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CD-Besprechung

Britten Benjamin: War Requiem op. 66 für Sopran, Tenor, Bariton, Knabenchor, Orchester und Kammerorchester (Text nach der Missa pro defunctis und nach Gedichten von Wilfred Owen, 1961)

hänssler CLASSIC 2 CD 98.507

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 31.10.08

hänssler CLASSIC 98.507

2 CD • 83min • 2007

Mitunter befällt mich so etwas wie eine „freundliche Häme“ – wenn ich nämlich bei Betrachtung oder Anhörung eines Kunstwerkes bemerke, dass die vordergründige Absicht deutlich hinter der wirklichen Bedeutung des Werkes zurückgeblieben ist, wenn also die „tagespolitischen Erwägungen“ wahre Größe nicht verhindern konnten, sondern vielmehr, nachdem das Spundloch erst einmal offen war, ein Inhalt übers Papier oder auf die Leinwand strömte, der den ersten Entwurf einfach niederwalzte.

Der hier veröffentlichte Mitschnitt vom 9. September 2007 aus der Stuttgarter Liederhalle lässt sich als ein Musterbeispiel solch künstlerischer Überhöhung auffassen. Ob der „Pazifist“ Benjamin Britten mit seinem War Requiem den Leuten, die am 30. Mai 1962 in mehr oder minder gläubiger Andacht auf eine Festmusik zur Weihe der neuen Coventry Cathedral warteten, eine (auch räumlich) vielschichtige Kritik an der „christlichen“ Toleranz des Krieges offerieren, ob er auf anglikanischem Terrain die katholische Totenliturgie mit den „aufrüttelnden“ Gedichten des Kriegsopfers Wilfred Owen unterwandern oder gar die „Erschütterung“ unter den Zuhörern so weit treiben wollte, dass diese nach der Veranstaltung den Rest ihrer Tage mit dem Schlachtruf „Nie wieder Krieg!“ zugebracht hätten – all das spielt in dieser Interpretation höchstens eine entstehungsgeschichtlich relevante Nebenrolle. Viel wichtiger ist, dass sich dieses Werk gerade deshalb als eine „große Kreation“ zu erkennen gibt, weil sich die Ausführenden von jeglicher gewollten „Agitation“ zurückziehen: Nicht länger verspürt man die Absicht, nicht länger ist man verstimmt...

Die Tiefenwirkung des War Requiem, wie sie unter Helmuth Rilling beim Europäischen Musikfest des vorigen Jahres erzielt wurde, ist meiner bescheidenen Meinung nach grundsätzlich auf diesen Ansatz zurückzuführen: Man setzt nicht auf die plumpe „Verstörung“, auf das schmerzliche „Ätzen“, das „Ach-wie-furchtbar-doch-alles-ist“, aber auch nicht auf eine gewollte, krampfhafte Versöhnungsgeste – ganz so, als sei die Erkenntnis gereift, dass auch die eloquenteste Warnung im Winde verhallen wird, während die „Schönheit die Welt rettet“. Auch wenn sie sich im „Dies Irae“ den Waffenrock überstreift: Das „Lacrimosa dies illa“, von Annette Dasch gesungen, reißt die Wolken auf, weist über die gegenwärtigen Schrecken in Regionen, wo Menschen schon viel zu lange nicht mehr gewesen sind – wie auch später die Sopranpartien des „Sanctus“ und „Libera me“ Dostojewskis Diktum mit leuchtenden Lettern unterzeichnen.

Völlig natürlich und unangestrengt wirkt daher auch der Kontrast zu dem scharfkantigen, schlanken (nicht: schmächtigen!) Tenor des Texaners James Taylor, der trotz seiner Herkunft eine britische Britten-Stimme erster Klasse mitbringt – jene Art von glühendem Silberdraht, der ganz vorzüglich auf die Gedichte von Wilfred Owen und nicht minder zu dem angenehm wuchtigen Bariton von Christian Gerhaher passt. Chor und Kinderchor kommen zu schöner räumlicher Geltung, das Orchester spielt mit einer prickelnden rhythmischen Präzision, die mitunter in geradezu „orffischem“ Schwung resultiert, und am Ende mündet alles in eine unmerklich organisierte, organische Woge, die von einer unforcierten, leichten Brise bis zu höchstem Brausen getrieben wird – ein immer vernehmlicheres Einatmen, nach dem sich der Hauch des Unendlichen verströmt: „in paradisum ... let us sleep now“.

Kurzum: Es wird deutlich, dass dieses War Requiem nicht nur zu den großen Oratorien des 20. Jahrhunderts gehört, sondern als eine ungemein passionierte Passion einen dauerhafteren Ehrenplatz einnimmt. Dass diese Veröffentlichung auch eine ganz praktisch-persönliche Wirkung gezeitigt hat, sei am abschließenden Range vermerkt: Mein Interesse an Benjamin Brittens Musik hat sich nach einer längeren Phase der Unterkühlung wieder schlagartig gesteigert. Und das ist doch auch etwas, ist es nicht?

Rasmus van Rijn [31.10.2008]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 B. Britten War Requiem op. 66 für Sopran, Tenor, Bariton, Knabenchor, Orchester und Kammerorchester (Text nach der Missa pro defunctis und nach Gedichten von Wilfred Owen, 1961)

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Annette Dasch Sopran
James Taylor Tenor
Christian Gerhaher Bass
Aurelius Sängerknaben Chor
Festivalensemble Stuttgart Orchester
Helmuth Rilling Dirigent
 
98.507;4010276020509

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