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Verdi in Fürstenfeldbruck

Neuproduktion des "Nabucco" überzeugt in szenischer und musikalischer Hinsicht

Szene aus "Nabucco" in FFB

Szene aus "Nabucco" in FFB
Foto: Carmen Voxbrunner

Abseits von den großen Festivalzentren, deren Produktionen derzeit die Feuilletons auf Touren laufen lassen, fand in der vor München liegenden Kleinstadt Fürstenfeldbruck ein musikalisches Ereignis statt, dem man als von auswärts Angereister durchaus Festspielcharakter zuerkennen kann.

Der Philharmonische Chor Fürstenfeld und das Akademische Sinfonieorchester München, zwei traditionsreiche Amateurformationen, brachten Verdis „Nabucco“ in der Originalsprache heraus. Nicht als Open-Air-Spektakel, sondern wetterunabhängig in der Stadthalle, die am Rande der Klosteranlage liegt und von der Atmosphäre dieses Ambientes profitiert.

Zu erleben war eine vorzügliche Ensemblearbeit, die von einem starken Team geleitet wurde, bestehend aus der Dirigentin Caroline Foto: Carmen VoxbrunnerFoto: Carmen VoxbrunnerNordmeyer, der Regisseurin Birgit Kronshage, der Bühnenbildnerin Tamara Oswatitsch und dem Dramaturgen Martin Lade. Da haben offenbar alle an einem Strang gezogen, was im heutigen Opernbetrieb eher die Ausnahme ist.

Die Handlung spielt in einer vom Kriege gezeichneten Trümmerwüste. Tamara Oswatitsch hat eine weißgraue Einheitsszenerie geschaffen, die Raum lässt für Projektionen wie das vom IS zerstörte Palmyra. Doch stellt die Inszenierung keine wohlfeilen Analogien her, arbeitet vielmehr mit Assoziationen und animiert den Zuschauer zum Mitdenken. Birgit Kronshage versteht es zudem, die zahlreichen Tableaus, die den Stil der Oper bestimmen, spielerisch aufzulösen. Hebräer und Babylonier werden nicht als stumpfe Masse dargestellt, sondern nach Möglichkeit individualisiert, der gesanglich fabelhafte Chor (Einstudierung: Andreas Obermayer) beweist da auch darstellerische Talente.

Musikalisch vermag die Aufführung mitzureißen. Die Dirigentin Carolin Nordmeyer hat ein sicheres Gespür für den Stil dieses frühen Verdi, musiziert mit Feuer und rhythmischem Drive, dämpft aber das Tsching-darassa-bum, das man mit Nabucco auch verbindet, zugunsten warmer Kantilene. Foto: Carmen VoxbrunnerFoto: Carmen VoxbrunnerUnter ihrer Leitung spielt das Akademische Sinfonieorchester München, dem sie seit einigen Jahren vorsteht, hochprofessionell auf. Interessant, dass der „Schlager“ des Stücks, der vielstrapazierte Gefangenenchor, hier nicht wie in der Partitur notiert „largo“ gespielt wird, sondern eher „andante“, damit nicht als Klagegesang erscheint, sondern als hoffnungsvoller Aufbruch. Und dabei öffnet sich sinnig die Rückwand der Bühne und gibt den Blick frei auf den blauen Himmel über dem Innenhof der Klosteranlage. Ein starker szenischer Eindruck, der durch den Gesang des Philharmonischen Chors, der bei aller Klangfülle auch dynamische Abstufungen kennt, unterstützt wird. Respekt vor dieser Leistung, denn ohne einen sehr guten Chor ist Nabucco einfach nicht zu realisieren.

Die sorgfältige musikalische Einstudierung zeigte sich aber auch bei den Solisten, durchweg erfahrenen Profis. Da vernahm man kein vokales Muskelspielen, wie man es aus Arenen kennt, und keinerlei Gebrüll, sondern fein ausdifferenzierten Gesang. Insbesondere für die so schwierigen Rollen der Abigaille und des Nabucco fanden sich Interpreten, die sich mit Verdis Stil vertraut zeigten. Zwar verfügen Oxana Arkaeva und Attila Mokus über den Biß und die schneidende Attacke, die in diesen Partien gefordert sind, zugleich aber über ein warmes Legato und hohe Phrasierungskultur. Die ukrainische Sopranistin berührte in den lyrischen Momenten, speziell in der Arie „Anch’io dischiuso un giorno“ mit zarten piani und diminuendi, dominierte andererseits die Ensembles mit vokalen Leuchtraketen. Foto: Carmen VoxbrunnerFoto: Carmen VoxbrunnerAuch der serbische Bariton vermittelte solche Wechselbäder der Gefühle, um Größenwahn wie Zerknirschung Nabuccos zum Ausdruck zu bringen. Seine reumütige Anrufung Jehovas („Dio di Giuda“) sang er mit schöner Verhaltenheit auf dem Rücken liegend. Ein berufener Verdi-Sänger, von dem man zweifellos noch hören wird, und deshalb wog es nicht so schwer, dass er für diese Vaterrolle im Grunde zu jung ist. Ebenso wie der Zaccaria von Martin Js. Ohu, ein vielversprechender basso cantante mit opulenter Fülle und Resonanz in der Mittellage und sicherer Tiefe. Bei Byoung-Nam Stefano Hwang bedauerte man, dass Verdi die Partie des Ismaele so stiefmütterlich behandelt hat – nicht einmal eine Arie darf er singen -, denn er ist für dieses Fach prädestiniert und man möchte ihn gerne in größeren Rollen wie Manrico oder Ernani erleben. Für Fenena hat sich der Maestro im letzten Akt zumindest ein kurzes, aber einprägsames Arioso („Oh, dischiuso è il firmamento“) einfallen lassen. Die attraktive und allzeit präsente Cornelia Lanz rückte ihre Partie aber durchaus ins rechte Licht. Das muß man auch Soomin Yu in der noch kleineren Rolle von Zaccarias Tochter Anna attestieren.

Dass sich diese Produktion über den Tag hinaus dem Gedächtnis einprägen wird, liegt an der eigenwilligen Lösung der Schlußszene, die von der Partitur abweicht, aber nicht gegen den Geist des Werkes verstößt und vielleicht sogar Verdis Zustimmung gefunden hätte. Nach Abigailles Sterbeszene, von Arkaeva ergreifend gestaltet, entsteht ein längeres stummes Tableau, danach folgt nicht das (komponierte) triumphale Finale der Sieger, sondern alle Parteien finden sich gemeinschaftlich noch einmal zu dem Chor „Va pensiero“ zusammen, an dem nun auch die Solisten teilnehmen. Entgegen der Realität unserer Zeit wird hier das friedliche Nebeneinander der Religionen und Kulturen als Utopie heraufbeschworen.

Trotz hochsommerlicher Temperatur war die von mir besuchte Sonntagnachmittags-Vorstellung ausverkauft und das Publikum, vorher (wohl auch aus Unsicherheit) sparsam mit Zwischenapplaus, überschüttete am Ende alle Beteiligten minutenlang mit Ovationen.

Ekkehard Pluta [1.8.2017]

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