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Proteste bei der Preisvergabe

Finale im Fach Klaviertrio beim 67. Musikwettbewerb der ARD

Das Aoi Trio aus Japan

Das Aoi Trio aus Japan
Foto: Daniel Delang, BR

Um Vergleichbarkeit bemüht, hatte die Jury beim gestrigen Finale im Fach Klaviertrio wieder einen engen Parcours aufgestellt. Diesmal war neben der Kammersonate von Hans Werner Henze, die in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag feiert – eine Revision erfolgte 1963 – eines der beiden großen Trios von Franz Schubert gefordert.

Die Henze-Sonate aus dem Jahr 1948 befreite sich von allen durch die von der vormaligen Diktatur auferlegten Zwängen durch einen manchmal etwas wilden Mix aus Atonalität und tonal gerade noch deutbaren Klängen. Heutzutage schockiert ihre Modernität den erfahrenen Hörer nicht mehr, jedoch haben Laien damit immer noch ihre Probleme. Ihnen hätte man sicherlich mehr Freude mit einem Pfitzner, Genzmer, Schostakowitsch, Britten oder Bridge machen könnne. Auf jeden Fall hat die Henze-Sonate es nicht geschafft, in das Klavier-Trio-Repertoire einzugehen, was auch daraus ersichtlich war, dass einige Jury-Mitglieder ohne die Partitur nicht auskamen...

Eine erfolgreiche Interpretation dieses Werkes gelingt nur, wenn die Spieler – nach vorheriger eingehender Analyse – es vermögen, dem Zuhörer eine bildhaft-spannende Geschichte zu erzählen. Dies gelang einzig dem Trio Marvin, dem man hier gebannt zuhören konnte. Das Lux Trio zog sich mit einer „wir verstehen den Quatsch zwar nicht so ganz, aber das, was wir verstanden haben, präsentieren wir mit aller uns zu Gebote stehendender Klangschönheit“-Haltung aus der Affäre. Das Aoi Trio – der Name leitet sich aus den Anfangsbuchstaben der Nachnamen der Mitglieder ab – mit einer ähnlichen Attitüde trug dazu bei, dass bei den nachfolgenden Trios, die den Henze als Schluss-Stück programmiert hatten, einzelne Zuhörer vor dem Henze die Flucht ergriffen. Das Alleinstellungsmerkmal für das Aoi Trio bestand darin, dass es sich für das Schubert-Trio in Es-Dur, D 929, entschieden hatte. Dieses wurde ansprechend und in den Details exzellent musiziert. Dem gloriosen – jedoch definitiv zu lauten – Pianisten Kosuke Akimoto wäre eine beachtliche Solokarriere zuzutrauen. Geigerin Kyoko Ogawa konnte durch Ricochets bei schnellen Tonwiederholungen punkten, lieferte ihre Oktavenstellen aber intonatorisch leicht dubios ab. Ein emotionaler Moment gelang erst bei der Wiederaufnahme des Andante-Themas im Rondo-Finale.

Die beiden anderen Trios entschieden sich für das B-Dur-Trio D898. Hier zeigte das Trio Marvin bereits durch die differenzierte Artikulation der Triolen in Takt 2 und 3 seine Klasse. Wenn ein Ensemble die Maxime „Phrasierung bedeutet, jedem Ton eine Richtung zu geben“ verinnerlicht hat, so sind es die Marvins. Beispielhaft die punktierten Viertel im Andante, von denen jedes Ziel und Richtung hatte. Tonwiederholungen im Finale, die meist nur als harmonische Füllsel wahrgenommen werden, vermochte Cellist Marius Urba rhythmische Impulse abzugewinnen. Artkulation und Vibrato waren vorbildlich vereintheitlicht. Hingegen pinselte das Trio Lux mit gröberem Quast, was aufgrund der höheren Opulenz dem Durchschnittshörer gefiel und somit auch für den Publikumspreis sorgte, wenngleich das präsentierte Luxusvibrato sich eher für die Trios Tschaikowskis, Dvoráks oder Rachmaninoffs eignet.

Auch aufgrund der einzig vertretbaren Geistertrio-Gestaltung im Semifinale hätten die Marvins den ersten Preis verdient. Jetzt teilen sie sich den Dritten mit dem Lux Trio, das auch den Publikumspreis erhielt, was für deutliche Missfallenskundgebungen seitens des Publikums wegen der Vergabe des ersten Preises an das Aoi Trio sorgte. Die beiden anderen Trios erzielten bereits in bedeutenden Wettbewerben Top-Platzierungen.

Thomas Baack [16.9.2018]

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