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CD-Besprechung

cpo 777 152-2

1 CD • 60min • 2003

11.01.2006

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 6
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Fast auf den Tag genau 80 Jahre, nachdem Richard Wetz in Erfurt mit der Arbeit an seinem Requiem begonnen hatte, entstand am 27. September 2003 der vorliegende Live-Mitschnitt. Ort der Aufführung war die beim Dom gelegene Kirche St. Severi, den Rahmen bestimmten die Erfurter Kirchenmusiktage, den tieferen Grund hingegen die außerordentlichen Qualitäten des Werkes, das im Schaffen des Komponisten offensichtlich eine doppelte Funktion erfüllte: Einerseits scheint sie der sinfonischen Trias ein vokales Finale anzufügen, das sich zu den zwischen 1915 und 1922 entstandenen Orchesterwerken verhält wie die Götterdämmerung zu den drei voraufgegangenen Ring-Kapiteln oder – weniger bombastisch – zu Wetz’ dritter Sinfonie wie die Missa solemnis zur Neunten. Andererseits markiert das Requiem den Beginn einer oratorischen Trilogie, die schon bald im Weihnachtsoratorium op. 53 ihre Fortsetzung fand und mit dem Goethe-Oratorium Liebe-Leben-Ewigkeit, das Wetz bei seinem Tode 1935 unvollendet hinterließ, hätte abgeschlossen werden sollen.

Wie stets, wenn Richard Wetz Großes leistete, kam auch hier der Antrieb ganz von ihm selbst. Weder ein äußerer Anlaß noch ein Auftrag vermochten ihn zu inspirieren, und so ist dieses Requiem eben auch keine eigentliche „Totenmesse”, sondern – wie Hans Polack 1934 in seiner Monographie erkannte – der Ausdruck einer „persönlich-seelische[n] Gesinnung,” die sich eher als das „persönliche Bekenntnis eines pantheistisch empfindenden religiösen Künstlers” darstellt denn als fromme, konfessionell und kirchlich gebundene Äußerung. Tatsächlich gewinnt man recht bald den Eindruck, daß es Wetz nicht um seichte Tröstungen, sondern um die ganz spezifische Bilderwelt der Liturgie mit ihren weiten Bögen, ihren dramatischen Möglichkeiten und ihren katastrophischen Szenen geht. Daß dabei der Blick des Beobachters zunächst auf das Dies irae fällt, ist gewiß eine läßliche Sünde: Zu drängend ist die Versuchung, dieses Stück zeitloser Schauerromantik in Donner und Blitz, unter Herbeiziehung höllischer Blechbläserscharen und Paukenarsenale zu inszenieren, wie es Berlioz und dann auch Verdi getan haben. Doch Wetz liefert hier eine erstaunlich verhaltene Variante, ein weitgehend geisterhaftes Dahinhuschen gejagter Seelen, die ganz augenscheinlich nichts mehr fürchten als den „Balrog” zu wecken, das personifizierte Böse, das nach JRR Tolkien in den tiefsten Tiefen der Erde schläft: Alle Behutsamkeit will freilich nicht helfen, am Ende bricht’s hervor mit Brucknerscher Urgewalt ...

Daneben stehen Phasen ergreifender Innerlichkeit, aber auch technische Kunststücke bis hin zur Fuge, die gerade durch ihre hier leicht antiquiert anmutende Gelehrtheit ein deutliches Gegengewicht zu den wenigen plakativen Momenten darstellen und keinen Zweifel an der vornehmlich linearen Denkungsart des Komponisten lassen, die man trotz der üppigen, vornehmlich dunkel getönten Farbenpalette fast überall erkennen kann. Darin liegt allerdings auch eine gewisse Aufführungsproblematik begründet: Die Akustik von St. Severi lädt offenbar zum Schwimmen ein, weshalb sowohl die horizontal getrennten Ereignisse als auch die Aufstellung merklich zerlaufen. Insonderheit der männliche Teil des Chores scheint hier und da nach „hinten” zu entgleiten und sich hinter dem Orchester verstecken zu wollen – doch diese Tücken des architektonischen Objekts und des Live-Mitschnitts an sich sollten niemanden davon abhalten, sich mit dem spannenden und packend interpretierten Werk zu befassen, das sich in der Tat würdig an die unmittelbar voraufgegangenen Sinfonien anschließt.

Rasmus van Rijn [11.01.2006]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Richard Wetz
1Requiem h-Moll op. 50

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