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Besprechung CDAlesandro Scarlatti

Alesandro Scarlatti

Cantate da camera Vol. 2
Emmanuelle de Negri soprano | Philippe Grisvard harpsichord

Audax Records ADX11217

1 CD • 52min • [P] 2026

05.07.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Als Forscher hat Philippe Grisvard einige hundert Kantaten von Alessandro Scarlatti (1660-1725) erschlossen und ein paar Dutzend ediert, als Interpret legt er jetzt bei Audax den zweiten Teil eines langfristig angelegten Projekts vor, wobei ihm diesmal die Sopranistin Emmanuelle de Negri zur Seite steht. Und wieder gibt es schöne Entdeckungen zu machen. Das Programm beginnt mit einer der frühen pastoralen Kantaten, Notte cara, die wahrscheinlich Anfang der 1680er Jahre während Scarlattis erstem Aufenthalt in Rom entstanden ist. Den Text hat er wohl, wie auch späterhin oft, selbst verfasst. Das lyrische Ich, männlich, beklagt die Zurückweisung durch die geliebte Frau und fleht die Sonne an, unterzugehen, damit er im Traum die Erfüllung seines Glücks finden kann. Dieser Gedanke wird am Ende in einem bestrickenden Arioso zusammengefasst.

Gestörte Idyllen

In den Pastoralen Quale al gelo s’adduge (1705) und Lontananza crudele (1713) findet Scarlatti die klassische Form für die Kammerkantate des Spätbarock in ihrem Wechsel von Rezitativen und Dacapo-Arien. In beiden Fällen werden aber keine ländlichen Idyllen heraufbeschworen, sondern Klagegesänge verschmähter oder verratener Liebe angestimmt. In einem Fall beschließt der namenlose Hirte, von Phyllis abgelehnt, als „Trophäe der Liebe“ zu enden und sich das Leben zu nehmen. Bei Chloris, die von Fileno verlassen wurde, bleibt bei aller Melancholie am Ende noch ein Rest Hoffnung. In beiden Fällen zeichnet Scarlatti die heftigen Affekte nicht – wie es in der Barockoper häufig der Fall ist – mit rhetorischer Bravour, sondern psychologisch feinfühlig und mit großer Empathie, und die Gestaltung durch die Sängerin hebt diese Qualitäten der Musik besonders hervor.

In der komplexer aufgebauten Kantate Alme voi che provaste beschränkt sich die verlassene Frau nicht darauf, ihr Leid laut hinauszuklagen, sondern gibt dem Publikum eine genaue Beschreibung des Liebesgeplänkels zwischen dem verräterischen Fileno und seiner neuen Flamme. Ein Theater-im-Theater-Effekt. In der dritten Arie, halb im Delirium, sinnt sie darüber nach, ob sie den Ungetreuen doch wieder annehmen würde, wenn er zu ihr zurückzukehren bereit wäre.

Psychogramm eines Diktators

Im Zentrum der Programmabfolge, eingebettet in die verschiedenen Spielarten von pastoralen Kantaten, steht mit Il Nerone ein Beispiel für eine von Grisvard so genannte „cantate à sujet“. Dass Alessandro Scarlatti ein genuiner Opernkomponist war, zeigt sich in diesem Monodram von 1698 ganz offensichtlich, in dem der größenwahnsinnig gewordene Imperator tiefe Einblicke in sein gestörtes Seelenleben gibt. „Io son Neron l’Imperator del mondo“ kündigt er sich im ersten Rezitativ großmäulig an. Er weidet sich an der Vorstellung, Frau und Mutter töten zu lassen, den Lehrer Seneca zum Selbstmord zu zwingen und schließlich ganz Rom in Brand zu stecken. Seine Zerrissenheit und der ständige Wechsel seiner Stimmungen manifestieren sich in vier hochexpressiven Rezitativen und drei Arien, die zwischen virtuosen Ausbrüchen und trügerischem Cantabile changieren. Emmanuelle de Negri kann hier alle Facetten ihrer vokalen Darstellungskunst zeigen und zeichnet die Figur mit beträchtlicher psychologischer Schärfe.

Mustergültige Wiedergabe

„Es ist so, als würde Scarlatti jedes Mal die Kantate schlechthin neu erfinden“, stellt die Sängerin in einem Werkstattgespräch im Beiheft fest. Und ihre mit Philippe Grisvard entwickelte Interpretation der fünf Kantaten, von denen vier erstmals auf Tonträgern veröffentlicht werden, bestätigt diese Behauptung vollauf. Die Neugier wird ständig wachgehalten durch die Pionierlust der beiden Musiker. Kaum zu glauben, welche Farben ein an sich farbenarmes Instrument wie das Cembalo hervorzaubern kann, wenn es von einem Meister wie Grisvard gespielt wird. Auch in den Arien vermisst man nirgends den Basso continuo oder ein Instrumentalensemble zur Begleitung. Das Booklet enthält – dreisprachig - ausführliche Werkinformationen in Gesprächsform. Die Texte der Kantaten findet man in vier Sprachen im Internet.

Ekkehard Pluta [05.07.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Alessandro Scarlatti
1Notte cara H 479 (Cantata) 00:06:58
4Quale al gelo s'aduge H 582 (Cantata) 00:09:21
8Io son Neron l'Imperator del mondo H 343 (ossia Il Nerone, Cantata) 00:11:59
15Lontananza crudele deh perché H 395 (Cantata) 00:10:56
19Alme voi che provaste H 35 (Cantata) 00:11:34

Interpreten der Einspielung

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