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CD-Besprechung

Albert Lortzing: Regina (Oper in drei Akten)

cpo 2 CD 777 710-2

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 30.08.13

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cpo 777 710-2

2 CD • 2h 17min • 2011

Nein, von gemütlichem Biedermeier, das man gemeinhin mit Lortzings Spielopern assoziiert, kann in seiner Regina nicht die Rede sein! Wenn der Vorhang aufgeht, sieht man rauchende Fabrikschlote und eine Gruppe aufgebrachter Arbeiter, die im Chor brüllen: „Beschlossen ist’s. Zu Ende sei die Knechtschaft und die Tyrannei! Wir werden Recht uns bald verschaffen, sei’s nicht mit Worten, sei’s mit Waffen!“ Zwar gelingt es dem Geschäftsführer Richard, den Aufruhr einzudämmen, doch bald nehmen die revolutionären Umtriebe ihren Lauf. Der Werkmeister Stephan, der die Fabrikantentochter Regina liebt und von ihr zurückgewiesen wird, verbündet sich mit den Freischärlern, die Simons Fabrik überfallen. Stephan entführt Regina und droht am Ende des 3. Aktes, von den Verfolgern in die Enge getrieben, ein Munitionsdepot in die Luft zu sprengen. Bevor er dazu kommt, wird er von Regina erschossen. Die Oper endet mit einem Freiheits-Hymnus „Auf, Vaterland, voran!“

Wer in diesem vom Komponisten selbst verfassten Libretto seinen vertrauten Lortzing nicht wiedererkennt, muss wissen, dass die Oper im deutschen Revolutionsjahr 1848 entstanden ist. Lortzing war ein enger Freund des Paulskirchen-Abgeordneten Robert Blum, mit dem er zuvor ein gemeinsames Opernprojekt geplant hatte, das nicht durch die Zensur kam. Er stand auf der Seite der Freiheitskämpfer, war aber angewidert von dem sich im Verlaufe der Ereignisse immer mehr breit machenden Mob, der es nicht auf Freiheit, sondern auf Zerstörung abgesehen hatte. Dieser Konflikt zwischen gemäßigten und radikalen Linken wird in der Oper thematisiert. Die Revolution scheiterte bekanntlich, Blum wurde erschossen und die Oper Regina verboten. Erst 1899 gab es an der Berliner Hofoper eine Uraufführung in einer völlig entstellenden Fassung, die das Stück in die Zeit der Befreiungskriege gegen die Franzosen verlegte. In der DDR wurde es ein halbes Jahrhundert später unter anderen Vorzeichen ideologisch vereinnahmt.

Erst eine quellenkritische Ausgabe der Partitur, die der italienische Verlag Ricordi erstellt hatte, ebnete den Weg für eine angemessene Wiedergabe. Ob die in der ultimativen, von Peter Konwitschny inszenierten Uraufführung in Gelsenkirchen (1998) erreicht wurde, blieb fraglich. Nur wenige Bühnen haben sich danach an das Stück herangetraut.

Die konzertante Aufführung des Bayerischen Rundfunks, die cpo jetzt als CD vorlegt, könnte neue Versuche inspirieren. Denn man hört bald: das ist nicht nur ein spannendes Libretto, sondern Lortzing ist auch musikalisch über sich selbst hinausgewachsen. Zwar kann man ihn nicht innovativ nennen, doch er geht entschlossen den Weg weiter, den Beethoven und Weber gewiesen haben. Es fehlt auch hier nicht an eingängigen Melodien, aber im Orchester gibt es dem Sujet entsprechend ganz neue, düstere Töne. Die Protagonisten haben kaum Arien zu singen, die Ensembles dominieren, der Chor spielt eine zentrale Rolle, und in drei großen Finali von jeweils 20 Minuten kulminieren die dramatischen Ereignisse eines jeden Aktes.

Der Wiedergabe fehlt vielleicht der letzte instrumentale Schliff, aber insgesamt hält Ulf Schirmer am Pult des Münchner Rundfunkorchesters eine geschickte Balance zwischen Spielopernton und dem Pathos der großen romantischen Oper. Johanna Stojkovic trifft die resolut-kämpferische Seite der Regina besser als den innigen Agathen-Ton (den die Partie an einigen Stellen auch fordert). Daniel Kirch klingt etwas angestrengt in der Rolle des Richard, die wohl nach einem schwereren Tenor-Kaliber verlangt. Der beste Sänger im Ensemble ist der Bariton Detlef Roth, dessen helle lyrische Stimme aber der Bösartigkeit des wilden Stephan nicht entspricht.

Trotz dieser kritischen Einschränkungen kann ich für diese Ersteinspielung der authentischen Fassung eine klare Empfehlung aussprechen. Man kennt Lortzing nicht wirklich, wenn man Regina nicht kennt. Und man wird aus der Kenntnis dieses Stückes die vorausgegangenen populären Werke mit anderen Augen sehen und anderen Ohren hören.

Ekkehard Pluta [30.08.2013]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 A. Lortzing Regina (Oper in drei Akten)

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Johanna Stojkovic Regina, Tochter des Fabrikbesitzers Simon - Sopran
Theresa Holzhauser Beate, Bedienstete bei Simon - Mezzosopran
Jean Broekhuizen Barbara, Kilians Mutter - Mezzosopran
Daniel Kirch Richard, Geschäftsführer bei Simon - Tenor
Ralf Simon Kilian, Bediensteter bei Simon - Tenor
Detlef Roth Stephan, Werkmeister bei Simon - Bariton
Peter Schöne Wolfgang, Anführer einer Freischar - Bariton
Albert Pesendorfer Simon, Fabrikbesitzer - Baß
Prager Philharmonischer Chor Chor
Münchner Rundfunkorchester Orchester
Ulf Schirmer Dirigent
 
777 710-2;0761203771028

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