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Meldung vom 24.10.2019

Hinweis im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes

Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit sowie der orthographischen und grammatikalischen Korrektheit wird auf die Praxis der verkürzten geschlechterspezifischen Differenzierung verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung gleichermaßen für alle Geschlechter.

Zum Tod von Christopher Rouse

Am 21. September 2019 ist Christopher Rouse in seiner Geburtsstadt Baltimore, Maryland, gestorben. Wie mittlerweile bekannt geworden ist, wurde das Leben des 70-jährigen Komponisten durch eine Nierenkrebserkrankung beendet, unter er bereits seit acht Jahren gelitten hatte.

Die Bewunderer seiner Musik müssen bestürzt zur Kenntnis nehmen, dass damit das Lebenswerk eines Mannes, den unter den Lebenden und Schaffenden zu wissen eine wahre Freude war, abgeschlossen vorliegt.

1949 geboren, hatte Rouse das Glück, in dem Schönberg-Schüler Richard Hoffmann, dem stets nach neuen klanglichen Ausdrucksmöglichkeiten strebenden George Crumb und dem bei Nadia Boulanger ausgebildeten, in der Tradition der großen osteuropäischen Musik stehenden Karel Husa drei sehr unterschiedliche Lehrer zu finden, die ihm ein umfassendes Bild von der Musik des 20.  Jahrhunderts vermitteln konnten. Die sichere Beherrschung der avantgardistischen Kompositions-, Spiel- und Notationstechniken, die er sich dabei erwarb, ist seiner die tonale Zentrierung nie verleugnenden Musik wiederholt zugute gekommen. So wird, wer etwa die Partitur seines diatonischsten Orchesterwerkes, Rapture, aufschlägt, finden, dass die besonders entrückt klingenden Stellen auf kontrollierter Aleatorik basieren. Sein sicheres Gespür dafür, welche Wirkung mit welchen Mitteln erzielt werden kann, gestattete Rouse in seinen Kompositionen den Einsatz selbst sehr starker Kontraste, ohne dass die Ausgewogenheit der Form darunter litt. Der Reiz seiner Musik liegt oft in dem Wechselspiel zwischen vorwärtsdrängender Bewegungsenergie und einem leidenschaftlichen Sich-Versenken in momentane Stimmungen. Als bekennend traditioneller Komponist, der seine Werke auf dem Ineinandergreifen harmonischer Spannungen und rhythmischer Pulse aufbaute, hat Rouse nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er zum eigenen Schaffen gelegentlich die Anregung durch frühere Meister und die Auseinandersetzung mit ihnen suchte. Manchmal sind solche Beziehungen durch Zitate kenntlich gemacht, deren Positionierung im Verlauf so geschickt ist, dass sie untrennbar mit ihrem Kontext verschmelzen. In seiner Dritten Symphonie ging Rouse noch weiter, und entwarf sie demonstrativ nach dem Vorbild von Prokofjews Zweiter (die ja selbst wiederum eine Hommage an Beethovens op. 111 darstellt). Trotz seiner lebenslangen Liebe zur Rockmusik, deren Klänge seine Jugend geprägt hatten, sah es der Komponist nicht als sein hauptsächliches Ziel an, Symphonik und Rock miteinander zu vereinen. Nichtsdestoweniger existieren wenige Stücke aus seiner Feder, die ausdrücklich auf Rockidiome Bezug nehmen, etwa Der gerettete Alberich, ein Schlagzeugkonzert auf Themen aus Wagners Ring. Auch auf manche rhythmisch geprägte Passage seiner übrigen Werke mögen sie inspirierend gewirkt haben.

Rouse war kein Vielschreiber. Sein Werkverzeichnis umfasst gut 50 Kompositionen, überwiegend Instrumentalmusik, davon etwa zwei Drittel für Orchester. Als Meister der Instrumentation genoss er allgemeine Anerkennung. Dass er selbst kein Instrument spielte, wirkte sich dabei nicht hemmend auf seine Phantasie aus, sondern beflügelte sie eher. Wie für seinen „desert island composer“ Hector Berlioz war auch für Rouse das Orchester sein ureigenes Instrument. Musikalische Gedanken fielen ihm bereits in ihrem charakteristischen Klanggewand ein, so dass Komposition und Instrumentation nicht voneinander zu trennen waren. Rouse pflegte seine Werke im Kopf zu skizzieren. Das einzige, was er davon schließlich niederschrieb, waren die fertigen Partituren. Die innige Verbundenheit des Komponisten mit dem Orchesterklang zeigt sich auch in seiner Kammermusik, etwa dem frühen Ensemblestück Rotae Passionis, in dem die Instrumente so brillant eingesetzt werden, dass man durchaus den Eindruck erhält, es seien mehr als bloß acht Spieler beteiligt. Bezeichnenderweise existiert das zweite seiner drei Streichquartette auch in einer Fassung als Concerto per Corde.

In allen Phasen seines schöpferischen Wirkens hat Rouse meisterhaft gearbeitete, phantasievoll gestaltete Kompositionen verfasst. Unter seinen frühen Orchesterwerken sticht Gorgon hervor, eine dreisätzige infernalische Tour-de-force in ununterbrochenem Presto-Tempo. Die zwölf Konzerte sind im Hinblick auf die Möglichkeiten des jeweiligen Soloinstruments konzipiert und stellen es auf eine seinem Klangcharakter angemessene Weise dem Orchester wirkungsvoll gegenüber. Seine Sechs Symphonien, deren letzte posthum am 18. Oktober 2019 ihre Uraufführung erlebte, dürfen als die hervorragendsten gelten, die in den Vereinigten Staaten seit Peter Mennin geschrieben wurden.

Es bleibt zu wünschen, dass der Erfolg, dessen sich Rouse zu Lebzeiten erfreuen konnte, und der sich neben zahlreichen CD-Einspielungen vor allem darin niederschlug, dass alle großen Orchester seines Heimatlandes seine Werke spielten, dem Komponisten auch nach seinem Tode treu bleiben möge. Ein Lebenswerk dieser Qualität verdient anhaltende Pflege.

Norbert Florian Schuck

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