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CD-Besprechung

Domenico Scarlatti
Naples, 1685

Domenico Scarlatti<br />Naples, 1685

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 24.03.09

Aeon AECD 0874

1 CD • 71min • 2007

Selten, sehr selten in all den Jahren meiner hörenden Beobachtung des Musiklebens kam es vor, dass eine mir in vieler Hinsicht wesensfremde Werkgestaltung auf wundersame Weise Beglückung schenkt. Dem 31jährigen Schweizer Pianisten Olivier Cavé ist dies zu verdanken – und ich freue mich, es den Leserinnen und Lesern zu erklären. Beeindruckt, fasziniert, ja narkotisiert war ich, wo es sich um die schillernde, experimentelle, ja verrückte Sonatenwelt Scarlattis handelte, wenn Vladimir Horowitz mit raffiniertem Pedaleinsatz die Tasten streichelte, mit all seinen Kolorierungs- und Fingergymnastikkünsten allen aufführungspraktischen Verordnungen eine (nämlich seine markante) Nase drehte. Und als fesselnd erlebte ich Phänomen Scarlatti noch zu Jugendzeiten durch die bei EMI publizierte Sammlung mit dem Pianisten Aldo Ciccolini mit der windig-durchsichtigen, immer wieder leicht provokant, aber doch liebevoll beschleunigten Sonate L 366 als einem zwischen neapolitanischer Geschwätzigkeit und spanischer Strenge vermittelnden Klavier-Schauspiel. Als ich nun Cavés CD der Falthülle entnahm und einen ersten Blick auf das Gedruckte warf, fiel mir sofort eine Danksagung des Interpreten ins Auge. Cavé wendet sich an eben jenen erwähnten Aldo Ciccolini, der ihm bei der Vorbereitung dieses Scarlatti-Unternehmens geholfen hat (nebenbei: das Begleitheft enthält leider keinen deutschsprachigen Text!).

Olivier Cavé nun – um auf das eingangs Gesagte zurückzukommen – befleißigt sich eines Klavierspiel von hoher, fast schon manischer Präzision in allen Belangen des Anschlags, der dynamischen Dosierung, der Verbindung von Einzelnoten und ihrer Einbindung in größerer Skalenzusammenhänge. Man erlebt von Stück zu Stück, ganz gleich ob es sich um wirbelnde oder um melancholische Eingebungen handelt, die Sauberkeit, das sozusagen Reingefräste in höchster Potenz. Kaum je habe ich Triller und etwas ausgedehntere Trillerketten so ausgefeilt, fast wie computergesteuert, dabei in den für Scarlatti typischen Echowirkungen mit ihrer Terrassendynamik so ausbalanciert erlebt. Diese leisen Nachbeben etwas strammerer musikalischer Vorfälle – typisch auch für viele Haydn-Sonaten oder auch für den langsamen Satz aus Mozarts Klavierkonzert KV 537! – verstärken den Eindruck, bei Scarlattis Sonaten bewege sich die Musik schon in Richtung theatralische Dimension: Klavierspiel als kleinformatige Inszenierung non-verbaler Komödiantik und Dramatik mit virtuellem Vorder- und Hintergrund vor einem imaginären Bühnenbild!

Nicht verwunderlich ist es, wenn man erfährt, dass Cavé Mitte der 90er Jahre im florentinischen Fiesole die Klasse der italienischen Pianistin Maria Tipo besuchte – also unter der Obhut einer ausgewiesenen Scarlatti-Protagonistin, zu deren letzten Tonträger-Verfügungen – knapp vor ihrem überraschenden Rücktritt aus dem Konzertleben – eine ungemein vitale EMI-Zusammenstellung gehörte.

Die lupenreinen, wie mit dem pianistischen Laser ausgeschnittenen und zugleich mit sicherem Blick zu einem jeweils Ganzen re-komponierten Sonaten haben mich an die „Silberstift-Zeichnungen“ (Ingo Harden) der Ingrid Haebler erinnert. Ich beziehe mich natürlich auf ihr Mozart-Spiel, denn mir sind keine Scarlatti-Interpretationen aus ihren auf Makellosigkeit der Phrasierung und filigranste Verzierungszuverlässigkeit bedachten Händen bekannt. Aber ähnlich wie Cavés von allen musikalischen Viren und ästhetischen Krankheitserregern befreite, bei aller klinischen Reinheit doch verblüffend lebendige Moment- und Sequenzaufnahmen, hätten diese Stücke in der Regie der inzwischen mehr als 80jährigen österreichischen Interpretin klingen und wirken können. Viel wichtiger jedoch als solche Vergleichsakrobatik: Mit Olivier Cavé hat – endlich wieder – ein eidgenössischer Pianist die Szene betreten, der sein Handwerk souverän beherrscht, der mit Kopf und Händen (und auch mit seinen vorsichtig eingesetzten Füßen) ein eigenes Profil in die musikalische Waagschale wirft und nun Entscheidendes, Bereicherndes zum wohl unerschöpflichen Thema „Scarlatti“ beigetragen hat.

Vergleichsaufnahmen: Tipo (EMI), Ciccolini (EMI), Weissenberg (DG), Horowitz (RCA, CBS/Sony)

Peter Cossé [24.03.2009]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 D. Scarlatti Sonate D-Dur K 492 00:03:44
2 Klaviersonate E-Dur K 381 L 225 – Allegro 00:04:31
3 Sonate G-Dur K 427 00:02:17
4 Sonate e-Moll K 394 00:07:18
5 Sonate Es-Dur K 193 00:04:37
6 Sonate F-Dur K 107 L 474 P 98 00:05:35
7 Sonate D-Dur K 118 00:04:33
8 Sonate G-Dur K 125 00:02:21
9 Gavota d-Moll K 64 L 58 00:02:10
10 Sonate G-Dur K 454 (Jota) 00:04:57
11 Sonate f-Moll K 239 (Fandango) 00:03:05
12 Sonate G-Dur K 470 L 304 P 379 00:06:22
13 Sonate K 32 – Aria 00:02:55
14 Klaviersonate D-Dur K 45 L 265 00:02:57
15 Sonate G-Dur K 547 00:04:12
16 Klaviersonate A-Dur K 39 - Presto 00:02:54
17 Sonate G-Dur K 124 00:05:39

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Olivier Cavé Klavier
 
AECD 0874;3760058368749

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