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DVD-Video-Besprechung

Roger Norrington

The Romantics
Interviews • Rehearsals • Documentaries • Concerts • Ways to Wagner • Tchaikowsky: Pathétique - A Portrait • Berlioz: Le Corsaire

SWRmusic 93.901

1 DVD-Video • 3h 15min • 1999, 2003, 2004

27.09.2007

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 3
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 3

Time is money. In Zeiten des verstärkt um sich greifenden Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms sind die Erfolgsaussichten für einen Dirigenten nicht schlecht, wenn er das Meistersinger-Vorspiel in acht statt zehn Minuten absolviert – zumal wenn er sich dabei auf Wagner selber beruft (wobei niemand weiß, ob Wagners Uhr besser funktionierte als Beethovens Metronom…). So prescht Roger Norrington nun also durch die Musik der Romantiker, die für ihn ohnehin allesamt nur verkappte Barock-Komponisten sind – zeitsparend und unverbindlich: Romantik „light" sozusagen, wobei niemand der Gefahr übermäßigen Zeitverlustes oder tieferer Ergriffenheit ausgesetzt ist.

Auf der vorliegenden CD sind drei komplette Fernsehsendungen enthalten, die jeweils einem Komponisten gewidmet sind: Berlioz mit einer etwas zähflüssigen, mit ein paar Anekdoten garnierten Probe zur Ouvertüre Der Korsar, Tschaikowsky mit der satzweise erläuterten und gespielten Pathetique und Wagner mit den Vorspielen zu Meistersinger, Parsifal und Tristan, an denen Norrington seine privaten Vorstellungen von Tempo und Klang demonstriert. Dazwischen die mittlerweile sattsam bekannte Mixtur aus subjektiver Meinung, unbelegten Behauptungen, pseudowissenschaftlichen Exkursen und abwegigen Querverbindungen, vorgetragen mit der Attitüde eines Oberlehrers.

Laut Norrington ist (warum auch immer) „Neubewertung in der Musik wichtig" – ganz grundsätzlich und ganz allgemein. Was bei der an äußerlichen Effekten reichen, an Substanz armen Musik von Berlioz Korsar noch wenig Schaden anrichtet, geht bei Tschaikowsky und Wagner an den Kern der Sache und erfüllt nicht selten den Tatbestand der Entstellung. Da wird Wagners Tristan-Vorspiel kurzerhand zum Walzer umfunktioniert, denn „es ist ganz natürlich, dass Wagner einen Walzer-Rhythmus für seine Oper über die Liebe gewählt hat". Seriöse Argumentation oder vielmehr Bauernfängerei? Der völlig unsinnige Vergleich mit Berliozí Romeo und Julia und Verdis Traviata, mit dem Norrington seine Walzer-Theorie zu rechtfertigen sucht, beweist in erschreckendem Maße die Oberflächlichkeit seiner Herangehensweise. Der Klang hat für Norrington ausnahmslos „rein" und vor allem „unschuldig" zu sein – auch bei Tristans sehrender Leidenschaft und bei Tschaikowskys todesnaher Pathetique. Deren Finale lässt er wie Händel spielen, kommt doch hier wie im „Largo aus Xerxes" eine absteigende Skala vor (egal in welchem Zusammenhang). Dass der vibratolose, unbelebte Klang weder den verzweifelten Aufschrei des Beginns realisieren kann, noch genügend Tragkraft für diesen außerordentlichen Satz besitzt, entgeht Norrington in seinem ideologisch befangenem Bewusstsein. Aber nicht einmal die Musiker seines Orchesters scheinen restlos überzeugt: Während er vor der Kamera die vermeintlichen Vorzüge des vibratolosen Spiels preist, sieht man hier einen Geiger, dort einen Cellisten instinktiv dem Bedürfnis nach Belebung des Tons nachgeben und verstohlen vibrieren.

Aus der Partitur pickt sich Norrington heraus, was ihm gerade passend erscheint, und unterdrückt geflissentlich alles, was mit seiner Theorie nicht kompatibel ist. Zwischendurch sieht man ihn mit gewichtiger Miene im Autograph blättern, was seinen Ausführungen wohl die höheren wissenschaftlichen Weihen geben soll. Selbstgefällig breitet er seine CDs vor der Kamera aus. Und nach vollbrachter Aufführung klopft er sich selbst auf die Schulter: „Das ist wirklich anspruchsvolle Musik!" Aber man sollte sich nicht für dumm verkaufen lassen: Da behauptet er, dass bisher alles im 4/4-Takt gegangen sei, obwohl er gerade (entgegen Wagners Bezeichnung und in völliger Verkennung des charakteristischen Pulses) den Einzugsmarsch der Meistersinger alla breve dirigiert hat. Nur in einem Punkt hat Norrington recht: Das Stuttgarter Orchester spielt (trotz der ihm auferlegten Einschränkungen) auf hohem Niveau. Und es beweist Standfestigkeit – auch wenn der Dirigent den Puls verfehlt, das Legato zerhackt, fuchtelt, rudert, schiebt oder gar gegen das Orchester schlägt.

Positiv zu vermerken ist die Präsentation des Ganzen: Bildqualität, Kammeraführung und Schnitt sind ausgezeichnet, auch die Klangqualität ist nicht schlecht. Für die original englischen Textpassagen gibt es einen deutschen Synchronsprecher, für den Berlioz-Film kann man deutsche Untertitel wählen. Wer wie Norrington glaubt, dass wir „die Musik für unsere eigene Zeit neu interpretieren" müssen, dem mag diese DVD die gewünschten Sensationen vermitteln. Wer je das Tristan-Vorspiel unter Sergiu Celibidache oder Carlos Kleiber erlebt hat und davon berührt wurde, wird kaum Freude an Norringtons „Interpretation" haben.

Sixtus König † [27.09.2007]

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