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ARD-Musikwettbewerb Buchkritik Ein Fenster zu... Kompass

ARD-Musikwettbewerb

Auf dem Weg zur Weltkarriere

Finale Violine beim 70. ARD-Musikwettbewerb

Auch das Finale im Fach Violine konnte gestern Abend im Herkulessaal vor großem Publikum stattfinden – zumindest theoretisch, denn trotz (oder wegen?) der 3G-Regeln wurde der Saal etwa halbvoll, immerhin. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielte unter Radoslaw Szulc in großer Besetzung und ohne Abstandsregeln, was eine angemessene Darbietung der beiden den Finalisten zur Auswahl gestellten Violinkonzerte von Frank Martin (1951) bzw. Paul Hindemith (1939) garantierte. Mancher fragte sich wohl, warum man nicht eines der Standardwerke gefordert hatte, und ob es für die jungen Künstler nicht sogar nachteilig sein könne, einen solch wichtigen Preis mit wenig bekanntem Repertoire erspielt zu haben. 

Nun handelt es sich bei diesen Konzerten zweifellos um echte Großkaliber, die in ihrer musikalischen Qualität durchaus an besagte Standards heranreichen, wo man auf der Violine alles zeigen kann – und das Publikum ist dann auch nach anfänglicher Skepsis völlig begeistert. Szulc begleitet agogisch sensibel, animiert das Orchester, das offensichtlich nach langer Corona-Pause glücklich ist, endlich wieder „normal“ loslegen zu dürfen, jedoch leider nicht nur bei den Zwischenspielen zu einem zu knalligen Forte, und deckt so gerade bei Hindemith die Solisten – alle bereits Preisträger anderer großer Wettbewerbe – stellenweise zu.

Dmitry Smirnov

Der Russe hat Frank Martin gewählt, mit seiner Dramatik und Intensität das symphonischere und vielleicht vielschichtigere Stück. Schon die energischen Doppelgriffe zu Beginn zeigen, wie fantastisch diese Aufführung zu werden verspricht. Smirnovs Verständnis für die Harmonik und den großen, musikalischen Bogen ist sensationell, jedes Detail erscheint sinnfällig. Seine staunenswerte Bühnenpräsenz, die ein wenig an Nigel Kennedy erinnert, überträgt sich unmittelbar auf Orchester wie Publikum. Der große Ton ist immer tragfähig, in der Kadenz gibt es tolles Getrillere. Im langsamen Satz gelingt dem Geiger ein elegischer, von tiefster Trauer geprägter Ausdruck, der in eindringlicher Einsamkeit endet. Das enorm konzertante Finale überzeugt ebenso – eine Weltklasse-Leistung!

Alexandra Tirsu

Beim Hindemith-Konzert, dem durch seine über weite Strecken geforderte hohe Lage anstrengenderem Werk, agiert die Rumänin noch klangschöner, besonders bei Oktaven. Die lange Kantilene im zweiten Satz verleitet Tirsu geradezu zum Schwelgen in Lyrismen. Die Kadenz – hier erst im Finale – spielt sie dicht und entschlossen. Trotz ihrer technischen Überlegenheit lässt sie sich zu oft vom Orchester überdecken. Der große Spannungsbogen gelingt ihr leider nicht perfekt, bei den Zwischenspielen wirkt sie seltsam unbeteiligt. So zerfällt ihr Vortrag ein wenig ins Episodenhafte. Vom Saal erhält sie allerdings den wohl gewaltigsten Beifall – und dann schließlich auch den Publikumspreis.

Seiji Okamoto

Dass sich der im Semifinale zwar hellwach, aber auch ein wenig introvertiert agierende Japaner beim Hindemith noch einmal so steigern würde, hätte der Rezensent eigentlich nicht erwartet. In der Höhe ist er nicht so überragend wie Tirsu, sein Vibrato klingt dort ein paar Mal quietschig. Allerdings kann Okamotos intelligente Phrasierung absolut überzeugen, die Kantilene im langsamen Satz gelingt ihm ebenfalls ausgezeichnet, sein klareres harmonisches Verständnis wird dann zumal in der Kadenz deutlich, wo er ganz aus sich herausgeht. Okamotos Spiel erscheint völlig integriert ins Orchestergeschehen, ist eloquenter und zielgerichteter als das der Rumänin. So wird der Zusammenhang des gewaltigen Werkes verständlich. Klanglich bleibt der Solist immer über dem Orchester, selbst die verrückten Glissandi ganz am Schluss entfalten so ihre Wirkung. Okamoto kann bei diesem Werk seine Konkurrentin tatsächlich noch ausstechen.

Selten hohes Niveau

Das Niveau des Finales ist dieses Jahr so hoch wie selten, was sich in drei Preisen niederschlägt. Der Favorit des Rezensenten wäre allerdings Smirnov gewesen. Die Jury hat etwas anders entschieden; aber alle drei Finalisten haben das Zeug zu einer Weltkarriere: Der erste Preis ging an Seiji Okamoto, der zweite an Dmitry Smirnov und der dritte an Alexandra Tirsu.

Martin Blaumeiser (13.09.2021)

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