Conrad Ansorge
String Quartets 1 & 2, Cello Sonata op. 24
Orpheus Quartet
cpo 555 249-2
1 CD • 71min • 2013, 2018
02.11.2026
Künstlerische Qualität:![]()
Klangqualität:![]()
Gesamteindruck:![]()
Manchem mag Conrad Ansorge (1862-1930) als einer der letzten Schüler Franz Liszts in Weimar untergekommen sein, dessen Aufnahmen sich in Anthologien mit Aufnahmen von Klavierrollen finden. Verehrer von Wilhelm Furtwängler und Eduard Erdmann mögen wissen, dass beide ihr Klavierstudium bei ihm abschlossen. Als Komponist dürfte er jedoch völlig unbekannt sein. Jetzt veröffentlicht cpo zwei Aufnahmen des Deutschlandfunks aus den Jahren 2013 sowie 2018 und bricht damit Unbekanntem, aber Interessantem erneut die Bahn.
Zwei literarisch inspirierte Streichquartette
Den Titel seines ersten Streichquartetts op. 10 As-Dur Vigilien bezieht sich auf das gleichnamige symbolistische Prosaepos von Stanisław Przybyszewski (1868-1927), einem Dichter der Berliner Bohème, der mit Richard Dehmel, August Strindberg und Edvard Munch befreundet war. Das ist Décadance pur, wenn man Verse wie „Um Dein Haupt ein Kranz welker Blumen wie ein Gurt erloschener Sterne und Dein Antlitz strahlt von den Spuren einstiger Schönheit.“ betrachtet, die Ansorge bereits zuvor in seinen Liedern op. 12 vertont hatte. So nimmt es nicht Wunder, dass man beim Hören schnell an Salome oder die Verklärte Nacht denkt.
Formal mit der Satzfolge Langsam-Schnell-Langsam-Schnell ähnelt es mehr einer verwandelten Sonata da chiesa, denn einem romantischen Streichquartett. Dabei werden Themen des Beginns in den Folgesätzen immer wieder aufgegriffen. Die Harmonik ist mit ihrer Tristan-Chromatik dezidiert „neudeutsch“. Trotzdem gelingt es dem Komponisten – anders als Max Reger in seinen Quartetten – melodisch durchaus gefällig zu komponieren. Das ließe sich hervorragend mit einem Glas Absinths genießen!
Weitaus lichter und kraftvoller gibt sich das zweite Streichquartett op. 20 in A-Dur, das durch Dehmels Gedicht „Auf der See“ inspiriert wurde. Zwar wird auch hier wild moduliert, jedoch sind die Themen äußerst eingängig. Wer auf den Geschmack kommen möchte, höre einmal in Innig und Maestoso (Track 7 und 8) hinein. Absolut überzeugende spätromantische Musik.
Diabolische Cello-Sonate
Welch fulminanter Pianist Ansorge war, lässt sich am Klavierpart der Cello-Sonate ablesen, die eher den Charakter einer Cello-Rhapsodie trägt. Hier finden sich Teufeleien wie gefesselte Triller mit jeweils viertem und fünften Finger simultan in beiden Händen, blitzschnelles Übergreifen, schnelle Oktavpassagen, bei denen der Pianist auch noch vermeiden muss, den armen Cellisten, der ebenfalls mit Passagen bis in die höchsten Lagen gefordert wird, nicht mit der Wucht seines Instruments zu erschlagen. Somit für beide im selben Schwierigkeitsgrad wie Dvořák-Konzert und Liszt-Sonate.
Engagiert interpretiert
Dem Orpheus-Quartett gelingen sowohl die nächtlich-narkotisierenden Passagen des ersten wie auch die diesseitig-lichte – im Adagio apart melancholisch gebrochene – Heiterkeit des zweiten Quartetts perfekt. Bei Oliver Triendl, der sein Instrument ähnlich wie Marc-André Hamelin perfekt beherrscht, sind die Schwierigkeiten des doch sehr dichten Klaviersatzes in den allerbesten Händen. Wundervoll, wie die vielen Tempowechsel des Kopfsatzes gemeinsam mit Peter Hörr, der dankenswerterweise darauf verzichtet, auf die Tränendrüse zu drücken, jedoch gern einen etwas größeren Ton hätte entfalten können, als große Einheit vollziehen.
Der hochinteressante Begleittext hat mich dazu veranlasst, mich ein wenig näher mit der Berliner Bohème um 1900 zu beschäftigen. Die Quartette sind aufnahmetechnisch höchst gelungen. Dem Cello hätte in der Sonate vielleicht etwas mehr Präsenz verliehen werden können.
Fazit: Hochinteressante spätromantische Musik in Nähe von Richard Strauss, Alexander v. Zemlinsky und Max Reger. Gelungene Alternative zu Fauré, Debussy und Ravel. Definitiv empfohlen.
Thomas Baack [02.11.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Conrad Ansorge | ||
| 1 | Streichquartett Nr. 1 As-Dur op. 13 (Vigilien) | 00:22:39 |
| 5 | Streichquartett Nr. 2 A-Dur op. 20 | 00:25:04 |
| 9 | Sonate d-Moll op. 24 | 00:23:30 |
Interpreten der Einspielung
- Orpheus Quartett (Streichquartett)
- Peter Hörr (Violoncello)
- Oliver Triendl (Klavier)
