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CD-Besprechung

ECM 472 0822

1 CD • 57min • 2001

06.07.2004

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Manchmal begegnet man musikalischen Kunstwerken, die schon lange vor der Zeit ihrer Niederschrift existiert haben müssen. Es sind dies die Augenblicke, in denen man aufhören sollte, über stilistische, historische und philosophisch-ästhetische Fragen oder über Dürfen und Nicht-Dürfen zu raisonnieren und sich statt dessen einfach dem Erleben aussetzen müßte, das einen jenseits aller Theorie wie eine ganz ursprüngliche, also schlichte Wahrheit ergreifen könnte, wenn – ja, wenn da nicht dieser unsägliche Drang wäre, alles durch den großen intellektuellen Filter zu gießen mit dem Ziel, jeder möglichen emotionalen Reaktion aus dem Wege zu gehen und dabei ohne Rücksicht auf Verluste auch jene potentiellen Hörer zu verprellen, die bei der Anhörung von Musik nicht ständig den Fremdwörter-Duden neben sich liegen haben.

Es sei nun nicht behauptet, daß all die hochgestochenen Formulierungen des Booklet-Textes in der Sache falsch sind. Gewiß nicht. Doch die Musik von Giya Kancheli ist zunächst einmal eine Einladung an (mit)empfindende Seelen. Sie kann, wie die beiden hier wunderbar eingespielten Werke der Jahre 1996/97 repräsentativ darstellen, eine Schicht im Hörer treffen, die sich der Ratio weitgehend entzieht und doch mit ihr kokettiert, weil sie natürlich auch Form ist und Anspielung, Andeutung, Erinnerung an bereits bekannte Welten. In der 1996 entstandenen Valse Boston für Klavier und Streicher für „meine Frau, mit der ich nie getanzt habe” sind das beispielsweise deutliche Reminiszenzen an Debussy, der aber auch wieder der Jüngere sein könnte: La plus que lente erscheint vor diesem Hintergrund wie die Miniaturausgabe einer ins große geweiteten Szene, die man auch in Ravels Konzept der Valse findet. Es ist der Traum von einem rituellen Tanz, der sich vor uns ausbreitet und in seiner zeitlichen Überdehnung wie jede slow motion Platz für viele Assoziationen läßt.

Noch beeindruckender ist freilich das Titelstück des zweiteiligen Albums, Diplipito für Violoncello, Countertenor und Orchester von 1997. Und das sowohl wegen der noch größeren Ausgewogenheit als auch vor allem wegen der ausgesprochen aparten Synthese aus Solokantate und Solokonzert. Den Gesangstext bilden, so Kancheli, „bedeutungslose Worte aus einem georgischen Epos”, und angesichts der Tatsache, daß wir alle diese kaukasische Mundart ganz selbstverständlich beherrschen, ist es auch sinnlos, über tiefere, für den Komponisten bedeutende Symbole zu sinnieren. Fakt ist, daß das unerhört sensible Ineinandergehen der vokalen und instrumentalen Sololinien im Zusammenwirken mit dem sparsam genutzten Orchester eine spannungsgeladene Zeitlosigkeit suggeriert, die sich wie eine Knospe ganz langsam, ganz allmählich zu einer großen, ruhig leuchtenden und facettenreichen Blüte entfaltet, von der man gar nicht mehr lassen mag. Vielleicht vermag sich der ein oder andere vorzustellen, wie froh ich bin, daß ich zunächst gehört und erst dann gelesen habe, was ich eigentlich hätte hören sollen ...

Rasmus van Rijn [06.07.2004]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Giya Kancheli
1Diplipito für Violoncello, Countertenor und Orchester (1997)
2Valse Boston für Violine, Klavier und Streicher

Interpreten der Einspielung

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