Hans Fährmann
Orgelwerke • Organ Works
Andreas Jetter
Ambiente-Audio ACD-2059
2 CD • 1h 26min • 2026
20.10.2026
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Gesamteindruck:![]()
Klassik Heute
Empfehlung
Die (Orgel-)Musik von Hans Fährmann (1860–1940) war diskografisch jahrelang sträflich unterrepräsentiert. Der Organist Dietrich von Knebel war nahezu der einzige, der sich vor rund zehn Jahren für das Label Querstand an eine Fährmann-Edition herangewagt hatte. Wichtige Werke, vor allem die aus Fährmanns später Schaffensperiode, fehlten in von Knebels Reihe. Das hatte einen einfachen Grund: man glaubte, dass diese bei den alliierten Luftangriffen 1943/44 auf Leipzig in Schutt und Asche gelegt wurden, zumal auch Fährmanns dort ansässiger Verlag Otto Junne mitsamt seinen Druckplatten im Bombenhagel unterging.
Organist Andreas Jetter (Jg. 1978), seit 2010 Dommusikdirektor an der Kathedrale von Chur (Schweiz), der sich seit mehr als 15 Jahren intensiv mit Fährmanns Orgel-Œuvre beschäftigt, hat diese bislang als verschollen bzw. vernichtet erachteten Spätwerke im Nachlass des Komponisten entdeckt und für Ambiente-Audio auf zwei CDs eingespielt. Es ist sein zweites Album mit Fährmann-Werken, das bei diesem Label erscheint. Das erste, auf dem Fährmanns Orgelsonaten Nr. 6 & 7 zu hören sind, wurde von meinem Kollegen Guido Krahwinkel am 24. Mai dieses Jahres auf KLASSIK-HEUTE zurecht gefeiert und mit Bestnoten bedacht. Auf die Gefahr hin, dass das jetzt sensationsheischend klingt: dieses mit dem Motto „opera ultima pro organo“ versehene Doppel-Album ist in jeder Hinsicht ein diskografisches Ereignis von musikhistorischer Tragweite – und ein Leuchtturm im Orgel-Katalog von Ambiente-Audio.
Klingende Dom-Bilder
Die insgesamt vier Bilder deutscher Dome, op. 76, entstanden zwischen 1922 und 1924. Gedruckt wurde zu Fährmanns Lebzeiten davon nur eines, und zwar das erste Bild der Reihe Ulmer Münster. Die übrigen drei (Kölner Dom, Regensburger Dom und Erfurter Dom) galten, wie oben geschrieben, als verschollen bzw. vernichtet. Erstaunlich genug, dass sich in all den vielen Jahren seit dem Tod von Fährmann niemand die Mühe gemacht hat, zu prüfen, ob das auch wirklich stimmt. Und so blieb es Andreas Jetter vorbehalten, nach intensiven Recherchearbeiten diese – nicht nur für die Orgelwelt! – überaus wertvolle Schatulle zu finden und zu bergen, die, wie mir Andreas Jetter am Telefon erzählte, beim Öffnen einen Brandgeruch verströmt habe. Der eigentliche Schatz, die Manuskripte, hatte das Bombeninferno aber wie durch ein Wunder in lesbarem Zustand überlebt. Alle Werke, bis auf Ulmer Münster und Allerseelen – Fantasie und kanonisches Duo für Orgel, op. 89, erklingen auf dem Doppel-Album als Weltersteinspielungen.
Auch wenn es der Werktitel nahelegt (und obwohl Fährmann zu seinen Lebzeiten als der „Richard Strauss der Orgel“ galt), handelt es sich bei den „Bildern deutscher Dome“ weder um Programmmusik (im Sinne von Strauss), noch um einen Zyklus oder gar um eine Orgelsinfonie in vier Sätzen. Jedes „Bild“ steht für sich allein, und jedes erzählt seine ganz eigene Geschichte: Das Ulmer Münster präsentiert sich streng, protestantisch und erhaben; im und um den katholischen Kölner Dom herum hört man (auch) das laute und fröhliche Treiben der Stadt; der Regensburger Dom gibt sich zunächst geheimnisvoll und entwickelt sich dann zunehmend hymnisch, und der Erfurter Dom ist aus einem kargen und streng polyphonen Ton-„Material“ gebaut, aus welchem Fährmann dann aber auch eine seiner schönsten Hymnen „formt“, bei der „kontrapunktische Kunst und romantischer Überschwang zu einer leuchtenden Apotheose verschmelzen“, wie es im Booklet zutreffend heißt. Wer als Rezipient den sprichwörtlichen „langen Atem“ mitbringt, kann die vier „Stimmungsbilder“, von denen jedes rund 12 Minuten dauert, aber trotzdem sehr gut am Stück anhören.
