Paul Hindemith
Complete Orchestral Works II
Werner Andreas Albert
cpo 999 783-2
5 CD • 5h 22min • 1089-1995
27.07.2026
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Klangqualität:![]()
Gesamteindruck:![]()
Es ist nunmehr 40 Jahre her, dass das Label cpo gegründet wurde – mittlerweile natürlich längst eine fest etablierte Größe am Markt, speziell in Sachen Repertoireraritäten. Diesen Ruf hat sich die „Osnabrücker Klassikproduktion“ nicht zuletzt mit einer Reihe von ambitionierten Aufnahmeprojekten in den 1990er Jahren erarbeitet, Kernstücke und bis heute fester Bestandteil des cpo-Katalogs. Zu diesen Marksteinen zählt auch die Gesamtaufnahme der Orchesterwerke Paul Hindemiths mit Werner Andreas Albert, einem der „Hausdirigenten“ des Labels, am Pult verschiedener Orchester (neben dem RSO Frankfurt vier aus seiner zweiten Heimat Australien). Jetzt werden diese Aufnahmen in drei Boxen wiederveröffentlicht.
Diskographische Erfassung bis hin zu den spätromantischen Anfängen
Tatsächlich muss Hindemith mittlerweile bei aller Bekanntheit wohl doch wenigstens tendenziell zu den eher seltener gespielten Komponisten gerechnet werden – vielleicht auch, weil man in seiner Musik nicht unbedingt die (derzeit populären) großen persönlichen Dramen findet, sondern eher eine gewisse Objektivität, Sachlichkeit, jedenfalls keine bedingungslose Emotionalität. Selbstredend gibt es von seiner Musik dennoch eine Bandbreite von Einspielungen, von der man bei zahlreichen anderen Komponisten nur träumen kann, obwohl: schon beim frühen Cellokonzert Es-Dur op. 3 (1915/16) ist die vorliegende Box auf dem Tonträgermarkt allem Anschein nach bis heute konkurrenzlos. Hier erlebt man den jungen Hindemith noch deutlich unter dem Einfluss von Richard Strauss; mit 26 Minuten zwar nicht übermäßig lang, ist es dennoch ein Werk der Grenzüberschreitungen, etwa einer Fülle von orchestralen Details (bis hin zur temporären Skordatur eines der Orchestercelli) und teilweise erheblichen Schwierigkeiten im Solopart. Bei alledem eine Talentprobe, die aufhorchen lässt, allerdings ebenso wie die Tatsache, dass das nächste konzertante Werk für Cello, die Kammermusik Nr. 3 op. 36 Nr. 2, nur etwa zehn Jahre später entstand – ein enormer Schritt hin zur Verknappung, klanglichen Konzentration und Präzision und zur Abkehr von romantischen Paradigmen zugunsten barocker Vorbilder.
Vorzügliche Solisten
Überhaupt erscheinen die Werke für Cello durchaus repräsentativ für die grundlegenden Tendenzen von Hindemiths Schaffen: mit dem Cellokonzert von 1940 ist auch sein Reifestil abgedeckt, nun wieder ausladender und im vollen Orchester – ein ganz vorzügliches Werk, das viel häufiger gespielt werden müsste: markant, energiegeladen, ja agitiert der Kopfsatz, wundersam friedvoll der Beginn des langsamen Satzes (dessen Hauptthema Walton nicht umsonst zur Grundlage seiner eigenen Hindemith-Variationen machte), robust und im Kontrast zwischen Solocello und Orchester wiederum konfliktgeladen der finale Marsch. Der Eindruck ist umso vorteilhafter, wenn diese Werke von einem so versatilen, souverän gestaltenden, mit wunderbar austariertem Ton spielenden Solisten wie David Geringas vorgestellt werden. Die Solisten sind ohnehin ein ausdrückliches Plus dieser Einspielungen, denn auch Siegfried Mauser am Klavier weiß Hindemiths Musik fein ausdifferenziert und reich an Subtilitäten, auch mit einer gewissen Freiheit zu gestalten.
