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ARD-Musikwettbewerb Buchkritik Ein Fenster zu... Kompass

Ein Fenster zu...

Bedřich Smetana

Hör-Tipps anhand von ausgewählten Werken

Angeregt unter anderem von Franz Liszt, gehen im Komponieren nach Beethoven verstärkt außermusikalische Inhalte in die Musik ein. Die Musik stellt etwas dar. So kann sie nun auch, wie bei dem Liszt-Verehrer und -Freund Bedrich Smetana, patriotisch werden. Einen eigenen Nationalstil herauszubilden, sich auch musikschaffend auf seine Heimat zu besinnen, war (nicht nur) im 19. Jahrhundert eine aktuelle Idee. Die Tradition seiner Heimat ließ der in Böhmen geborene Smetana in Form von Tänzen etwa in seine Opern, Tondichtungen und Kammermusik eingehen. Doch trotz Nationaloper und Mein Vaterland ist er mehr als der tschechische Barde, der Erzähler seines Landes, wie er ihn selbst zu Beginn der Tondichtung Vysherad darstellte. Denn die Musik rückt gleichzeitig auch der eigenen Biographie näher. Die Erfahrung des frühen Todes der eigenen Kinder brachte Smetana selbst mit der Ausdruckswelt des Klaviertrios in Verbindung; und auch seine völlige Ertaubung in den 1870er Jahren, verbunden mit Depressionen, wird von ihm in Klang dokumentiert. Beiden Aspekten Smetanas, der Nationalstilistik und der Selbstbiographie, wird hier nachgegangen.

Werk-Auswahl

Mit dem Zyklus Ma Vlast (Mein Vaterland) konstituierte Smetana musikalisch so etwas wie nationale Identität. Sechs Tondichtungen, die sich auch motivisch aufeinander beziehen, feiern tschechische Geschichte (Tábor), Legende (Sárka) – und Naturschönheit. Es ist wohl nicht zuletzt die überaus originelle Dramaturgie der Vltava (Die Moldau), welche die zweite Dichtung so populär machte. Smetana verfolgt hier den Verlauf des böhmischen Flusses. Ein reizvolles Bild: Symbolisiert von einer majestätischen Melodie, deren Grundidee sehr einfach ist (dieselbe „Urlinie“ findet man etwa in Alle meine Entchen), erzählt uns der Fluß gleichsam, was er im tschechischen Land so sieht. Das ist sowohl naturalistisch wie künstlerisch geschickt geformt. Einerseits erlebt man die plastisch tongemalten Ereignisse unmittelbar mit; wie die Moldau aus zwei Quellen entspringt (die zwei sprudelnden Flöten und Klarinetten bereiten motivisch schon die Melodie vor), nach und nach anschwillt und schließlich in voller Pracht dahinströmt; wie wir an einer Jagd mit Hörnerschall, dem Tanzen einer Hochzeitsgesellschaft zu einer stilisierten Polka, an einer lieblichen Mondschein-Szene mit Wassernymphen und gedämpften Violinen vorbeifließen; wie schließlich die Moldau in Prag einmündet und auf den Vysehrad-Felsen trifft, dessen großartig sarabandenhaft-feierliches Thema den Zyklus eröffnet hatte. Andererseits schafft Smetana keine bloße Folge von Bildern, sondern eine organische Refrainform mit einem klaren Schlußhöhepunkt, in der das Moldau-Thema variiert wird und der Fluß selbst als Beobachter in wellenartigen Figurationen fast ständig präsent ist.

Musik und Leben

Das biographische Umfeld, in dem Smetanas Klaviertrio g-Moll op. 15 entstand, kann zwar nicht das Stück selbst erklären, aber doch mit zusätzlicher Bedeutung aufladen. Zwischen 1854 und 1856 starben drei von vier Kindern Smetanas; ist nicht der Abschnitt Grave, quasi marcia des letzten Satzes, bei dem die Harmonien auf ein tiefes, unerbittliches D im Klavier gestellt sind, voll von Todessymbolik? Auch der erste Satz Moderato assai ist bei aller formalen Plausibilität vor allem eines: Ausdruck. Die beiden Themen stehen zueinander sozusagen im Verhältnis Klage und Trost. Der zerrissene, gequälte Gestus des ersten Themas, von der Violine allein vorgestellt, wird, wiederholt, noch einmal intensiviert durch eine sich nach oben windende Cello-Linie. Nach ersten Entladungen, die bereits das D des oben erwähnten letzten Satzes hören lassen, tritt mit dem zweiten Thema eine Beruhigung ein. Besonders in piano-Passagen scheint der Charakter der Erinnerung auf, bis uns das erste Thema zu Beginn der Durchführung in die Gegenwart zurückreißt. Die Durchführung entfacht, dominiert vom ersten Thema, gewaltigen Furor; ganz persönlich, verinnerlicht wirkt dagegen die Kadenz des Klaviers, die zur Reprise überleitet. Auch ohne Kenntnis der privaten Situation Smetanas ist das in seinem Dualismus von Zerrissenheit und Tröstung allein musikalisch sinnvoll.

