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Exotische Wiederentdeckung

Pietro Mascagnis Oper „Iris“ in Chemnitz

Die Oper Chemnitz zeigt Pietro Mascagnis Oper Iris als musikalische Kostbarkeit und findet dafür einen passenden Rahmen

Solche Abende sind eine Herausforderung, bei der auch größere Opernhäuser als das von Chemnitz vor Aufregung vibrieren und der Intendant leicht nervös wird, weil er seine Sänger beispielsweise nicht vor den Wetter-Attacken auf die Stimmbänder schützen kann: Eine Live-Übertragung über Deutschlandradio Kultur und mdr Figaro, nicht nur in die letzten opernenthusiastischen Winkel Sachsens oder Thüringens, sondern gleich ganz Deutschlands! Und dann noch mit einer Oper, die kaum jemand schon mal auf der Bühne gesehen hat. Pietro Mascagnis (1863-1945) Einakter Cavalleria-rusticana ist zwar die Überlebensgarantie des Italieners im Repertoire – aber nicht abendfüllend und daher meist nur im Doppelpack mit Leoncavallos Bajazzo zu haben. Es war für beide der spektakuläre Anfangserfolg, der zum Karriere- und Nachweltproblem wurde.

Mascagnis etwas andere, schon sechs Jahre vor Puccinis Butterfly ihren Bühnentod sterbende japanische Kindfrau Iris ist durch Pinkerton und die imperiale Geste der Japanoper in Vergessenheit geraden. Dabei hat Mascagni das den Jugendstil inspirierende, opulent ausladende, viele Strömungen der Zeit vor der vorletzten Jahrhundertwende einfangende Opern-Japan erfunden. Eine Aufführung wird da zu einer echten Entdeckung. Eine gute Chemnitzer Tradition, die der neue Generalintendant Bernhard Helmich – pünktlich zur Halbzeit seiner ersten Saison – fortsetzt. Und das mit einem Abend, der durchweg Freude macht: Über die Wiederentdeckung eines in Vergessenheit geratenen Werkes, über die musikalische und szenische Qualität, mit der das gelungen ist, und nicht zuletzt über die hoffentlich in Besucherzahlen von auswärts ummünzbare PR-Unterstützung der Rundfunkübertragung.

Niksa Barezas persönliche Affinität zu Mascagni ist das eine. Doch dass die Robert-Schumann-Philharmonie ihrem scheidenden GMD dabei so sensibel und nuanciert, so sehr auf Transparenz und das Detail bedacht, dabei so auflodernd in der hymnischen Apotheose des Anfangs und des Schlusses, dennoch jeden Kitsch meidend, auch folgte, das ist etwas anderes. Zu erleben war ein in den letzten Jahren besonders an Wagner und Strauss geschultes und gewachsenes Orchester, das seinem langjährigen Chef ein Niveau verdankt, das diese Wiederentdeckung wie eine unangestrengte Normalität wirken ließ. Das klang auch im Hinblick auf die von Bernhard Helmich und dem neu berufenen Bareza-Nachfolger, Frank Beermann, anvisierten Kurs auf die italienische Oper mehr als vielversprechend!

Doch Butterfly-Dominanz hin oder her: Die sechs Jahre ältere Iris ist eine ebenso zarte, am Leben und der bösen Männerwelt zerbrechende Kindfrau wie Cio Cio San. Sie bekommt aber kein Kind, sondern lebt in der Blütenidylle der Obhut ihres blinden Vaters und hat allenfalls symbolistisch aufgeladene Träume. Für ihren Untergang braucht sie auch nicht die Mithilfe eines zynischen Amerikaners. Hier besorgen das die einheimischen Männer mit so schön japanischen Namen wie Osaka und Kyoto. Osaka ist der Tenorverführer schlechthin – mit einer schmalzig schönen Öffne-dein-Fester-Arie. Zusammen mit seinem Baritonkumpan Kyoto entführt er Iris mit Hilfe eines Puppenspiels. Sie gaukeln ihr den Sonnengott vor. Doch nicht im Paradies erwacht das getäuschte naive Mädchen, sondern im Bordell. War sie dem Sonnengott noch gefolgt, so verweigerte sie sich dem Mann Osaka. Und der überlässt sie enttäuscht und gelangweilt dem Bordellbesitzer Kyoto, der sie als Prachtstück in seinem Etablissement an- und ausstellt. Als der blinde Vater sie endlich findet, ist er taub für ihren Hilferuf und verflucht sie bassgrollend. Ohne Rücksicht darauf, dass sie das Entführungsopfer ist. Selbstmord nach faszinierend nachtschwarzem Todesraunen aus dem Graben und eine bombastisch hymnische Verklärung, die die Apotheose des grandiosen Chor-Auftaktes dieser Oper noch einmal wiederholt, sind die Folge.

Doch nicht nur das Orchester, sondern auch das Ensemble glänzte an diesem Abend: allen voran die nach wie vor mit Chemnitz verbundene Svetlana Katchour. Sie ist eine ebenso zarte wie kraftvoll leuchtende Iris, bei deren Rollengestaltung obendrein so etwas wie die Anmut der Unschuld aufscheint. Francesco Anile ist ein mühelos durchdringender, hochkarätiger italienischer Schmettertenor. Ein paar kleine, wohl wetter- oder aufregungsbedingte Unsauberkeiten trüben den Genuss nicht wirklich. Mit sozusagen skandinavisch grundierter Italianità war Hannu Niemelä ein markant profilierter Kyoto und Kouta Räsänen ein schlank profunder blinder Vater. Auch die kleineren Rollen waren mit Susanne Thielemann (Geisha), André Riemer, Young-Ho Jeong, Gyung-Ha Choi (Lumpensammler) sowie Peter Heber (Arzt) sorgfältig besetzt und der mit Extrakräften von Mary Adelyn Kauffmann einstudierte Chor in exzellenter Form.

Szenisch steuern Regisseur Jakob Peters-Messer und sein Ausstatter Markus Meyer mit klug dosierter, stilisierter Opulenz sowohl an der Klippe der Geisha-Folklore, als auch an der einer psychoanalysierenden Missbrauchsdeutung geschickt vorbei. Bei ihnen wird der symbolistische Gehalt des Werkes zur Handreichung seiner Deutung, indem sie die Geschichte als Traum einer Sterbenden erzählen. Die liegt zu Beginn unter einer Fieberkurve in dunkler Nüchternheit aufgebahrt wie in einer Intensivstation an der Rampe. In dem sich öffnenden, warm leuchtenden Bühnenkasten dahinter wird sie noch einmal zu einem Gast ihres kurzen Lebens – mit den sonnendurchfluteten Blütenträumen. Vor allem aber begegnet sie immer wieder bedrohlich Maskierten. Nie wirklich erkennbar werden sie für Iris zu Vorboten ihres Todes. Männer sind der Albtraum dieses jungen Mädchens ohne Chance! Eine ästhetisch geschlossene Inszenierung, die sich von der Exotik der Musik inspirieren lässt, aber ohne Aktionismus, Folklore und Kitschanklänge auskommt. Für eine Wiederentdeckung ist das allemal der beste Weg zurück auf die Bühne. Der Jubel war in Chemnitz ungetrübt.

Joachim Lange [9.2.2007]

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