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CD-Besprechung

F. Liszt

hänssler CLASSIC 3 CD 98.627

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 12.10.11

Klassik Heute
Empfehlung

hänssler CLASSIC 98.627

3 CD • 3h 07min • 2009, 2010

Die Années de pèlerinage zählen zwar gemeinhin zu Liszts bedeutenden Werken, werden aber gleichzeitig vom Nebel des Halbwissens umwabert. Selbst in Pianistenkreisen kennt man oft nur Vallée d'Obermann, die Petrarca-Sonette, die Dante-Sonate, Venezia e Napoli und die Jeux d'eau à la Villa d'Este. Den Zyklus als Ganzes aber haben nur wenige so ernst genommen, um ihn vollstäändig zu durchwandern, was neben Können und Geduld auch eine gewisse Spiritualität voraussetzt. Denn schon im ersten Band zeichnen sich Liszts Versuche ab, das geistig Wesenhafte hinter den Naturerscheinungen einzufangen, was sich im weiteren Verlauf steigern wird zu Reflexionen über die menschliche Natur aus der Perspektive der italienischen Renaissance (Band 2) bis hin zu meditativen Betrachtungen über Religion und Tod (Band 3). Zugegeben: die 26 Stücke stehen nicht alle auf demselben Niveau. Manches ist zu lang geraten, gewisse Effekte wiederholen sich, da und dort konnte Liszt seiner Neigung zu melodramatischen Überhöhungen nicht widerstehen. Durchdringt man aber diese Schleier, so schält sich der ernsthafte Kern heraus, der den „Pilgerjahren" die Tiefe und den Rang eines epochalen Werks verleiht. Es bedarf allerdings einer interpretatorischen Meisterleistung, um diese Ebene durch alle drei Bände hindurch zu vermitteln, und auch dann noch eines sicheren Gespürs seitens des Hörers um die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit, denn Liszts Intensität benötigt einen wachen Kopf und frische Ohren.

Anlässlich des Liszt-Jahres wurde die magere Zahl von Gesamteinspielungen bereits um die ein oder andere Version bereichert, welche allerdings eher Rückschlüsse über das Ego des Ausführenden zuließ als über den Reichtum der Komposition. Die Interpretation von Julian Gorus ist daher ein echtes Geschenk, denn Gorus hat ein erstaunliches Gespür für Liszts humanistisches Anliegen und stellt seine Fähigkeiten uneitel in dessen Dienst. Das Resultat ist eine wahre Bereicherung des Katalogs: endlich kommt jemand, dessen Virtuosität auch anschmiegsam sein kann und der verstanden hat, dass „fortissimo" keineswegs ein Freibrief zum Herumdonnern ist; jemand, der die Macht des Sanften kennt und daher alle dynamischen Steigerungen konsequent aus der Ruhe beginnt, wodurch die Kraftlinien viel organischer zum Ziel laufen und den Zuhörer stets aufs Neue packen können; kurzum: ein Pianist mit viel Fantasie, der in allen Bereichen ebenso sensibel wie energisch zu agieren versteht.

Diese Eigenschaften ermöglichen Gorus eine enorme Bandbreite der Gestaltung, durch die er ganz besonders die ersten beiden Bände in der überbordenden Vielseitigkeit darstellen kann, in deren Geist sie geschrieben sind. Kaum zu übertreffen dürfte dabei seine Darstellung von Venezia e Napoli sein: so butterweich servierte Läufe habe ich in der Gondoliera noch nicht gehört, während die Tarantella rhythmisch messerscharf ist und dennoch ihren Bezug zum körperlich empfundenen, tänzerischen Wirbeln nie verliert. Ebenfalls herausragend: Au bord d'une source mit wunderbarem dolcissimo; Orage, worin Gorus uns die Oktaven lustvoll und nicht wutentbrannt um die Ohren haut; die eingangs erwähnten Jeux d'eau à la Villa d'Este, deren biblische Symbolik von Wasser als Spender ewigen Lebens hier völlig glaubhaft wird, und – welch Kontrast – die komponierte Bewusstseinserweiterung der zweiten Threnodie.

Diese vollkommenen Momente wiegen auch einige Passagen auf, die etwas vermissen lassen: wenn sich die Musik etwa kaum bewegt und in steckengebliebener Spannung verharrt, geht Julian Gorus nicht ins deklamatorische Extrem, wodurch pathetische Momente wie in Wilhelm Tells Kapelle oder die dumpfen Grübeleien des Vallée d'Obermann an Substanz verlieren. Und der dritte Band – mit Ausnahme der erwähnten Stücke – erreicht nicht die erfüllte Altersweisheit, die ein abgeklärter Abbé Liszt in erstaunlich karge Notengewänder gekleidet hat. Wahrscheinlich muss Gorus die Vergänglichkeit des Lebens und seiner Wunder noch stärker bewusst werden, damit diese herbstliche Musik ihre letzte Reife erhält. Aber wer wollte das einem 33jährigen ernsthaft vorhalten?

Henri Ducard [12.10.2011]

Komponisten und Werke der Einspielung

CD 1
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 F. Liszt Années de Pèlerinage - première année: Suisse S 160 00:51:24
CD 2
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Années de pèlerinage - deuxième année: Italie S 161 00:56:06
8 Venezia e Napoli 00:20:55
CD 3
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Anneés de pèlerinage - troisième année S 163 00:57:56

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Julian Gorus Klavier
 
98.627;4010276024477

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