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CD-Besprechung

cpo 777 202-2

2 CD • 2h 16min • 2006

18.10.2007

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 7
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Zwei Jahre nach der Fledermaus in Wien uraufgeführt, war Franz von Suppés Fatinitza (1876) bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine der erfolgreichsten Operetten ihrer Epoche. Später wurde sie jedoch nur noch in verfälschenden Bearbeitungen gespielt und verschwand schließlich ganz in der Versenkung. Erst Volker Klotz hat das Werk in seinem Operetten-Handbuch als eine Preziose der Gattung wieder ins richtige Licht gerückt. Eine Wiederbelebung in Bremen (1995), die auf seine Anregung hin erfolgte, blieb aber lange folgenlos. Erst im vergangenen Jahr hat man sich beim Lehár-Festival in Bad Ischl des Stücks erneut angenommen und seine Repertoirefähigkeit unter Beweis gestellt. Es ist ein in jeder Bedeutung des Wortes starkes Stück. Es spielt vor dem Hintergrund des Krimkrieges, der damals gerade 20 Jahre zurücklag. Doch das bewährte Librettisten-Tandem Friedrich Zell & Richard Genée gewinnt dem blutigen Geschehen vor allem groteske und satirische Seiten ab. Russen wie Türken sind gleichermaßen lächerlich dargestellt, das Stück steht Offenbachs Großherzogin von Gerolstein wesentlich näher als dem Zigeunerbaron von Strauß. Im Zentrum der Handlung stehen die Abenteuer des russischen Leutnants Wladimir, der einst als Tscherkessin Fatinitza verkleidet auf erotische Eroberungstour ging und dabei nebenbei ungewollt die Liebesglut des grimmigen Generals Kontschukoff entfachte, der – wie sich dann herausstellt – der Onkel seiner geliebten Lydia ist. Der besondere Reiz dieser Travestierolle, die den Rosenkavalier Hofmannsthals vorausnimmt, liegt in der Besetzung mit einem Mezzosopran. Eine Frau spielt einen Mann, der sich als Frau verkleidet. Die Librettisten wirbeln die Handlung schön durcheinander. Wladimir/Fatinitza und Lydia werden von den Türken geraubt und in den Harem des Paschas gebracht, wo sie die Eifersucht der vier etablierten Haremsdamen wecken. Auf die Beteuerung, dass Fatinitza ein Mann sei, verlangen die Damen Beweise. Das führt zu einem ausgelassenen Lach-Sextett, das von dem Metamorphosen-Rondo aus Offenbachs Orphée aux Enfers inspiriert scheint und sich mit diesem messen kann. Wladimir muß seine Männlichkeit durch Küsse beweisen, denn ein anderer Beweis dürfte einen Mezzosopran in Verlegenheit bringen. Die Flucht aus dem Serail gelingt, doch zuhause gibt es neue Probleme, denn Kontschukoff stimmt der Heirat Wladimirs mit seiner Nichte nur unter der Bedingung zu, dass er im Gegenzug dessen Zwillingsschwester Fatinitza ehelichen kann. Der Sensationsreporter Julian von Goltz, der während des Stücks bei allen kriegerischen und erotischen Aktionen immer „mittenmang” ist, weiß den erlösenden Rat. Statt der Braut kommt ein Brief zum Hochzeitstermin, in dem Fatinitza in ergreifenden Worten ihr baldiges Ableben ankündigt. Doch da sind Wladimir und Lydia längst getraut. Die Musik Suppés vermischt Wiener Walzerseligkeit mit offenbachischem Witz und italienischer Buffa-Tradition zu einer durchaus eigenständigen Mischung. Dabei wird Herz-Schmerz-Sentimentalität ebenso auf die Schippe genommen wie kriegerisches Säbelrasseln. Interessanterweise nimmt das Liebesduett im zweiten Akt einen Schlager aus dem Zigeunerbaron („Die Liebe ist eine Himmelsmacht”) fast identisch vorweg. Hinreißend charakterisiert sind der großsprecherische General, der sich mit einem Loblied auf die Knute einführt und der „Reformtürke” Izzet Pascha, der den Koran nach seinen eigenen Bedürfnissen auslegt, immer nach dem Motto „A bisserl auffrischen, das wär nicht so schlecht!” Die Veröffentlichung des Mitschnitts aus Bad Ischl ist per se eine Pioniertat, auch wenn die Aufführung selbst nicht mehr als solide ist. Das Orchester musiziert auf gutem Stadttheater-Niveau, der Dirigent Vinzenz Praxmarer geht die ganze Sache allerdings recht bedächtig an, ein bisschen mehr Schwung und rhythmische Pointierung hätten die Qualitäten der Musik noch mehr zur Kenntlichkeit gebracht. Von den Sängern hinterlässt Christian Bauer als Julian von Goltz mit seinem leicht ansprechenden Tenor den besten Eindruck. Für die Titelrolle fehlt es dem angenehmen lyrischen Mezzo Stephanie Houtzeels an androgynen Facetten, die erotische Ambivalenz der Partie bleibt ausgespart. Dagegen klingt Zora Antonics etwas ungebändigter Sopran für die Rolle der Lydia zu veristisch, in den Duetten mit Wladimir ist damit das Gleichgewicht gestört, auch in den übrigen Ensembles wirkt die Stimme als Fremdkörper. Die beiden Komikerrollen des russischen Generals und des türkischen Paschas sind mit Steven Scheschareg und Bernhard Adler überraschend „seriös" besetzt.

Ekkehard Pluta [18.10.2007]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Franz von Suppé
1Fatinitza (Operette in drei Akten)

Interpreten der Einspielung

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