Kontextualisierung durch Repertoireergänzungen
An dieser Stelle sei der Begriff Gesamtaufnahme kurz unter die Lupe genommen: bei den Werken für Klavier und Orchester fehlt die Klaviermusik op. 29 (für die linke Hand), deren Manuskript zum Zeitpunkt dieser Aufnahmen noch nicht zugänglich war (mittlerweile gibt es eine Einspielung mit İdil Biret am Klavier); ausgelassen wurde auch das Konzertstück für Trautonium und Streicher. Andere, genreüberschreitende Werken werden in Auszügen vorgestellt, so etwa Hindemiths frühe Musik zum Stummfilm In Sturm und Eis oder der Plöner Musiktag (1932): was hier präsentiert wird, ist die Suite daraus, die Willi Draths zusammengestellt (und orchestriert) hat – in diesem Fall würde ich eher zur Gesamteinspielung von Jobst Liebrecht raten, denn den Eindruck des faszinierend Kaleidoskopischen, den der komplette Musiktag erzeugt, gibt die Suite so nicht wieder. Gerade solche Repertoireergänzungen liefern dabei aufschlussreiche Kontextualisierungen: so spätromantisch grundiert wie das Beiheft sehe ich In Sturm und Eis nicht, eher auf dem Weg vom frühen Cellokonzert zur Kammermusik Nr. 1 und dieser schon ein gutes Stück näher; so französisch-impressionistisch beeinflusst wie in der Hérodiade hört man Hindemith selten, im expressionistischen Dämon ist nicht zuletzt ein gewisses Maß an Exotik präsent, und natürlich kann man die Suite französischer Tänze u.a. trefflich zum Finale des Klavierkonzerts in Bezug setzen.
Solidität und Kompetenz
Werner Andreas Albert ist wie üblich ein Garant für Solidität; überhaupt besitzt er erhebliche Meriten als Interpret seltenen Repertoires – im Rahmen dieser Box etwa sei darauf hingewiesen, dass er bis heute der einzige Dirigent einer Hindemith-Gesamteinspielung geblieben ist. Insgesamt gerät Albert Hindemiths ureigener, dezidiert uneitler Tonfall überzeugend, wie ich generell den Eindruck habe, dass Alberts Stärken gerade bei kompakt konzipierter Musik voll zur Geltung kommen. Etwas schwächer die Lesart der Kammermusik Nr. 1 op. 24 (1922), deren freche, provokative Art (die seinerzeit so manchem die Zornesröte ins Gesicht steigen ließ) mehr Differenzierung, mehr Schärfe benötigen würde, allerdings hier auch korrespondierend mit einem nicht völlig präsentem Klangbild (was in dieser Box längst nicht durchgängig der Fall ist!). Einen Gegenpart bietet u.a. die bereits erwähnte Einspielung des (reifen) Cellokonzerts, die interpretatorisch wie klangtechnisch vorzüglich gelungen ist. Was das Editorische betrifft, sei hervorgehoben, dass die ursprünglichen, lesenswerten Begleittexte auch in der neuen Pappbox vollständig enthalten sind. Ein Vergnügen, sich mit dieser Musik in diesen stets sehr soliden, kompetenten Aufnahmen zu befassen!
Holger Sambale [27.07.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Paul Hindemith | ||
| 1 | In Sturm und Eis (Filmmusik, Auswahl) | 00:13:48 |
| 2 | Kammermusik Nr. 1 op. 24 Nr. 1 | 00:15:40 |
| 6 | Fünf Stücke op. 44 Nr. 4 für Streichorchester | 00:12:00 |
| 11 | Plöner Musiktag (Auswahl) | 00:17:34 |
| 15 | Suite französischer Tänze | 00:09:30 |
| CD/SACD 2 | ||
| 1 | Kammermusik Nr. 2 op. 36 Nr. 1 (Konzert für obligates Klavier und 12 Solo-Instrumente) | 00:20:41 |
| 5 | Konzertmusik op. 49 für Klavier, Blechbläser und Harfen | 00:26:12 |
| CD/SACD 3 | ||
| 1 | Violoncellokonzert Es-Dur op. 3 | 00:26:01 |
| 3 | Kammermusik Nr. 3 op. 36 Nr. 2 (Konzert für Violoncello und 10 Solo-Instrumente) | 00:16:23 |
| 7 | Violoncellokonzert (1940) | 00:23:07 |
| CD/SACD 4 | ||
| 1 | Die vier Temperamente für Streichorchester und Soloklavier | 00:28:30 |
| 6 | Klavierkonzert (1945) | 00:33:45 |
| CD/SACD 5 | ||
| 1 | Der Dämon op. 25 (Eine Tanz-Pantomime) | 00:33:54 |
| 16 | Hérodiade (Ballett - Orchesterrezitation nach Mallarmé) | 00:43:00 |
Interpreten der Einspielung
- Siegfried Mauser (Klavier)
- David Geringas (Violoncello)
- Annie Gicquel (Rezitation)
- Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt (Orchester)
- Tasmanian Symphony Orchestra (Orchester)
- Queensland Symphony Orchestra (Orchester)
- Werner Andreas Albert (Dirigent)

