Musik der Hansestädte Vol. 4 • Musik aus dem alten Hamburg
Praetorius • Schop • Becker • Weckmann • Bernhard • Selle
Europäisches Hanse-Ensemble • Manfred Cordes
cpo 555 781-2
1 CD • 74min • 2025
29.06.2026
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Gesamteindruck:![]()
Klassik Heute
Empfehlung
In seiner Reihe mit Musik der Hansestädte erweist Manfred Cordes mit seinem Europäischen Hanse Ensemble nach Stralsund, Danzig und Magdeburg jetzt Hamburg die Ehre – jener Stadt also, die in ihrem Eigennamen bis heute ihre beidenWürden säuberlich trennt: Einerseits war Hamburg freie Reichsstadt, zum anderen gehörte sie dem Bündnis der Hanse an, in dem sich Handelsstädte vereinigt hatten, um ihre Interessen im Ostseeraum wahrzunehmen und ihre Kauffahrteischiffe gegenüber Seeräubern sowie den nordischen Mächten Dänemark und Schweden, die sich nur allzu oft auch seeräuberisch gebärdeten, zu verteidigen; demzufolge nennt sich Hamburg „Freie und Hansestadt Hamburg“, da nimmt man es in Deutschlands nördlichster Millionenstadt genau.
Das nachbarliche Bremen ist da nicht so pingelig: Ebenso wie die Hansekönigin Lübeck, die während der Neuordnung der deutschen Länder nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Selbständigkeit verlor und Teil des neuen Bundeslands Schleswig-Holstein wurde, nannten und nennen sich beide Hansestädte „Freie Hansestadt Bremen/Lübeck“. „Weniger ist manchmal mehr“, sagt hier ein von Herkunft her Bremer (also überzeugter „Butenbremer“, wie wir uns selbst nennen), der heute höchst vergnügt in Hamburg lebt.
Historisch bedingte Verschiedenheit
Was man zu den historisch bedingten Unterschieden der beiden heutigen Stadtstaaten Deutschlands und Lübecks wissen muss: Hamburg und Lübeck schlossen sich der lutherischen Reformation an, Bremen wählte nach einigen Turbulenzen die calvinistische Reformation als Staatsreligion (noch bis ins 19. Jahrhundert mussten Lutheraner zum Erwerb des Bremer Bürgerrechts für ihren Bürgerbrief mehr bezahlen als Reformierte). Der heutige Ruf der Bremer als eigenständiges Völkchen hat also durchaus seine historische Berechtigung.
Nicht Königin, doch Perle
Mit ihren Hauptkirchen St. Petri, St. Nikolai, St. Jacobi, St. Katharinen und dem später für die Neustadt hinzugekommenen Kirchspiel von St. Michaelis konnte das barocke Hamburg es durchaus mit Lübeck, der mittelalterlichen Königin der Hanse, aufnehmen: Der im 17. Jahrhundert durch die portugiesischen, spanischen und englischen Kolonien in Nord- und Südamerika sich zum Welthandel ausweitende europäische Handel des Mittelalters gab der durch ihre Lage sowohl dem Ostseeraum wie auch der Nordsee und den dadurch erreichbaren Weltmeeren zugewandten Stadt reiche Möglichkeit, aus allen Gegenden der Welt gutes Geld in ihre Mauern zu leiten.
Wirkungsstätte großer Meister
So wurde die Stadt zur künstlerischen Heimstätte bedeutender Meister der Musik ihrer Epoche: der Name Praetorius glänzt nicht nur durch den Thüringer Michael Praetorius in der deutschen Musikgeschichte, auch Hieronymus Praetorius (1560-1629) und sein Sohn Jacob (1586-1651) sind dazu angetan, dem Namen (der eine Latinisierung des deutschen Schultheiß/Schulze ist) Ehre zu machen. Michael Praetorius und seine Hamburger Namensvettern sind übrigens nicht miteinander verwandt gewesen – ihr Nachname ist die lateinische Fassung des deutschen Nachnamens Schulze, ein bis heute häufig anzutreffender Familienname. Wie dem auch immer sei, die beiden Hamburger Praetorius verdienen es, unter den Meistern der deutschen Musik des 17. Jahrhunderts genannt zu werden. Thomas Selles (1599-1663) Vivat Hamburgum, ein Loblied auf die Stadt, dürfte heutigen Hamburger Regierenden kaum gegenwärtig sein: Das bezeugt allerdings ihren begrenzten historischen Horizont mehr als den Lobpreis Hamburgs durch die Jahrhunderte.
