Gesangbuchtextes aus dem Jahre 1545, selbst die Dissonanzen klingen kraftvoll im Psalm 131. Im Gedicht De Visione Duodecima der Hildegard von Bingen entfaltet sich aus der Anfangsgregorianik eine faszinierende Klangvielfalt verschiedenster tönender Farben, das hat etwas von glühender, kreisender Sternenmystik.

Als wesentlich herber und schroffer erweisen sich die Werke von Anton Heiller. In dem Marien-Hymnus Memorare nähert sich die Harmonik der Zwölftonigkeit, bleibt aber sehr farbig, wie auch in der Motette Nicht Knechte, sondern meine Freunde nenne ich euch. Das Schloss in Österreich für Männerchor ist eine todtraurige und sehr komplexe Chorballade, der Chorus Viennensis, der aus ehemaligen Wiener Sängerknaben besteht, meistert dieses schwierige Werk sicher und kraftvoll, aber es fehlt ihm bei aller Geschlossenheit noch ein bisschen Obertonglanz.

Genauso wie dem coro siamo (beide werden von Florian Maierl geleitet), der gleichwohl die überaus komplizierten polyphonen und kontrapunktgespickten Strukturen der Messe für fünfstimmigen Chor von Florian Maierl sehr transparent verfolgt und freilegt. Maierl hat sich hier an der flämischen Kontrapunktik etwa eines Ockegham oder Desprez ausgerichtet. So verwendet er im Kyrie einen Spiralkanon, im Credo einen Spiegelkanon, im Sanctus gar einen 20-fachen Kanon und im Agnus Die einen Proportionskanon, ein Kanon, in dem die Stimmen mit gleicher Melodie, aber unterschiedlichen Proportionen, somit unterschiedlichen Tempi, simultan bei Befolgung sämtlicher kontrapunktischer Regeln fortgeführt werden: klingende Mathematik.

Auch das Nachtlied für gemischten Chor und Männerchor ist eine kompositionstechnisches Gustostückerl, es benützt gleichsam nur die weißen Klaviertasten, orientiert sich klanglich ein wenig an Max Reger und hört sich ähnlich klangsatt an. Hier laufen beide Chöre zur klanglichen Höchstform auf.

Rainer W. Janka [30.04.2018]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Anton Heiller
1Nörgeln 00:00:45
2Memorare 00:04:50
3Das Schloß in Österreich 00:03:42
4Heidi pupeidi 00:01:39
5Nicht Knechte, sondern meine Freunde nenne ich euch 00:03:20
Wolfgang Sauseng
6Altindisches Gebet 00:02:15
7Psalm 131 00:04:05
8An den Wasserflüssen Babylon 00:06:19
9Wo wohnt die Seele 00:05:31
10Mondgott 00:07:04
11rétrospective 00:03:49
12De Visione Duodecima 00:05:37
Florian Maierl
13Kyrie 00:03:34
14Credo 00:04:49
15Sanctus 00:03:08
16Agnus Dei 00:02:45
17Nachtlied 00:04:41

Interpreten der Einspielung

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