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Zum Tod von Jürgen Schmidt (Preiser-Records)

Am 19. August 2010 ist Jürgen Schmidt, der langjährige Produktions- und Aufnahmeleiter der Plattenfirma Preiser Records, in Wien gestorben. Mit dem Tod dieses eminenten Fachmannes für die Rekonstruktion historischer Tonaufnahmen endet ein wertvolles Kapitel der neueren Tonträgergeschichte.

Jürgen Schmidt wurde am 14. Januar 1937 in Berlin geboren, kam aber bereits als Kind nach Wien. Die reichen musikalischen Ereignisse der Wiener Nachkriegszeit zogen in ihn früh ihren Bann, das Interesse an Schallplatten erwachte und ließ ihn sein Leben lang nicht mehr los. In dem Firmengründer Otto G. Preiser (1920-1996) fand er einen Freund und Kompagnon, der ihm auf dem Schallplatten-Sektor völlig freie Hand ließ. Der Name Preiser-Records – Jürgen Schmidts Schöpfung und Werk – wurde rasch bekannt und stand durch rund vier Jahrzehnte als Begriff für qualitätsvolle und ungewöhnliche Programme da. Das Repertoire war ungemein vielseitig, brachte im wahrsten Sinn Altes und Neues.

Eine besondere Vorliebe zeigte Schmidt für die Wiener Kabarettszene, er brachte zahlreiche historische Aufnahmen (Fritz Grünbaum, Heinrich Eisenbach, Armin Berg, Hermann Leopoldi) hervor, ebenso auch die neueren Talente wie Helmut Qualtinger („Der Herr Karl“), Georg Kreisler, Gerhard Bronner. Es ist kaum möglich, in wenigen Worten den gesamten Wirkungskreis dieses ingeniösen Menschen nachzuzeichnen, wohl aber muß erwähnt werden, dass er sich mit gutem Instinkt auch als Förderer junger Talente auszeichnete. Dem aus Holland stammenden Bassbariton Robert Holl hat er zu seinen ersten Erfolgen in Wien verholfen. Schmidt, der selbst eine gute Gesangsstimme besaß und in jungen Jahren in der Wiener Kammeroper als Mozart-Sänger aufgetreten ist, stand mit zahlreichen Künstlern im engsten persönlichen Kontakt. Sein großes Ideal war der Heldenbariton Hans Hotter, mit dem ihn enge Freundschaft verband.

Als die Großtat Jürgen Schmidts darf die von ihm initiierte Schallplattenserie „Lebendige Vergangenheit“ bezeichnet werden, die gleich mit dem Erscheinen der ersten Folge – sie war dem von Gustav Mahler an die Wiener Hofoper geholten Bassisten Richard Mayr gewidmet – alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein wahres Kompendium der Gesangskunst ist da entstanden, ein Lehrwerk für Vokalmusik, von bleibender Gültigkeit. Die Langspielplatten mit den violetten Umschlägen konnte man in den Musikläden von London, New York, Tokio usw. finden. Zahlreiche dieser Produktionen wurden mit Preisen ausgezeichnet.

Schmidt, der selbst ein Sammler von Schallplatten-Raritäten war, verwendete für die Überspielung stets die originalen Vorlagen und widmete sich mit höchster Sorgfalt der Restaurations-Tätigkeit. Richtigkeit der Tonhöhe, Säuberung von störenden Nebengeräuschen, bestmögliche akustische Präsenz – all das war für ihn Selbstverständlichkeit. Was Zuverlässigkeit und Reinheit der Reproduktion betraf, standen diese Aufnahmen konkurrenzlos da. Schon im Jahr 1987 war die Zahl der LV-Serie auf fünfhundert Stück angewachsen, seither ist ungefähr dieselbe Summe noch einmal dazugekommen.

Jürgen Schmidt war bekannt als humorvoller, umgänglicher Mensch, in den Wiener Künstlerkreisen bekannt und beliebt. Im Alter von 73 Jahren ist er nun gestorben, ganz unerwartet und noch immer voller Ideen und Pläne. Ein schwerer Verlust für das Medium Schallplatte. Das oft gedankenlos verwendete Wort „unersetzbar“ trifft hier vollkommen zu.

Clemens Höslinger [3.9.2010]

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