Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Über uns | Impressum | Kontakt | Sitemap

Texte

Schräges zum Schluss

Klarinetten-Finale des ARD-Wettbewerbs

Die Gewinner im Fach Klarinette

Die Gewinner im Fach Klarinette
Foto: BR / Daniel Delang

Für die Endrunde hatte die Jury den Finalisten die Wahl zwischen den Klarinettenkonzerten der zeitgenössischen Komponisten Sándor Veress und Eliott Carter gelassen. Beide behandeln das Instrument vergleichsweise konservativ und verzichten bis auf ein gelegentliches Frullato (Flatterzunge) auf avantgardistische Effekte (Mehrklänge, Klappen- oder Windgeräusche).

Sándor Veress kann trotz Verwendung der Zwölftontechnik eine innere Nähe zu seinen Lehrern Kodály und Bartok sowie zur Volksmusik seiner ungarischen Heimat nicht verhehlen, so dass in dieser „Musik für Klarinette, Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ schmerzlich bukolische, gelegentlich orientalisch ornamentierte Kantilenen mit Abschnitten zündender, mitreißender Rhythmik abwechseln. Ein dankbares Werk, das in seinem Farbenreichtum und seiner Emotionalität auch ein breiteres Publikum für sich einzunehmen vermag.

Der Portugiese Carlos Alexandre Britos Ferreira blies dieses Konzert mit vollendeter Klangschönheit, technischer Souveränität in den anspruchsvollen Hochgeschwindigkeitspassagen und sagenhafter Atemtechnik in der langen Fortissimo-Kantilene im Clarin-Register.

Wesentlich spröder und hermetischer gibt sich das Konzert von Eliott Carter. Es ist seriell durchstrukturiert, leidet jedoch – wie auch so manche Komposition Pierre Boulez‘ – daran, dass die Strukturen gehörsmäßig nicht mehr erfasst werden können und dadurch der Eindruck von Desorganisation und Beliebigkeit entsteht. Mit Musik dieser Stilrichtung wenig vertraute Hörer mögen sich hier fragen: „Stimmen die noch, oder spielen sie schon?“. Carter spaltet das Orchester (kleines Streicherensemble, einfach besetzte Bläser (Fl., Ob., Eh, Pos, Tuba, Horn), Harfe, Klavier, großbesetztes Schlagwerk) in unterschiedliche Klanggruppen auf und schreibt dem Solisten vor, sich jeweils zur aktiven Gruppe zu begeben, so dass dieser mehrfach die Position wechseln muss. Nett, aber für ein Stück von 1996 auch nicht sonderlich innovativ.

Joë Christophe aus Frankreich, dem im Semifinale bereits die durchdachteste Interpretation des Mozart-Konzerts gelang, gestaltete das exorbitant schwierige, stark verkopfte Werk mit der Übersicht eines kühlen Intellekts. Ihm gelang das vertrackte Laufwerk genauso makellos wie eine knifflige Staccato-Partie gegen Ende. Einige Spitzentöne an der Obergrenze der dreigestrichenen Oktave wirkten vielleicht etwas grell.

Diese gelangen Han Kim aus Südkorea wesentlich geschmeidiger, der das Werk mit größerer Wärme anlegte und ihm dadurch an einigen Stellen so etwas wie „lyrischen Zauber“ abringen konnte. Dafür spielte er die virtuosen Passagen weniger deutlich und präzise.

Das Münchner Rundfunkorchester unter Valentin Uryupin – Gewinner zahlreicher Wettbewerbe sowohl für Klarinette (!) als auch als Dirigent – meisterte den in beiden Werken außerordentlich anspruchsvollen Orchesterpart bravourös.

Die Jury entschloss sich zur Vergabe von zwei 2. und einem 1. Preis: Jeweils einen 2. Preis erhielten Carlos Alexandre Britos Ferreira (Portugal) und Han Kim (Südkorea), dem auch der Publikumspreis zuerkannt wurde. Joë Christophe (Frankreich) erspielte sich neben dem 1. Preis den Gebrüder-Busch-Preis sowie denjenigen für die beste Interpretation der Auftragskomposition.

Thomas Baack [12.9.2019]

⇑ nach oben

Impressum Kontakt AGBs Datenschutz Haftungsausschluss Mediadaten Sitemap

© Klassik Heute GbR

jpc
Benevento Publishing