Kristjan Järvi und das MDR Sinfonieorchester beim October Festival
Man fragt sich manchmal, wie der in Estland geborene und heute in Leipzig und USA lebende Dirigent Kristjan Järvi alle seine Projekte gleichzeitig stemmt. Kaum von der Europa-Tournee mit dem Baltic Sea Youth Philharmonic zurück, liefert Kristjan Järvi als künstlerischer Leiter und Chefdirigent des MDR Sinfonieorchesters ein ambitioniertes „Heimspiel“ für das October Festival des MDR.
Die Vielschichtigkeit des Programms der insgesamt sechs Konzerte an verschiedenen Spielstätten in und um Leipzig mutet spektakulär an: Sie demonstriert Järvis offenen Blick über Grenzen, Kulturen, Epochen und Genres hinweg, zeigt, wie flexibel er einen sinfonischen Klangkörper in den unterschiedlichsten Kontexten einsetzt. Mit seinem MDR Sinfonieorchester wagt Kristjan Järvi einen bislang erst äußert selten praktizierten Brückenschlag, wenn er das marokkanisches Gnawa-Ensemble um dessen Leiter Aziz Sahmaoui in den sinfonischen Klangkörper integriert.
Zu Kristjan Järvis Markenzeichen gehört es auch, Musikhistorie in neue Zusammenhänge der musikalischen Gegenwart zu setzen. Der Blick gen Süden streift auch die Musikstadt Wien. Hier zieht Kristjan Järvi eine Verbindungslinie zwischen Beethoven und Joe Zawinul, dem 2007 verstorbenen Jazzpianisten und Keyboarder. Und mehr noch: Wieder sind hier die Gnawa-Musiker als zusätzliche Bereicherung im Spiel. Zudem wird Django Bates die Synthesizersoli spielen, für die Zawinul so berühmt wurde.
Einfach gute Musik machen und dabei alt und neu zu vereinen, so etwas weitet durch Järvis Herangehensweise auch wieder den Blick auf einen anerkannten Klassiker wie Joseph Haydn. Dessen Sinfonie Nr. 82, (auch „Der Bär“ genannt) steht Seite an Seite mit einem Solokonzert für E-Gitarre von Christian Muthspiel. Und typisch wienerisch-schwarzhumorig soll es auch mal bei einem Konzert sein, welches die Donaumetropole zum Thema hat: HK Grubers „Frankenstein!!“, ist ein skurriles, mit ganz viel wienerischem Humor gesättigtes Pandämonium auf Texte von H. C. Artmann.
Zu spannenden Konzertabenden gehören wohl kalkulierte ästhetische Brüche, auf die Kristjan Järvi Musiker und Publikum gleichermaßen einschwört. Die dekadent-plüschige Wiener Walzerseligkeit erfährt spätestens in Maurice Ravels Komposition La Valse eine fast schon sarkastische Brechung. Auf einer ganz anderen Ebene doppelbödig und satirisch blickte der Pianist und Komponist Friedrich Gulda auf das Establishment seiner Heimatstadt, etwa in seinem selten gespielten Konzert für Cello und Blasorchester.
October Festival 15.10. - 30.10.2015
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