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Clarté und Geräusch

Semifinale der Fagottisten beim ARD-Wettbewerb

Das Semifinale der Fagottisten nutzte die Jury, um die stilistische Wandelbarkeit der Teilnehmer zu durchleuchten, denn neben dem in allen Orchestervorspielen obligatorischen Konzert B-Dur KV 191 – ohne Dirigent – des 18jährigen Mozart im Galanten Stil der 1770er Jahre waren die Avantgarde-Kunststücke der Auftragskomposition von Milica Djordjevic zu bewältigen.

Dieses düstere Notturno trägt den Titel „nailing clouds“, könnte aber genausogut „Suggestion diabolique“, „black intention“ oder „quailing louds“ heißen. Das Klangergebnis des zerfahrenen Stücks mutet wie ein Katalog der seit den 60er-Jahren neu entdeckten Bläserklänge an. Multiphonics (Mehrfachklänge), Klappengeräusche, Mikrotonalität, Glissandi, exzessive Vibrati durch Zwerchfell, Kehlkopf (chevroter) und Ansatz, Glissandi, Frullato, Tremoli: alles vorhanden. Alle diese Effekte können sinnvoll sein, wenn sie von einem Komponisten verwendet werden, der das Solo-Instrument selbst zumindest semiprofessionell beherrscht, was Milica Djordjevic jedoch auf Nachfrage in der Pressekonferenz verneinen musste.

Die erste, durch das Los bestimmte Interpretin war Marie Boichard aus Frankreich, die als einzige ein Basson französischer Bauart spielte. Ihr Mozart litt unter Artikulationsdefiziten, die im ersten Satz (T. 51ff.) dazu führten, dass die repetierten Sechzehntel zu Achteltriolen verschliffen wurden. Ihr Ton war überluftet und deshalb weniger kräftig als der der Konkurrenz. Auch nahm sie sich durch überflüssige Bewegungen selbst einen Teil der Spannung. Die zahlreichen Kadenzen wirkten etwas zu wenig spontan. In „nailing clouds“ war sie eindeutig benachteiligt, da die Spielanweisungen der Mehrklänge nur die Griffe für das in Deutschland übliche Heckel-System vermerkten.

Den größtmöglichen Kontrast hierzu bildete der Spanier Ignacio Soler Peréz, dessen Freude am Spiel sich unmittelbar auf die Zuhörer übertrug. Makellos artikulierend mit großem, erdigen Ton, subtiler Phrasierung der lyrischen Kantilenen und der nötigen Frechheit in Eingängen, Fermaten und Kadenzen gelang ihm eine wirklich großartige Mozart-Interpretation. Auch gelang es ihm mustergültig, allen heiklen weiten Intervallsprüngen in Portato und Legato melodische Bindung zu verleihen. Das Auftragswerk gelang vielleicht etwas ruppiger, behielt dadurch aber eine kontinuierliche Spannung.

Auf gleich hohem Niveau präsentierte sich Theo Plath aus Deutschland, dem die Kommunikation mit dem Orchester am Besten gelang. Dies lag auch daran, dass er als Einziger die Tuttis der Ecksätze mitspielte, wie es sich für ein Werk aus dem Jahre 1774 gehört. Tonlich etwas silbriger und schlanker gelangen ihm die improvisatorischen Partien ausgesprochen charmant. Alle Phrasen wurden mit präzisem Timing auf ihre Höhepunkte hin musiziert. Lange Töne erhielten das ihnen stilistisch angemessene „messa di voce“, Sequenzen wurden farblich fein abgetönt, was besonders in T. 58ff. des Finales zum Aufhorchen zwang. Dem Auftragswerk zog er einige „Nägel“, indem er gezielt auf Wohlklang setzte.

Michaela Spackova aus Tschechien gebärdete sich ein wenig zu divenmäßig mit ausladenden Bewegungen, die dem Orchester keinerlei Orientierung vermittelten. Ihre Zungentechnik reicht noch nicht aus, um die vielen 16tel-Passagen wirklich brillant und mit der geforderten Kombination aus Legato und Staccato zu gestalten. Durch zu lauten Beginn hängen Kantilenen durch, weite Intervalle geraten anstatt Bögen zu bilden zu Sprüngen, sodass sich gepflegte Langeweile einstellt. Dieses Problem betrifft auch die zu humorlos gestalteten Kadenzen. Die „genagelten Wolken“ wurden schnell und relativ laut abgefertigt.

Mathis Stier aus Deutschland gelang ein brillanter Mozart mit schöner Kantilene im langsamen Satz und exzellenter Bindung weiter Intervalle. Seine Kadenzen waren hinsichtlich Timing und Spielwitz am besten durchgestaltet. Besonders schön klangen seine unforciert-glockigen Staccati. Im Auftragswerk glänzte er mit einem fesselnden ppp-Beginn und den elegantesten Glissandi. Das pp an der Obergrenze des Umfangs klang gelegentlich etwas kränklich, was aber durchaus zum Stück passte.

Der Mozart geriet dem Italiener Andrea Celacchi eher glatt denn aufregend. Das war zwar hübsch anzuhören, brachte jedoch keinerlei neue Impulse, denn dafür waren seine Staccati zu unpräzise, die Umsetzung der Bindungen in den Sechzehntelpassagen zu ungenau, das Timing der Lyrismen zu wenig raffiniert. Dafür gelang ihm vor bereits erheblich gelichteten Zuhörerreihen die überzeugendste Gestaltung des Auftragsnotturnos mit weicher Sonorität sowie einem von Intention getragenen tieferen Verständnis des Werks.

Besonderer Dank gebührt wieder dem Münchener Kammerorchester für subtile Begleitung und die über sechs Durchgänge aufrechterhaltene wache Spannung.

Wenngleich ich statt Andrea Celacchi lieber Ignacio Soler Peréz im Finale gehört hätte, kann ich mich mit der restlichen Finalisten-Entscheidung der Jury für die beiden Deutschen Theo Plath und Mathis Stier sehr wohl anfreunden.

Thomas Baack [13.9.2019]

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