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Besprechung CD

Arnold Mendelssohn

Symphony No. 2 • Violin Concerto
Ziling Guo • Symphoniker Hamburg • Ulrich Windfuhr

cpo 555 665-2

1 CD • 74min • 2022, 2023

23.02.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Es hat lange gedauert, bis erstmals Musik von Arnold Mendelssohn (1855–1933) auf CD erschienen ist; Pionierarbeit leistete dabei einmal mehr das Label cpo mit einer CD mit den beiden Streichquartetten, erschienen 2012 und mittlerweile schon wieder vergriffen. Seither findet man dann und wann weitere Tonträger mit Werken Mendelssohns unter den Neuheiten (die Namensgleichheit mit Felix Mendelssohn Bartholdy ist nicht zufällig: Arnolds Vater und Felix waren Cousins). Während er zu Lebzeiten besonders als Komponist von Vokalmusik bekannt war, ist es aktuell tendenziell (in Zahlen: vier von nun fünf Alben) eher seine Instrumentalmusik, die Beachtung findet. Die vorliegende Neuerscheinung präsentiert mit dem Violinkonzert und der Sinfonie Nr. 2 erstmals zwei seiner Orchesterwerke, eingespielt von den Symphonikern Hamburg unter der Leitung von Ulrich Windfuhr und mit der Geigerin Ziling Guo als Solistin.

Eine gewisse Janusköpfigkeit

Der Großteil der Orchestermusik Mendelssohns entstand binnen weniger Jahre um 1920 herum, darunter seine drei Sinfonien und das am Beginn dieser CD stehende Violinkonzert g-moll op. 88 (1921). Mendelssohn ist grundsätzlich ein traditionsverwurzelter und -bewusster Komponist, dessen Vorbilder oft genug deutlich erkennbar sind. Hier ist es zum einen Beethovens Violinkonzert, das da und dort durchscheint, und deutlich auch Bruchs Violinkonzert Nr. 1, mit dem das Werk bereits die Abfolge der Tonarten (g-moll, Es-Dur, G-Dur) teilt. Dabei ist Mendelssohns Orchester ungewöhnlich sparsam besetzt (neben den Streichern doppeltes Holz und zwei Hörner, dagegen keine Trompeten und keine Pauken), was dem Werk einen klassizistischen Anstrich verleiht. Überhaupt ist eine gewisse Janusköpfigkeit für Mendelssohns Musik charakteristisch: man stößt immer wieder auf Passagen, die eher früh- als spätromantisch anmuten, das Rondothema des Finales ist eine Art unschuldig-diatonisches, fast schon schlichtes Liedchen. Dann aber wieder weicht Mendelssohn unvermutet von der Norm ab, baut stilistische und harmonische Irregularitäten und Rückungen ein und komponiert im Finale als zweites Couplet ganz unverhofft eine Art melancholisches Nobilmente. Verblüffend lapidar die Schlüsse des 1. und ganz besonders des 3. Satzes, fast wie die Verweigerung einer großen Geste; typisch auch die gewisse Unrast, die den langsamen Satz spätestens ab dem Mittelteil und auch in seinem weiteren Verlauf beherrscht.

Volkstümlich-Humoriges und „Fratzen“

All dies ergibt in der Summation ein durchaus charakteristisches Profil. Nichtsdestoweniger halte ich das Violinkonzert insgesamt für kein rundum überzeugendes Werk, nicht nur angesichts der Längen, die der 1. Satz (mit allerhand Passagenwerk) besitzt, sondern auch, weil sich die Disparitäten dieser Musik hier nicht recht zu einer wirklichen Einheit fügen. Anders verhält es sich mit der Sinfonie Nr. 2 C-Dur op. 92 (1922), die damals auch Wilhelm Furtwänglers Interesse (temporär) weckte. Dabei sind viele der oben diskutierten Punkte auch in der Sinfonie zu beobachten. Ausgangspunkt ist diesmal Bruckner und dessen von Mendelssohn bewunderte 7. Sinfonie, und das sehr markante, emporstrebende Hauptthema des 1. Satzes kann ohne Probleme als entsprechende Hommage gedeutet werden. Eine Sinfonie in der Bruckner-Nachfolge ist Mendelssohns Zweite indes sicher nicht, denn auch wenn man beim machtvollen Blechbläsersatz am Ende der Durchführung des Kopfsatzes oder angesichts des robust-gemächlichen Dreiertakts des Scherzos an Bruckner denken kann, sind die wesentlichen stilistischen Koordinaten doch andere – etwa Schuberts Neunte im wiederum eher bewegten langsamen Satz oder in der Art, wie sich das Finale aus seiner langsamen Einleitung heraus entwickelt, Beethovens Erste. Das Hauptthema des 1. Satzes kehrt dabei in allen Sätzen wieder, ganz deutlich und humorig-volkstümlich etwa gleich zu Beginn des Scherzos. Und natürlich ist auch Mendelssohns Faible für das Überraschende präsent, wenn etwa im gut gelaunten Finale urplötzlich Moll-Akkorde wild „grimassierend“ (in Anlehnung an Mendelssohns im Beiheft zitierte eigene Aussage von den „Fratzen“ in seiner Musik) hereinplatzen.

Ein durchaus kurzweiliges Stück Musik

Insgesamt ist im Vergleich zum Violinkonzert die Orchestrierung wesentlich üppiger und die Harmonik reicher, spätromantischer, obwohl auch hier immer wieder gewisse eher klassizistische Einschläge zu beobachten sind; die gesamte Sinfonie um Jahrzehnte zurückzudatieren, wie man es in solchen Fällen oft liest, würde indes nicht funktionieren. Ein vergessenes Meisterwerk ist diese Sinfonie nicht, wohl aber ein unterhaltsames, vergnügliches, durchaus kurzweiliges Stück Musik, getragen von einigem Schwung und Elan. Ulrich Windfuhr und die Hamburger Symphoniker leisten ebenso wie Ziling Guo an der Violine den diskographischen Neulingen einen ungemein kompetenten Dienst. Den langsamen Satz der Sinfonie könnte man eine Spur langsamer nehmen und im Tutti da und dort stärker differenzieren (vgl. das Finale), doch insgesamt erhält man durch diese Interpretationen einen sehr guten Einblick in Mendelssohns Schaffen. Ein engagiertes Beiheft rundet eine durchaus interessante Produktion ab.

Holger Sambale [23.02.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Arnold Mendelssohn
1Konzert g-Moll op. 88 für Violine und Orchester 00:35:17
4Sinfonie Nr. 2 C-Dur op. 92 00:38:47

Interpreten der Einspielung

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