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CD-Besprechung

Max Reger

Renate Eggebrecht

Troubadisc 01427

1 CD • 76min • 2002

27.11.2003

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 7
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

„Die Geigerin Renate Eggebrecht setzt sich seit Jahren in Konzertsaal und CD erfolgreich für die Violin-Kompositionen Max Regers ein. Ein insgesamt wichtiger Beitrag zur Reger-Diskographie ist auch ihre mit fünfundsiebzigeinhalb Minuten prallvolle Neueinspielung mit Werken im Geiste Bachs. Der Zyklus der sechs Präludien und Fugen op. 131a wurde hier sinnvoll komplementiert mit den drei großen Chaconnes aus den Solosonaten op. 42, 91 und 117 und zwei weiteren kleinen Präludien – das meiste davon, soweit mir bekannt, in Ersteinspielungen. Das ist kein Wunder: Diese Stücke sind so unerhört schwer, daß wohl schon deshalb die meisten Virtuosen einen Bogen darum herum machen.“ So begann ich vor einem halben Jahr meine seinerzeit veröffentlichte Rezension. Dem folgten kritische Anmerkungen insbesondere zur, wie ich fand, schlechten Intonation der Geigerin, die ich auf meinen Höreindruck gründete.

Inzwischen bin ich jedoch zu der festen Überzeugung gekommen, meine damaligen Zeilen revidieren zu müssen, denn ich muß mich „schuldig“ bekennen, nicht genau genug hingehört zu haben: Frau Eggebrecht hat sich nämlich aus guten Gründen dafür entschieden, diese Werke in reiner harmonischer Stimmung zu spielen, worin sie den Erkenntnissen von Martin Vogel, folgt – einem bekannten Grundlagenforscher der Harmonik. Weitere wertvolle Hinweise bot ihr die Dissertation Die Intonation des Geigers von Jutta Stüber. Demnach war die reine Stimmung zu Regers Zeiten durchaus noch verbreitet; Joseph Joachim beispielsweise begründete mit dieser Intonationsweise sogar noch die Tradition des Streicherspiels an der Berliner Musikhochschule, aus deren Reihen sich nicht zuletzt viele Jahre lang die Streicher der Berliner Philharmoniker rekrutierten. Heutzutage ist unser Ohr so sehr an die dem Klavier angeglichene, einigermaßen „temperierte“ Stimmung von Orchestern und Ensembles gewöhnt, daß die meisten Hörer von heute davon abweichende Stimmungen wohl als unsauber bezeichnen würden. Ein ähnliches Phänomen war in den Pionierzeiten der informierten Aufführungspraxis von Barockmusik zu bezeichnen, als Musiker begannen, wieder alte Temperaturen wie mitteltönige oder Werckmeister-Stimmung zu verwenden. Das wurde lange als „falsch“ gehört.

Die von Frau Eggebrecht verwendete Intonation hat unter anderem zur Folge, daß durch weitgehende Berücksichtigung reiner Quinten und Terzen gewisse Intervalle weiter, andere enger gegriffen werden. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Gestaltung – zum Beispiel können bei vielen Mehrfachgriffen alle Töne länger klingen als herkömmlich; die gesamte Musik wirkt farbiger und kontrastreicher. Die auftretenden Schärfen in der Tongebung sind mithin offenbar von Reger beabsichtigt, genauso wie beispielsweise Komponisten des frühen 19. Jahrhunderts gestopfte Naturtöne bei Hörnern als bewußte Farbe einsetzten. Ich schloß meine Rezension damals mit den Worten: „Das äußerst lesenswerte, flammende Plädoyer von Booklet-Autor Eckhardt van den Hoogen und der insgesamt Achtung gebietende Einsatz der Solistin rufen jedoch nachdrücklich dazu auf, dieser großartigen Virtuosen-Musik Regers endlich die Aufmerksamkeit zu widmen, die ihr gebührt.“ Dem wäre hinzuzufügen, daß auf dem Inlay zwar der Hinweis auf die verwendete Temperatur fehlt; dennoch kann man gar nicht nachdrücklich genug auf diese Einspielung aufmerksam machen, die die Musik Regers erstmals in einen historisch informierten Kontext stellt und ihre radikalen Schärfen hervorhebt.

(Benjamin G. Cohrs, 16.4.2004)

Ursprüngliche Kritik:

Die Geigerin Renate Eggebrecht setzt sich seit Jahren im Konzertsaal und auf CD erfolgreich für die Violin-Kompositionen Max Regers ein. Ein insgesamt wichtiger Beitrag zur Reger-Diskographie ist auch ihre mit prallvolle Neueinspielung mit Werken im Geiste Bachs. Der Zyklus der sechs Präludien und Fugen op. 131a wurde hier sinvoll gekoppelt mit den drei großen Chaconnes aus den Solosonaten op. 42, 91 und 117 und zwei weiteren kleinen Präludien – das meiste davon, soweit mir bekannt, in Ersteinspielungen. Das ist kein Wunder: Diese Stücke sind so unerhört schwer, daß wohl schon allein deshalb die meisten Virtuosen einen Bogen darum machen. Unter diesen Prämissen muß man auch die Intonationstrübungen der Solistin sehen, die wahrscheinlich angesichts der beinahe unausführbaren Stücke geradezu unausweichlich sind. Wenn man sich erst einmal eingehört hat, empfindet man sie nicht mehr als störend.

Dies gilt allerdings nicht für technische Unsicherheiten in einigen Passagen (z.B. Tr. 5, Tr. 9), in denen die Solistin offenbar an die Grenzen gerät. Ulrike-Anima Mathé hat in ihrer Einspielung der sieben Solosonaten op. 91 (Dorian 90175 und 90 212) immerhin demonstriert, daß man diese Musik durchaus noch differenzierter und auch sauberer spielen kann.

Das äußerst lesenswerte, flammende Plädoyer von Booklet-Autor Eckhardt van den Hoogen und der insgesamt Achtung gebietende Einsatz der Solistin rufen jedoch nachdrücklich dazu auf, dieser großartigen Virtuosen-Musik Regers endlich die Aufmerksamkeit zu widmen, die ihr gebührt.

Dr. Benjamin G. Cohrs [27.11.2003]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Max Reger
1Präludium und Fuge a-Moll op. 131a Nr. 1
2Präludium und Fuge d-Moll op. 131a Nr. 2
3Präludium und Fuge G-Dur op. 131a Nr. 3 (1914)
4Präludium und Fuge g-Moll op. 131a Nr. 4 (1914)
5Präludium und Fuge D-Dur op. 131a Nr. 5
6Präludium und Fuge e-Moll op. 131a Nr. 6 (1914)
7Präludium und Fuge a-Moll (1902)
8Präludium e-Moll (aus op. 80)
9Chaconne a-Moll op. 91 (1905)
10Chaconne g-Moll op. 42 (1899)
11Chaconne g-Moll op. 117 Nr. 4

Interpreten der Einspielung

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