Orgelsonate mit „transcendentaler“ Fuge
Vielleicht noch einen Tick sensationeller als die Bergung der drei verschollen geglaubten Dom-Bilder ist (in meinen Ohren) die Orgelsonate Nr. 14 mit Fuga transcendentale, G-Dur, op. 79. Andreas Jetter erklärte mir gegenüber: „Diese 1930 vollendete Sonate ist Fährmanns letzter und avanciertester Gattungsbeitrag, ein totales Bekenntniswerk, das sich, obwohl zutiefst romantisch empfunden, an der Grenze der Tonalität bewegt und dabei mitunter an Skrjabin erinnert. Die ergreifende Musik markiert für mich einen Gipfelpunkt deutsch-romantischer Orgelkunst.“ Am Schluss der „transcendentalen“ Fuge vereinigen sich alle Themen mit Fährmanns persönlichem Bekenner-Choral „Nach einer Prüfung kurzer Tage erwartet uns die Ewigkeit“ (nach einem Text von Christian Fürchtegott Gellert) zu einer Apotheose, die bei aller Monumentalität nie geharnischt wirkt oder gar affirmativ-virtuos daherkommt. Dazu passt, dass die Fuge auf ihrem Höhepunkt „zusammenbricht“, wie es im Booklet heißt, „um die letzte Chorzeile in wahrhaft transzendentalen ppp zu wiederholen und gänzlich zu verhallen.“ – Es ist sicher nicht übertrieben zu sagen, dass Jetter hier eine der ambitioniertesten und besten Orgelsonaten – nicht nur der deutsch-romantischen Schule – geborgen und eingespielt hat. Man kann die Bedeutung dieses Fundes wirklich nicht hoch genug einschätzen.
„Allerseelen“
Ein letztes Wort noch zum Schlussstück des Doppel-Albums: Allerseelen – Fantasie und kanonisches Duo für Orgel, op. 89. Es handelt sich dabei um Fährmanns offiziell letztes Orgelwerk, das 1937 beim Verlag Otto Junne als Einzelausgabe erschien und das auf ein 1922 entstandenes Werk zurückgeht, das ursprünglich Salzburger Dom heißen sollte und ziemlich sicher als vierte Nummer der „Bilder deutscher Dome“ geplant war. Beide Fassungen unterscheiden sich laut Booklet kaum voneinander. „Das Werk besteht im Kern aus einem kanonischen Duo von einzigartiger Geschlossenheit. Zwei Stimmen umkreisen, begleiten und durchdringen einander in unauflöslicher Einheit“, heißt es im von Organist Andreas Jetter selbst verfassen Text. Jetter vermutet, dass es sich bei diesem Werk, „in dem zwei Stimmen so eng verbunden sind, dass sie nur als Einheit im Kanon Sinn ergeben“, um einen Abgesang und klingendes Denkmal für Fährmanns Frau Julie handelt, die 1921 gestorben war. Fakt ist: Fährmanns finale Orgelkomposition hat eine emotionale Tiefe und Wucht, die einem die Tränen in die Augen treibt. Noch würdigerer kann man sich als Komponist kaum von der Orgel verabschieden.
Die Orgel
Diese Besprechung bliebe unvollständig ohne ein Wort zu Jetters Spiel und seiner Wahl des Instruments: die 1929/30 von der Zittauer Orgelbauwerkstatt A. Schuster & Sohn gebaute, 2011 bis 2013 von der Firma Jehmlich Orgelbau Dresden GmbH restaurierte Orgel entfaltet mit ihren 87 Registern und mehr als 6.000 Pfeifen einen spektakulären „Sound“, der für die hier erklingenden Werke schlicht kongenial ist. Es ist mir völlig unerklärlich, warum dieses ebenso transparent wie voluminös und warm klingende Instrument nach meinen Recherchen bis dato noch von keinem Organisten für eine CD-Einspielung entdeckt worden ist. Und so haben wir es hier mit einer Doppel-Premiere zu tun: Die diskografische „Jungfernfahrt“ der Schuster-Orgel mit klingenden Schätzen „an Bord“, die für dieses grandiose Instrument wie geschaffen sind. Und da man Andreas Jetter, der sich seit fast zwei Dekaden mit Fährmanns Orgel-Œuvre beschäftigt, mit seinem ebenso klaren wie expressiven und klangschönen Spiel als idealen Interpreten dieser Musik bezeichnen muss, kann man als Fazit festhalten: „opera ultima pro organo“ ist ein exzeptionelles Album, das in wirklich allen Belangen – Wahl des Instruments, Registrierung, Interpretation, Raumakustik, Klang und Booklet – überzeugt und eindringlich dazu einlädt, die Orgelmusik von Hans Fährmann (neu) zu entdecken. Andreas Jetter hat mir gesagt, dass es (mindestens) noch ein weiteres Fährmann-Album mit ihm als Organisten geben wird, das dann allerdings nicht an der Schuster-Orgel, sondern wieder an der Goll-Orgel der Kollegiumskirche Schwyz aufgenommen wurde, wo auch schon die CD mit den oben erwähnten Orgelsonaten 6 und 7 eingespielt worden war. Jetters Fährmann ist für alle Orgel-Begeisterten ein absolutes Muss!
Dr. Burkhard Schäfer [20.10.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Hans Fährmann | ||
| 1 | Ulmer Münster op. 76 Nr. 1 (aus: Bilder deutscher Dome op. 76 - Tonbilder für Orgel) | 00:12:28 |
| 2 | Kölner Dom op. 76 Nr. 2 (aus: Bilder deutscher Dome op. 76 - Tonbilder für Orgel) | 00:11:58 |
| 3 | Regensburger Dom op. 76 Nr. 3 (aus: Bilder deutscher Dome op. 76 - Tonbilder für Orgel) | 00:11:34 |
| 4 | Erfurter Dom op. 76 Nr. 4 (aus: Bilder deutscher Dome op. 76 - Tonbilder für Orgel) | 00:10:52 |
| CD/SACD 2 | ||
| 1 | Orgelsonate Nr. 14 G-Dur op. 79 (mit Fuga transcendental) | 00:25:29 |
| 3 | Allerseelen op. 89 (Fantasie und kanonisches Duo) | 00:13:02 |
Interpreten der Einspielung
- Andreas Jetter (Orgel)