Ein heute nahezu unbekannter Meister
Ein seinerzeit besonders anerkannter Hamburger Komponist geriet allerdings bei der Nachwelt in gründliche Vergessenheit: Johann Schop (1590-1667). In Hamburg geboren, spannte sich seine Laufbahn zunächst von der Wolfenbütteler Hofkapelle über die Kopenhagener Hofmusik König Christians VI. und den Hof des Osnabrücker Bischofs, bevor er nach Hamburg zurückkehrte, wo er ab 1621 als Kapellmeister, Direktor der Ratsmusik und Kapellmeister, und später auch als Organist an St. Jacobi wirkte. Schop war seinerzeit ein berühmter Mann – Versuche, ihn dauerhaft an den den dänischen Königshof zurückzuholen, scheiterten, er blieb seiner Vaterstadt Hamburg treu, wo er 1667 im für damalige Zeiten hohen Alter von 76 oder 77 Jahren starb. Schops hier aufgenommene Komposition Nun lob, mein Seel, den Herren bietet die großartige Gestaltung eines evangelischen Kirchenlieds als geistliches Konzert, die des ehrenden Vergleichs mit gleichartigen Schöpfungen seines Generationsgenossen Heinrich Schütz (1585-1672) voll und ganz würdig ist.
Perfektion und Einfühlung
Wie bereits bei vorherigen Interpretationen durch Manfred Cordes und sein Europäisches Hanse Ensemble festzustellen war, gibt es für derartiges Repertoire augenblicklich kaum bessere Interpreten als diese: Sie führen diese Musik mit einer Perfektion und Einfühlung auf, dass der Zuhörer in den Bann dieser jahrhundertealten Klänge gerät und sich ihrem auch heute noch zugänglichen Zauber überantworten kann.
Detmar Huchting [29.06.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Hieronymus Praetorius | ||
| 1 | Exultate iusti (à 16, Cantiones variae, Hamburg 1618) | 00:07:12 |
| Jacob d.J. Praetorius | ||
| 2 | Forti animo esto (à 8, Post Nubila Phoebus seu Tres Hymenaei ad thalamum M. Jacobi Fabricii in Husum et Catharinae Rekels, Hamburg 1619) | 00:04:37 |
| Johann Schop | ||
| 3 | Nun lob mein Seel den Herren (Erster Theil Geistlicher Concerten, Hamburg 1643/44) | 00:11:08 |
| Dietrich Becker | ||
| 4 | Sonata (à 3, Musicalische Frühlings-Früchte, Hamburg 1668) | 00:05:52 |
| Matthias Weckmann | ||
| 5 | Es erhub sich ein Streit (à 14, Bokemeyer Collection) | 00:07:12 |
| Christoph Bernhard | ||
| 6 | Wohl dem, der den Herren fürchtet (Bokemeyer Collection) | 00:06:23 |
| 7 | Jauchzet dem Herren (à 4, Geistlicher Harmonien Erster Theil, Dresden 1665) | 00:05:37 |
| 8 | Herr, nun lässest du deinen Diener (à 15, Bokemeyer Collection) | 00:11:59 |
| Thomas Selle | ||
| 9 | Vivat Hamburgum (à 6, Concertuum Latino-Sacrorum ... Liber IV, Nr. 27) | 00:02:11 |
| 10 | Lobet den Herrn in seinem Heiligtum (à 14, Teutscher Geistlichen Concerten ... Erster Theil, Nr. 20) | 00:14:27 |
Interpreten der Einspielung
- Europäisches Hanse-Ensemble (Ensemble)
- Manfred Cordes (Dirigent)