Noch ein Stück greifbarer werden autobiographische Momente in Smetanas erstem Streichquartett e-Moll von 1876, wie der Untertitel Aus meinem Leben unmißverständlich deutlich macht. Das eigene Leben läßt er hier in die Konvention der Formgebung, in die Gestaltung des eigenen Werkes eingreifen. Erwartungsgemäß steht am Schluß des Quartetts ein in hellem E-Dur beginnender Vivace-Satz; doch der „Kehraus“ wird durch ein äußeres Ereignis zerstört. Auch Reminiszenzen an Volksmusik, wie etwa die scherzoso-Melodie, von Wellenbewegungen in der zweiten Violine und Pizzicati der Viola delikat begleitet, halten dem biographischen Ereignis nicht stand. Es bricht nur umso schicksalshafter in die Idylle ein; nur kleine Beobachtungen wie etwa die unsichere Viola-Gegenstimme könnten als vorausgeworfene Schatten gedeutet werden. Es ist ein harmonischer Trugschluß, wie er auch in der Moldau vorkommt (etwa vor der Jagdepisode), der die heitere Bewegung abbrechen läßt. Über einem Tremolofeld läßt Smetana einen jener Pfeiftöne hören, die ihn bei seiner Ertaubung gequält haben. Das pathetische Hauptthema des ersten Satzes folgt, und das vivace-Thema wird wiederholt, doch pianissimo, langsam, nachdenklich: vollkommen in die Sphäre des Autobiographischen geholt.

Die Geburt der tschechischen Oper

Mit insgesamt acht Opern gelang Smetana nichts weniger, als eine bis dahin nicht vorhandene tschechische Nationaloper überhaupt erst zu schaffen; große Bekanntheit erreichte nur Prodaná Nevesta (Die verkaufte Braut). Durchsetzt von tschechischen Tänzen (etwa Polka oder Furiant) wird die hintergründige Komödie vom Brauttausch innerhalb böhmischen Dorflebens gezeigt. Ein hohes Tempo erreicht Smetana dadurch, dass er nicht bloß Nummer an Nummer reiht. Das Duett des Liebespaares Marenka und Jenìk Verné milová ni (Unsere treue Liebe widersteht dem Schicksal) ist keineswegs isoliert, sondern die Rezitativpassagen zeigen es eingebettet in den Handlungsstrom. Dennoch läßt Smetana hier eine zeitversunkene lyrische Insel erblühen; die sich in Sexten wiegende Melodie, die von den Klarinetten vorgestellt wird, schafft einen ruhigen, stabilen Klangraum, rhythmisch aufgelockert durch sanfte Synkopen. Man kann das als Zeichen der Einfachheit, aber auch der Beständigkeit der Liebe sehen. Wenn Jenìk ab seinen Text auf diese Melodie singt, kommentiert Marenka nur in einer Art Sprechgesang; die Stimmen nähern sich immer mehr an, variieren die Melodie, die in den Klarinetten – mit neuen melodischen Gedanken – erhalten bleibt. Vor der letzten Rekapitulation der Melodie wird ein kurzes Rezitativ gesetzt. Bei aller melodischen Schönheit und Versunkenheit ist die äußere Handlung gleichsam unterirdisch präsent.

Es bleibt noch viel zu entdecken in Smetanas Werk; wer die Hauptwerke bereits kennt, könnte die heroische Oper Dalibor, die nach der Verkauften Braut entstand, entdecken wollen. Am dramatischen Knotenpunkt der Handlung, wenn der gefangene Ritter Dalibor es schafft, die Gitterstäbe zu zerbrechen, hat die Musik auch dramaturgische Funktion. Das verabredete Zeichen an seine Helfer kann Dalibor mit seiner Geige nicht geben: eine Saite ist gerissen. Der Ausbruch scheitert. Die Geige, die Dalibor als Traumbild seines hingerichteten Freundes Zdenek erschienen war, sagt so seinen Untergang voraus. Hier wird das Instrument zu einem tragenden Motiv der Handlung, zu einem Sinnbild für eine bessere, doch erträumte Welt.

Dr. Michael B. Weiß

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